Autismus ist: Wenn man trotzdem lacht!

Mit dem letzten Beitrag habe ich den Themenkomplex Autismus und Wahrnehmung vorerst abgeschlossen. Ich möchte mich in den kommenden Beiträgen dem Bild von Autismus in der Öffentlichkeit und Fragen zum Autismus widmen. Ich werde aber nicht nur die Definition von Autismus durch Nichtautisten kritisch beleuchten, fairerweise werde ich in den kommenden Wochen auch die Autisten und ihr Verhalten kritisch betrachten.

Ich habe in den letzten Wochen viel Feedback bekommen und sehr viele, teilweise sehr intensive, Gespräche zum Thema Autismus mit Interessierten gehabt. Im Rahmen dessen sind mir auch einige Punkte aufgefallen die ich jetzt ansprechen möchte.  Eine Bekannte hat mich z.B. überraschenderweise gefragt ob ich wüsste welche Ansprüche und Anforderungen alte Autisten an Alten- oder Pflegeheime haben. Wie mir recht bald auffiel: Ein Thema über das man sich in der heutigen Gesellschaft noch keine bis nur wenig Gedanken gemacht hat. Ich wollte den Spieß dann einmal umkehren und so habe ich sie gebeten ihre Kollegen mal zu fragen was sie überhaupt über Autismus wissen. Um es zusammen zu fassen: Es ging die leicht panische Angst um das ein Autist ins Haus kommt. Warum sollte man sonst nach Autismus fragen? Was wieder zeigt: Die Öffentlichkeit und noch schwerwiegender: Die Fachkräfte sind nicht genügend über Menschen mit Autismus aufgeklärt!

Ich möchte mich mit diesem Beitrag dem Bild von Autismus in der Öffentlichkeit widmen. Natürlich hat auch dieses viele Facetten und ich kann in diesem Rahmen nur wenige Aspekte aufgreifen. Ich versuche mich der schlimmsten und verbreitesten Stereotypen anzunehmen.

Autisten sind Savants und haben eine Inselbegabung!?

Dieses Vorurteil ist sehr weit verbreitet und wohl nachhaltig durch den Film Rain Man geprägt. Was immer noch viele Menschen nicht wissen: Das Vorbild zur Rolle des im Film autistischen Raymond war kein Autist. Kim Peek war ein Savant und hatte eine Inselbegabung. Noch heute schreiben Journalisten in Verbindung mit Autismus über Savants und viele Eltern, so traurig das sein mag, versuchen den Autismus des Kindes damit zu relativieren indem sie sagen: Mein Kind ist ein Savant und kann etwas ganz besonderes.

Wenn man dann hinter die Kulissen schaut werden dann zumeist erlernbare Fähigkeiten wie das Kalenderrechnen genannt. Nur wie kann man etwas das erlernbar ist als Inselbegabung bezeichnen? Wenn es danach ginge hätten wir erheblich mehr als die geschätzten 100 Savants weltweit! Was viele Eltern dabei auch vergessen: Inselbegabung beschreibt eine einzigartige und abgekapselte Begabung eines Menschen. Ein Savant kann also evtl. durchaus mit je einem Auge unabhängig voneinander jeweils eine Buchseite lesen (Kim Peek konnte dies) aber bei allem anderen und alltäglichen wird er sich sehr schwer tun!

Autisten hingegen haben sogenannte Spezialinteressen. Diese unterscheiden sich erheblich von einer Inselbegabung. Spezialinteressen können wechseln und zahlreich vorhanden sein. Inselbegabungen nicht! Spezialinteressen beziehen sich auch zumeist auf Wissen und nicht auf körperliche oder geistige Fähigkeiten. So weiß ein Autist mit dem Spezialinteresse Astronomie wahrscheinlich unheimlich viel über das Thema. Das Wissen kann sich aber jeder Mensch mit genug Ausdauer und Wissensdurst auch anlesen. Man muss kein Autist sein um das zu können.

