Autismus: Please don´t touch

Mit diesem Blogbeitrag möchte in den Themenbereich „Wahrnehmung und Autismus“ langsam und fürs Erste abschließen. Letzte Woche habe ich mit dem Fühlen und dort im speziellen mit dem Schmerzempfinden von Autisten aufgehört. Nun knüpfe ich mit dem Tastsinn an diesen Beitrag an.

Wie die anderen Sinne auch, kann der Tastsinn bei Autisten besonders ausgeprägt sein. Nicht nur in der Empfindung sondern auch in der Bedeutung. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass ein autistisches Kind sich unter Umständen weniger mit der Funktion eines Spielzeuges als mit einem Teil oder der Oberfläche befasst? Das kann zum einen eine Teilfunktion des Spielzeuges oder Gegenstandes sein. Also das sich drehende Rad eines Autos, ein beweglicher Teil, etwas was Geräusche macht usw. Es kann aber auch die Oberfläche sein die einen Autisten fasziniert. Ich kann nicht sagen ob es etwas besonders bei Autisten ausgeprägtes ist, aber ich habe schon von klein auf meine Welt im wahrsten Sinne des Wortes „begriffen“.

Oberflächen und deren Struktur bzw. Textur haben mich schon immer fasziniert. Und auch heute noch muss ich mich manchmal sehr beherrschen Dinge nicht einfach anzufassen um sie begreifen zu können. Im Laufe der Jahre lernt man natürlich das Gefühl wie sich verbreitete Dinge anfassen und auch das man eben nicht alles anfassen darf was man gerne möchte. Ersteres durch ausprobieren, zweiteres manchmal leider auch. So fand ich als kleines Kind die Winterdekoration eines Schaufensters total faszinierend. Die Wäscherei hatte das Schaufenster mit künstlichem Schnee besprüht. Ich stand lange vor dem Schaufenster, weniger weil es mir gefiel sondern weil ich rätselte ob dieser Schnee nun innen oder außen aufgesprüht war. Mich faszinierte also nicht die Gesamtheit sondern ein kleines Detail über das sich andere wohl niemals einen Kopf gemacht haben dürften.  Ich kam durch das Betrachten nicht darauf wo sich nun der Schnee befand und wie er sich anfühlen musste. In logischer Konsequenz nahm ich also vorsichtig einen Finger und berührte die Schaufensterscheibe. Der Schnee war von außen aufgesprüht und dort wo mein Finger die Scheibe berührte war nun ein kleiner aber gut sichtbarer Punkt im Schneegestöber. Und wie es kommen musste so kam es auch: Ich stand noch recht fasziniert aber auch erschrocken um den Schaden den ich da angerichtet hatte vor dem Schaufenster und betrachtete meinen Finger. Währenddessen stürmte aber schon eine Angestellte aus dem Laden und fing mit einer Standpauke an die sich gewaschen hätte. Ich sagte nur: „Ich wollte doch nur fühlen….“. Als Antwort bekam ich „wenn alle das so machen würden wäre kein Schnee mehr am Schaufenster“ zu hören. Danach hatte ich erst einmal eine ganze Weile fürchterliche Angst meine Welt weiterhin zu begreifen! Heute denke ich mir: Wer nicht will das man seine Schaufenster antatscht und eine Deko beschädigt: Der soll sie gefälligst innen anbringen oder sich nicht aufregen!

Aber gerade Materialen und Strukturen die optisch entweder nicht einzuordnen sind oder neuartige Haptik versprechen sind und bleiben faszinierend. Ich habe manchmal das Gefühl das ich durch das Berühren vieles noch viel intensiver und genauer erfassen und begreifen kann. Für die einen ein Segen, für viele ein Fluch: die Industrie und die Designer entwickeln immer mehr Materialien die zwar nach einer Struktur aussehen, aber beim genauen hinschauen bzw. begreifen sich ganz unerwartet anfühlen. Man könnte fast meinen hier möchte man einen recht kindlichen Sinn im Menschen wieder wecken und in Erinnerung rufen: die Welt begreifen zu wollen!