Man kann sich den Mund allerdings fusselig reden, viele bleiben bei Ihrem Vergleich Autisten und Savants. Schließlich seien ja 50% der Savants Autisten.

Ich habe mir deshalb mal den Spaß gemacht und ein wenig gerechnet:

Man vermutet weltweit rund 100 Savants. Davon haben ca. 50% eine Autismusdiagnose. Es ist also durchaus logisch und statthaft wenn man über Savants redet auch über Autismus zu reden. Hierbei sollte man allerdings nicht vergessen, dass oftmals aus Unwissenheit und mangelnder Alternative schwere geistige Behinderungen auch fälschlicherweise als Autismus deklariert werden.

Schauen wir uns nun mal die andere Seite an. Die Zahlen wie häufig Autismus vorkommt reichen von 1:1000 bis hinunter zu 1:100.  Ich nehme mal vorsichtige 1:300. Schätzt man nun das wir 7 Mrd. Menschen auf der Welt haben kommt man dabei auf gerundet 23 Mio Autisten die es geben müsste. Zur Erinnerung: Wir haben ungefähr 50 autistische Savants weltweit. Damit kommen auf 460.000 Autisten ein Savant (Angabe abgerundet!). Nun leuchtet vielleicht ein, warum man wenn man über Autismus redet nicht unbedingt auch über Menschen mit dem Savant-Syndrom reden sollte!

Autisten können nichts!?

Der entgegengesetzte Stereotyp zum autistischen Savant ist der Autist dem man nichts zutraut. Zum einen, und das kennen auch Menschen mit anderen Behinderungen, behandeln viele aus Unwissenheit und Angst einen behinderten Menschen wie ein Kleinkind. Da wird man im Extremfall mit  Babysprache oder gebrochenem Deutsch angesprochen, der Menschen gegenüber spricht laut und sehr langsam oder er nimmt einen ungefragt an die Hand um „über die Straße zu helfen“. Wenn man dann die Hilfe ablehnt wird es einem noch mit einem Satz „Undankbarer Mensch“ gedankt. Wie soll man aber auch für sinnlose Hilfe nach der man nicht gefragt hat dankbar sein? Daher: Wenn Sie einen Menschen mit Behinderung sehen oder wissen das er behindert ist und nicht wissen wie sie reagieren sollen: Fragen Sie! Ich kenne keinen Menschen mit Behinderung der sie ignorieren und stehen lassen wird. Gerade Autismus wird oft mit einer geistigen Behinderung gleichgesetzt. Dies ist aber falsch! Wir können uns in den meisten Fällen mitteilen, wenn wir das nicht können werden wir begleitet von jemandem der es kann! Was mich zu einer nächsten Falle bringt: Nicht jeder Autist der begleitet wird kann auch gleichzeitig nicht kommunizieren! Begleitung heißt Unterstützung und bedeutet nicht, dass wir keinen eigenen Willen haben und ihn auch ausdrücken können oder „entmündigt“ sind. Autisten können viel leisten, sie brauchen nur eine entsprechende Unterstützung! Nutzen Sie dieses Potential und trauen Sie uns etwas zu: Es wird sich lohnen!

Autisten leben in einer eigenen Welt!?

Wenn man sich mit dem Thema Autismus beschäftigt begegnet einem über kurz oder lang der Satz „ Autisten leben in ihrer eigenen Welt!“. Meist gefolgt von einem „Man muss sie aus dieser Welt herausholen!“. Zum letzten Satz ist meine Meinung schnell gesagt: Warum möchte man einem Menschen eine Welt aufzwingen von der man ausgeht,  dass sie gut für denjenigen ist ohne dies aber genau zu wissen? Was einem selbst gut tut muss anderen noch lange nicht gefallen.

Ich möchte mich aber vielmehr der Frage nähern ob Autisten wirklich in einer anderen Welt leben. Ich mache dies auf zwei Wegen:

Zum einen über das was Autisten selbst beschreiben und zum anderen möchte ich an die Frage, zumindest für mich, logisch rational heran gehen.

Fangen wir mir der Logik an: Kann man von einer anderen Welt bei Autisten reden? Dies würde mindestens zwei Punkte voraussetzen: Alle Nichtaustisten leben in nur einer Welt und jeder Autist lebt in einer eigenen Welt. Die Philosophie beschäftigt sich sehr eingehend mit der Frage ob das was wir sehen auch wirklich existiert und ob Dinge die wir nicht sehen auch existieren. Ich fasse das mal unter Wahrnehmung zusammen. Jeder Mensch nimmt die Welt in der wir leben auf seine eigene Weise wahr. Da Menschen individuell sind und die Wahrnehmung nicht unerheblich auch von bereits erlebtem und dem vorhandenen Wissen geprägt sind muss man wohl davon ausgehen, dass jeder Mensch die Umwelt anders wahrnimmt. Dies wiederum bedeutet: JEDER lebt in seiner eigenen Welt! Voraussetzung Zwei war: Jeder Autist lebt in seiner eigenen Welt. Ich möchte hier einen Autisten frei zitieren: „Wenn ich in einer eigenen Welt leben würde: Hätte ich dann die Probleme die ich jetzt und in dieser Welt habe?“ Ich denke das trifft es ganz gut. Wir nehmen die Welt anders wahr, das stimmt. Aber wer tut das in begrenztem Umfang nicht? Und ich kann für mich persönlich sagen: Ich lebe definitiv in der Welt in der auch nicht autistische Menschen leben! Viele erliegen unter Umständen dem Trugschluss, dass wenn sie keinen Zugang zum Autisten (und damit zu seiner vermeintlich eigenen Welt) haben dieser auch keinen Zugang zu der nichtautistischen Welt hat. Ich muss Sie enttäuschen!

Nun mögen Kritiker sagen: Ja aber….es gibt Autisten die von einer eigenen Welt sprechen und sie beschreiben. Ein gutes Beispiel dafür mag Axel Brauns sein. Er beschreibt in seinem Buch „Buntschatten und Fledermäuse“ so etwas wie eine eigene Welt und hat auch eine eigene Sprache erfunden. Man darf dabei aber nie vergessen: Es gibt nicht den Prototyp eines Autisten! Axel Brauns ist ein individuelles Beispiel, das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Autist seine eigene Sprache hat und in einer eigenen Welt lebt oder lebte! Für mich, zum Beispiel, ist das von Axel Brauns beschriebene übrigens recht verschnörkelt und ziemlich surreal. Etwas das ich, als logischer Denker, kaum nachvollziehen kann.

Wie man sieht: Autisten haben mit einer Vielzahl sehr hartnäckiger Vorurteile und Stereotypen zu kämpfen. Einige versuchen durch Aufklärung das Bild klarzustellen. Manchmal klappt dies, oftmals nicht.  Autismus ist eben doch: Wenn man trotzdem lacht!

Aufruf an meine Leser

Mit diesem Beitrag ist ein Aufruf an meine nichtautistischen Leser verbunden:  Haben Sie eine Frage zum Autismus? Gibt es etwas was Sie brennend interessiert? Haben Sie etwas über Autismus gelesen oder gehört und Sie möchten wissen ob es richtig ist? Stellen Sie die Fragen! Entweder über die Kommentare hier oder via Twitter. Ich werde die Fragen sammeln und in einem Beitrag in den kommenden Wochen beantworten! Es wäre schön, damit ich die Frage auch inhaltlich passend beantworten kann, wenn Sie kurz dazu angeben ob Sie Interessierter, Angehöriger oder Fachkraft sind. Oder um ein englisches Motto meiner Zunft zu benutzen:

Ask your „autistic“ Librarian!

Kontakt über Twitter: @Querdenkender

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13 Antworten zu Autismus ist: Wenn man trotzdem lacht!

  1. Nina schreibt:

    Ich lese Ihren Blog, weil mich das Thema interessiert. Bin weder Angehöriger und noch Fachkraft.