Tasten und Berühren hängen eng zusammen. Und so komme ich zu einem weiteren für Autisten wichtigen Punkt: Berührungen am Körper! Viele Autisten sind berührungsempfindlich. Zum einen weil sie Berührungen am Körper stärker und anders empfinden. So können Berührungen ganz unangenehme Empfindungen oder Gefühle auslösen. Einige mögen z.B. Kleidung aus bestimmten Materialien nicht. Wolle ist da wohl einer der am häufigsten genannten. Pure Wolle auf der Haut ist für viele sehr unangenehm. Diese unangenehme Empfindung kann ein Kratzen auf der einen Seite der Skala sowie auch Gänsehaut und ein Kribbeln auf der anderen Seite sein. Wenn man nun bedenkt, dass Autisten sowieso unter einer Vielzahl an Reizen leiden die auf sie einprasseln, kann man sich sicher gut vorstellen das dann zusätzlichen Unwohlsein oder gar ständige Reize auf der Haut extrem unangenehm sind!

Zum anderen und losgelöst von der reinen Empfindung kommt ein anderer Aspekt bei den Berührungen am Körper zum tragen: Die persönliche und intime Reichweite. Jeder Mensch hat mehrere unterschiedliche Abstände in der er andere Menschen duldet. Man kann sich das am besten vorstellen wie mehrere Kreise in dessen gemeinsamer Mitte der Betreffende steht.  Alles außerhalb des äußersten Kreises, also dem mit dem größten Radius, bedeutet keine Gefahr. Kommt nun jemand bewusst oder unbewusst in diesen äußersten Kreis erweckt der die gesteigerte Aufmerksamkeit des Betreffenden. Ich möchte dies hier zum besseren Verständnis mal „öffentliche Zone“ nennen. Es gibt in der Wissenschaft sicher genormte Fachbegriffe dafür, Abweichungen bitte ich zu entschuldigen! Der nächste Kreis den jemand betreten kann ist eine private Zone. Jeder der diesen Abstand unterschreitet kommt in den privaten Bereich einer anderen Person. Wo diese private Zone liegt kann man gut durch Beobachtung feststellen: Jemand betritt die private Zone von jemand anderen wenn dieser Ausweicht oder Äußerungen von Unwohlsein zeigt. Man könnte auch sagen: Jemand der unaufgefordert in die private Zone eines anderen kommt ist ihm zu nahe getreten. Im Umkehrschluss begibt man sich aber automatisch in die private Zone eines anderen Menschen wenn man mit ihm kommunizieren oder interagieren möchte. Die letzte und am engsten am Körper anliegende Zone ist die intime Zone. Vermag man noch das Eindringen in die private Zone in manchen Situationen, z.B. an öffentlichen Orten wo sehr viele Menschen sind, wenn auch unter Unwohlsein teilweise zu akzeptieren ist ein Eindringen in den intimen Abstandsbereich in den meisten Fällen angreifend und belästigend. Und hier kommt der Autismus ins Spiel. Als Nichtautist sollte man immer davon ausgehen, dass die Zonen bei Autisten weiter gefasst sind. Was für einen selbst also unter Umständen noch öffentliche Zone ist kann für einen Autisten schon private Zone sein. Und was für den einen noch tolerabel zu sein scheint ist für Autisten oft schon ein Eingriff in die intime Zone! Natürlich kann man nicht erkennen wie weit die Zonen bei anderen Personen gesteckt sind und man erkennt normalerweise auch nicht ob jemand Autist ist oder nicht. Aber in allen Fällen in denen man weiß das die Person mit der man gerade spricht autistisch ist sollte man unbedingt die weiter gesteckten Zonen beachten! Das betrifft insbesondere Ärzte und andere Berufe die einen Körperkontakt unter Umständen nötig machen.

Bei Berührungen spielt auch noch ein dritter Punkt eine große Rolle: Autisten sind von den sie umgebenden Reizen sehr belastet. Um einzelne Reize verarbeiten zu können müssen sie sich auf diese sehr konzentrieren. Das führt wiederum dazu, dass die bewusste Aufmerksamkeit für weitere Reize abnimmt. Wird man dann, für Autisten plötzlich und unvermittelt, angefasst ist das ein großer Schreck und eine massive Verletzung der Intimsphäre. So kann es dazu kommen, dass Autisten auf für andere Menschen normale Berührungen schreckhaft oder gar aggressiv reagieren. Dies tun sie aber nicht weil sie aggressiv sind oder jemanden verletzen wollen, sondern weil man in ihren intimsten Schutzbereich eingedrungen ist. Wenn sich, zum Beispiel beim Arzt, Berührungen nicht vermeiden lassen sprechen Sie bitte mit dem Autisten. Sagen Sie was genau sie machen wollen, wo sie ihn berühren wollen und ob er damit ein Problem hat. Das mag auf den ersten Blick mühsam erscheinen, da man sich selbst  über für einen alltägliche Arbeitsschritte und –abläufe bewusst werden und diese kommunizieren muss. Aber sie tun damit jedem Autisten einen Gefallen und tragen dazu bei, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen ihnen und dem Autisten aufgebaut werden kann. Und ich kann ihnen bestätigen: Ein entspannter weil über die Berührung aufgeklärter Autist ist ein wesentlich besserer Kunde als einer der sich angegriffen und verunsichert fühlt!