    Meine Frage wäre: Wie sollte sich ein Nicht-Autist verhalten, wenn ein Autist z.B. einen Ausraster hat, ohne dass sich der eine oder andere als Komplettversager fühlt? (Sie wissen vielleicht, dass viele „Normale“ eine Art Helfersyndrom haben und sich manchmal förmlich aufdrängen und sich als ethisches Desaster empfinden, wenn sie das nicht tun. Ich persönlich richte mich eher danach, was von mir erwartet wird. Aber was erwartet ein Autist von mir?)

    Ich habe beobachtet, dass einige der Autisten (diagnostiziert, nicht selbsternannt!), die ich kenne, fast schon mit religiösem Eifer über _ihren_ Autismus sprechen und einem dabei ständig die eigenen Marotten verbal auf die Nase binden. Ich frage mich, ob das autismusbedingt ist oder einfach nur eine nervige Charaktereigenschaft, die diesen Personen zufällig anhaftet.
    (Beispiel: Man redet über Papier. Der besagte Autist wiederholt zum x. Mal, dass er dieses und jenes Papier, das im Übrigen sowieso nicht vorhanden ist, nicht anfassen würde, weil dann dies und jenes mit ihm passiere. Oft wirkt das auf mich so, als wollte die Person damit Aufmerksamkeit erregen, weil sie mal wieder kein Gesprächsgegenstand ist.)

    Ich meine damit übrigens nicht Sie, weil ich Sie natürlich nicht persönlich kenne, und ein themenbezogener Blog für mich etwas anderes ist als ein Alltagsgespräch.

    Auf der anderen Seite kenne ich aber auch mindestens einen Autisten, der so gut wie nie über seine autismusbedingten „Unzulänglichkeiten“ redet. Ich glaube, er schämt sich dafür, dass er sie nicht einfach so überwinden kann wie man z.B. Gewicht verlieren kann, wenn man feststellt, dass man zu fett ist.
    Ich wünschte manchmal, ich hätte gehaltvollere Worte für ihn, wenn er sich selbst mal wieder als „dumm“ bezeichnet, als „du bist doch nicht dumm“. Manchmal habe ich überlegt, ob ich ihn direkt mit dem Thema Autismus konfrontieren soll, damit er, wenn er sich mal selbst näher damit auseinandersetzt, sieht, dass er nicht allein ist und dass Autismus kein Hinderungsgrund ist, um ein bisschen mehr Selbstbewusstsein gegenüber seinen eigenen Stärken zu gewinnen.
    Meine Frage wäre also: Welche Anlaufstellen kann man einem Autisten empfehlen, der sich (vielleicht) erst einmal anonym über das Thema informieren will? (Also ohne Ärzte oder irgendwelche Institutionen/Vereine, etc..) Oder wo er Tipps für den Alltag bekommt?
    „Darf“ man überhaupt als einigermaßen informierter Nicht-Autist mit einem „unaufgeklärten“ Autist über Autismus reden?

    • quergedachtes schreibt:

      Sorry das die Antwort so lange gedauert hat. Aber hier ist meine Meinung dazu🙂

      „Meine Frage wäre: Wie sollte sich ein Nicht-Autist verhalten, wenn ein Autist z.B. einen Ausraster hat, ohne dass sich der eine oder andere als Komplettversager fühlt? “

      Kommt auf die Situation an. Würde aber generell vorschlagen: In Ruhe lassen. Ihm einen Rückzug möglich machen. Wenn so ein Ausraster auf einer Überlastung beruht ist das ja nicht persönlich gemeint (bitte also auch nicht so verstehen!). Wenn die Situation sich beruhigt hat ( und man einen näheren Kontakt zum Autisten hat) kann man ihn schon darauf ansprechen. Wichtig ist es nach dem Auslöser zu fragen, ihn herauszufinden und in Zukunft zu vermeiden. Das ist wohl die Möglichkeit mit der allen am besten geholfen ist.

      „(Beispiel: Man redet über Papier. Der besagte Autist wiederholt zum x. Mal, dass er dieses und jenes Papier, das im Übrigen sowieso nicht vorhanden ist, nicht anfassen würde, weil dann dies und jenes mit ihm passiere. Oft wirkt das auf mich so, als wollte die Person damit Aufmerksamkeit erregen, weil sie mal wieder kein Gesprächsgegenstand ist.)“

      *Schmunzelt* Ich denke das liegt am Problem vieler Autisten zu erspüren was sozial und gesellschaftlich nun verlangt wird. es ist manchmal einfach schwer rauszufinden was die anderen nun hören wollen. Und wenn man dann mal, nach oftmals quälendem Small Talk, zu einem Thema etwas sagen kann tut man es. Ist nicht böse gemeint🙂 Mit in den Vordergrund schieben wollen hat das wenig zu tun auch wenn es evtl. so aussieht. Und wenn ein Autist über seine Eigenarten redet ist das vielleicht der dezente aber sehr direkte Hinweis darauf wie man mit ihm umgehen sollte.

      „Meine Frage wäre also: Welche Anlaufstellen kann man einem Autisten empfehlen, der sich (vielleicht) erst einmal anonym über das Thema informieren will? (Also ohne Ärzte oder irgendwelche Institutionen/Vereine, etc..) Oder wo er Tipps für den Alltag bekommt?“

      Es gibt einige Foren und auch Blogs. Die kann man durchaus als Anlaufstelle nehmen. Man muss nur aufpassen das man nicht an Stellen landet wo es extrem zugeht. Also sehr viel „gelitten“ oder Autismus fast schon glorifiziert wird.

      „“Darf” man überhaupt als einigermaßen informierter Nicht-Autist mit einem “unaufgeklärten” Autist über Autismus reden?“

      Man darf. Nur bitte nicht mit der Tür ins Haus fallen und die Diagnose dem anderen gegenüber quasi schon als Lösung aufdrücken (Du bist Autist und ich erkläre dir das nun mal)! Also bitte Fingerspitzengefühl benutzen🙂

      Aleksander

  2. Vi schreibt:

    dear „autistic“ Librarian!🙂 …meine erste Frage knüpft an Ninas zweiten Teil an. Wie kann ich einem Autisten sein „outing“ erleichtern, was unsere Beziehung enorm vereinfachen würde. „Autismus“ ist für mich durch ihn schon lange frei von Vorurteilen, weil er mich als Mensch interessiert, sein Wesen, das was er denkt, was er tut, was er fühlt. Nur muss er erleben, das es so ist und kann es nur, wenn er sich mir gegenüber „outet“. Was ich vermute seine allergrößte Angst ist. Für mich würde es den Umgang im Aussen vereinfachen, wenn ich weiß, was er wie braucht und wie man sich diesbezüglich am sinnvollsten miteinander „einrichtet“. Ich würde Bemerkungen nicht mehr persönlich nehmen. Momentan leben wir auf Bühnen, die er für uns „erschafft“, auf denen ein bedeutender Teil unserer Kommunikation abläuft. (Er läugnet, dass er es ist, doch ich erkenne ihn an dem für ihn einzigartigen Denken und Fühlen.) Sitzen wir uns in echt gegenüber, überfordere ich ihn immer wieder, weil er für mich der ist, mit dem ich auch auf den anderen Bühnen lebe und nicht so tun kann, als gäbe es diese nicht. Es endet meist mit seinem Rückzug im Aussen und einem Aufblühen unserer Bühnen-Kommunikation. Bis zum nächsten Treffen….
    Zu den autistischen Kids. Ich würde gerne weiter mit ihnen arbeiten, brauche aber dafür Hilfe von Autisten, die die Wahrnehmungsräume dieser Kinder teilen (diese kann ich beschreiben). Wenn sie sich weiter im Aussen öffnen, brauchen sie jemanden, der mit ihnen ihre innere Welt teil und ihnen auf diesem Weg zur Seite steht. Ich kann sie nur zum Tor begleiten. Dort brauchen sie einen erfahrenen Erwachsenen, der ihre Wahrnehmung lebt.