Im Umkehrschluss kann eine weitere Zoneneinteilung aber auch für einen Nichtautisten sehr entspannend sein. So wie ich keine plötzlichen Berührungen mag würde ich auch nie eine andere Person unaufgefordert anfassen. Ich empfinde das sogar als extrem unhöflich. Ich käme, mit sehr wenigen Ausnahmen, nicht auf die Idee jemanden aus meiner Verwandtschaft unverhofft zu berühren und z.B. eine Hand auf die Schulter, den Arm oder das Bein zu legen. Und so werde ich auch zu anderen Menschen stets einen gewissen Abstand halten und erwarte auch dass mein Gegenüber das genauso handhabt und respektiert. Das geht soweit, dass ich quasi den Radius meiner Zonen auch auf andere Menschen projiziere. Wer also in den privaten oder gar intimen Radius (nach meinem Empfinden) meiner Lebensgefährtin kommt muss damit rechnen, dass ich das absolut nicht amüsant finde.

Wenn man etwas Positives daraus schließen möchte:  Behandel andere so wie Du behandelt werden möchtest und die Welt wird ein Stückchen besser!

Eigentlich wollte ich unter dem Thema „Please don´t touch“ noch etwas zu der „Welt“ der Autisten und den Routinen schreiben. Das würde aber den Rahmen dieses Beitrages ein wenig sprengen und muss daher eine Weile warten. Dafür bekommt diese Thematik dann einen eigenen Beitrag in Zukunft spendiert!

Die Welt um sich herum zu begreifen kann faszinierend sein und einem neue Welten eröffnen, die privaten Zonen und die Grenzen anderer Menschen zu kennen und zu respektieren macht die Welt für alle ein Stückchen angenehmer!

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5 Antworten zu Autismus: Please don´t touch

  1. Ich finde Deinen Blog auch deswegen so erleuchtend, weil es eine für mich sehr wichtige Frage beantwortet: Erkennen autistische Menschen, dass sie autistisch sind?

  2. melli schreibt:

    nein, ich denke eher nicht, ich bin weiblich und dazu auch noch adhs, und ich habe 50 jahre meines lebens gebraucht, 5 davon mit durchaus beruflich und impulskontroll-funktionierender medikation durch mph, um zu der frage zu finden, das die antwort „adhs“ nur teilweise zutreffend war

    heute liegt ein viel größerer anteil meines lebens, auf den punkten, die durch die adhs medikation nicht weggemacht, sondern im gegenteil verschärft werden, den autistischen zügen, ich bin hier zu hause und im job (und ich habe für jemand mit autistischen zügen einen traumjob) auf rücksichten angewiesen, mein mp3 player, meine sonnenbrille, meine bücher und mein fotoapperat retten mir täglich mein leben, im prinzip rettet das wissen um was ich bin mich

    meine tochter weiß heute, das meine routinen überlebenswichtig für mich sind, sie hat auf die harte tour gelernt, das es gefährlich ist, mich ungewarnt anzufassen, wenn ich auf IN unserer wohung noch den mp3 player trage

    meine tochter ist pur adhs, das führt manchmal zu konflikten, aber sie lernt und ich auch, es gibt dinge die ich ändern kann, besser meine grenzen zu kommunizieren, besser auf mich zu achten, es gibt auch dinge, die ich für meine tochter tun kann, ihr öfter sagen, das ich sie lieb habe, das sie etwas gut gemacht hat, sie öfter in den arm nehmen, das ist für mich alles nicht natürlich, es ist jedesmal eine bewußte entscheidung, diesen punkt kann ich nicht ändern, aber ich kann versuchen zu lernen…so wie meine tochter auch🙂

  3. Dario schreibt:

    Ob autistische Menschen erkennen, dass sie autistisch sind? Sie ahnen zumindest, dass sie in vielerlei Hinsicht „anders“ sind, auch wenn sie dieses „Anderssein“ nicht unbedingt als autistisch erkennen. Schon als Kind habe ich oft vor mir hergesagt „Ich bin anders als die Anderen!“, was aber von den Erwachsenen niemand ernst genommen oder gar als Autismussymptom gedeutet hat.