    • quergedachtes schreibt:

      Hallo,

      „Wie kann ich einem Autisten sein “outing” erleichtern, was unsere Beziehung enorm vereinfachen würde.“

      Schwere Frage. Letztendlich muss derjenige das mit sich selbst ausmachen. Was sicher hilft ist eine Atmosphäre des Vertrauens. Ein „Ich mag Dich so wie du bist“ zum Beispiel. Demjenigen zu signalisieren das er gut so ist wie er ist. Das kann schon sehr helfen weil es Angst nimmt. Und dann ist das auch losgelöst von der Diagnose Autismus. Er scheint das für sich ja, noch, abzulehnen. Manchmal ist es nicht gut wenn man Dingen einen Namen gibt. Besonders wenn Angst im Spiel ist.

      „Zu den autistischen Kids. Ich würde gerne weiter mit ihnen arbeiten, brauche aber dafür Hilfe von Autisten, die die Wahrnehmungsräume dieser Kinder teilen (diese kann ich beschreiben). Wenn sie sich weiter im Aussen öffnen, brauchen sie jemanden, der mit ihnen ihre innere Welt teil und ihnen auf diesem Weg zur Seite steht. Ich kann sie nur zum Tor begleiten. Dort brauchen sie einen erfahrenen Erwachsenen, der ihre Wahrnehmung lebt.“

      Deswegen ist das beschreiben von Autismus und die Aufklärung darüber so wichtig. Viel Arbeit die noch zu leisten ist.

      Aleksander

  3. Hesting schreibt:

    Du ignorierst offenbar gezielt, daß es Unterschiede zwischen hochfunktionalen und nicht ganz so hochfunktionalen Autisten gibt.
    Ein Kind, das sich aus Überforderung in einer öffentlichen Umgebung wiederholt selbst schlägt, lebt meines Erachtens durchaus in seiner eigenen Welt, denn es nimmt entweder die fehlende Akzeptanz für das Schlagen nicht wahr oder mißachtet sie mehr oder weniger bewußt.
    Gesetzt den Fall, dieses Kind kommuniziert nicht verbal und nur selten erfolgreich nonverbal, kann sich nicht selbst waschen, anziehen etc. In meinen Augen wäre der routinierte Umgang mit Zahlen dann auf jeden Fall eine Inselbegabung, auch wenn dafür evtl. Anleitung notwendig ist. Andere Begabungen werden ja meist auch erst durch Input dritter (also von außen) zur Geltung gebracht (jemand, der ein absolutes Gehör hat, macht sich darum auch keine Gedanken, solange er oder sie das nicht als Besonderheit wahrnimmt).
    Ich würde desweiteren auch dann von einer eigenen (Teil-) Welt sprechen, wenn die eigene Wahrnehmung die Teilnahme am üblichen gesellschaftlichen Leben erschwert (weil man sich nicht mit Wasser waschen kann z.B. oder eben nicht an Kommunikation teilnehmen).
    Ich möchte hier an Veronika Raila erinnern, Dir aber auch den Blog von Emma ans Herz legen (falls Du ihn noch nicht kennst): http://theresidentialautist.blogspot.de/

    Da mit dem „Autisten aus der eigenen Welt herausholen“ stellst Du meines Erachtens falsch dar. Auch ein Nicht-Autist, der sich ein ein Computerspiel versenkt, muß ans Essen und Trinken erinnert werden, kann nicht tagelang in den vier Wänden bleiben, sondern muß (in der Regel) auch selbst für die Miete aufkommen, ggf. einen Arbeitgeber, Behörden und Ärzte aufsuchen. Im Falle der o.g. Selbstverletzung ist es meines Erachtens noch wichtiger, die Aufmerksamkeit des Kindes auf etwas anderes als die Innenwelt zu lenken, als nur dann, wenn es um die Ausführung gesellschaftlich sinnvoller Tätigkeiten wie den Besuch einer Schule oder Arbeitsstätte geht.

    • quergedachtes schreibt:

      Hallo,

      „Du ignorierst offenbar gezielt, daß es Unterschiede zwischen hochfunktionalen und nicht ganz so hochfunktionalen Autisten gibt.“

      Definitiv nicht. s.u.