    Mit etwas 30 Jahren las ich das erste Mal vom Asperger-Syndrom, in dem mich ganz intuitiv sofort wiedererkannt habe. Trotzdem habe ich diesen Verdacht noch mehrer Jahre verdrängt und beiseite geschoben. Mein „Anderssein“ ließ mir aber keine Ruhe und so ließ ich mich im vergangegen Jahr auf Asperger testen. Dass dieser Verdacht bestätig wurde, hat mich nicht wirklich überrascht, im Gegenteil: Zum ersten Mal hatte ich eine halbwegs schlüssige Erklärung, warum mein Leben genauso verlaufen ist und nicht anders.

  4. Nina schreibt:

    Toller Blog und fantastisch geschrieben!

    Du hast übrigens recht: Wir Designer entdecken momentan Oberflächenbeschaffenheiten wieder. Früher lag der Schwerpunkt auf rein visueller Informationsvermittlung. Da musste man nichts anfassen, um es zu „verstehen“. Mittlerweile entwickelt sich aber auch alltägliches Design immer mehr zu einem umfassenden Erlebnis. Jedenfalls das anspruchsvollere. Natürlich ist das auch immer eine Frage des Geldes. Druckveredelungen sind teuer. Und schickes Papier treibt einem auch die Tränen in die Augen.

    Schau dir allein Visitenkarten an… Oder nein… Du musst sie nicht anschauen. Selbst ein Blinder kann eine hochwertige Visitenkarte von einer aus dem Automaten unterscheiden.

    Wie findest du eigentlich Touch-Screens? Näher kann man einem Handy fast nicht kommen.😉

  5. Thomas Kummer schreibt:

    Zuerst einmal:

    Vielen Dank für diesen Blog und .. jepp, Du schreibst sehr gut und auch so, dass sogar ich es verstehen kann🙂.

    Reizüberflutung:

    Es ist seltsam: einerseits mag ich gute Parfums. Ein schöner Gerucht, das ist etwas, das mich entspannen lässt. Auf der anderen Seite: es kann auch hier ein zuviel geben.

    Das meine Nase ein wenig besser zu sein scheint, als die vieler anderen, fiel mir zum ersten mal auf, da war ich knappe 10 Jahre alt.
    Zu der Zeit sind wir mit der Familie noch jedes Jahr im Winter in die Berge zum Skifahren gegangen. Dort haben wir ein Chalet gemietet und haben eine Woche lang das süsse Nichtstun in Verbindung mit Skifahren und Apres-Ski genossen.

    Mit dabei waren auch meine zwei Cousinen. Die eine, mit der hatte ich nie Probleme. Mit der zweiten hatte ich folgendes Problem:
    Sie hat, meiner Meinung nach auf jeden Fall, viel zu viel Schminke aufgelegt und viel zu viel Spray an ihren Körper gelassen. Teilweise konnte ich sie schon riechen, da war sie noch im oberen Stockwerk zugange, wenn sie in meiner Nähe war, zum Beispiel beim Frühstück oder Abendessen, bekam ich, sobald sie sich setzte, nach kurzer Zeit Kopfschmerzen. Dieser Überduft hat mich mehr als überfordert. Mir kam es vor, als würde mir jemand den Kopf in eine Badewanne voll Parfüm drücken.
    Die anderen konnten das nicht teilen, die meinten nur, ich würde übertreiben und solle doch nicht so tun.

    Auch die Schminke. Wie es zu der Zeit noch gegeben war, konnte ich jede andere auf die Backen küssen, aber nicht diese eine Cousine. Erstens wegen des Duftes, dann noch wegen der Schminke. Das war mir einfach zuviel. Für mich fühlte sich das alles so an, als ob ich nur die Schminke spüren würde, als ob sich meine Haut nicht mehr echt anfühlen würde. Kurz gesagt: es ekelte mich an. Genau, jetzt fällt mir das richtige Wort an: unecht, so chemisch fühlte es sich an.

    Die nächste Frau, die ich dann von mir stossen musste war meine Grossmutter. Bei ihr war es das Zeugs für die dritten Zähne. Das ging gar nicht und auch, so blöd es sich auch anhören mag, das Alter ihrer Haut, das hat mich einfach irgendwie erschreckt. Es war dieser Geschmack.

    Mit der Zeit kam es dann, dass ich mich nicht mehr von allen habe Umarmen lassen. Da habe ich mich schon gar nicht mehr wohlgefühlt.

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