      „Ein Kind, das sich aus Überforderung in einer öffentlichen Umgebung wiederholt selbst schlägt, lebt meines Erachtens durchaus in seiner eigenen Welt, denn es nimmt entweder die fehlende Akzeptanz für das Schlagen nicht wahr oder mißachtet sie mehr oder weniger bewußt.“

      Das sehe ich nicht so. Wieso sollte es in einer eigenen Welt leben wenn es sich ein Ventil für den innerlich angestauten Druck sucht / suchen muss? In so einem Moment dürfte es jedem sowas von egal sein, ob das was man macht damit es einem selbst besser geht, nun akzeptiert wird oder nicht. Dazu muss ich nicht in einer eigenen Welt leben/sein. Und das man „Regeln“ derer man sich bewusst ist in dem Moment misachtet oder vergisst zeigt nur welch enormer Druck von der realen Welt ausgeübt wird bzw entstanden ist.

      „Gesetzt den Fall, dieses Kind kommuniziert nicht verbal und nur selten erfolgreich nonverbal, kann sich nicht selbst waschen, anziehen etc. In meinen Augen wäre der routinierte Umgang mit Zahlen dann auf jeden Fall eine Inselbegabung, auch wenn dafür evtl. Anleitung notwendig ist. Andere Begabungen werden ja meist auch erst durch Input dritter (also von außen) zur Geltung gebracht (jemand, der ein absolutes Gehör hat, macht sich darum auch keine Gedanken, solange er oder sie das nicht als Besonderheit wahrnimmt).“

      Da stelle ich Dir die einfache Frage: Wer legt denn fest, dass dieses Kind nicht kommuniziert? Und was ist erfolgreich? Das sind Definitionen die von außen kommen und häufig auf Vermutungen beruhen. Darauf aufbauend kannst Du also definitiv nicht von einer Inselbegabung sprechen.

      „Ich würde desweiteren auch dann von einer eigenen (Teil-) Welt sprechen, wenn die eigene Wahrnehmung die Teilnahme am üblichen gesellschaftlichen Leben erschwert (weil man sich nicht mit Wasser waschen kann z.B. oder eben nicht an Kommunikation teilnehmen).“

      Damit setzt Du aber eine normierte Welt voraus. Also eine Welt in der man sich mit Wasser waschen und kommunizieren muss! Bloß weil jemand das anscheinend nicht kann lebt er aber nicht im Umkehrschluß in einer eigenen Welt! Sowas anzunehmen ist übrigens Ausgrenzung und der Gegensatz von Inklusion!

      „Da mit dem “Autisten aus der eigenen Welt herausholen” stellst Du meines Erachtens falsch dar. Auch ein Nicht-Autist, der sich ein ein Computerspiel versenkt, muß ans Essen und Trinken erinnert werden, kann nicht tagelang in den vier Wänden bleiben, sondern muß (in der Regel) auch selbst für die Miete aufkommen, ggf. einen Arbeitgeber, Behörden und Ärzte aufsuchen.“

      Ich denke Du vermischt hier zwei wichtige Dinge. Das eine sind die von Dir genannten Spieler. Sie versinken durch das Spielen womöglich in eine andere Welt ( in das Spiel). Das geht bei guten Büchern auch.
      Ein Autist wird aber, definiert von der „Außenwelt“, in eine eigene komplett andere und isolierte Welt verfrachtet. Und als Lösungsweg versucht man sie dann möglichst gut in diese „Außenwelt“ zurückzuholen. Was hier verloren geht sind die Bedürfnisse und Gefühle von Autisten. Es sollte nicht darum gehen sie in eine Welt zu zwingen sondern zu verstehen warum sie für Außenstehende manchmal so „weltfremd“ erscheinen oder sich verhalten. Verständnis ist der Schlüssel zum Erfolg.

      Womit ich wieder bei Deinem einleitenden Satz bin: Alleine das sollte doch zeigen das ich die Autisten am anderen Ende des Spektrums eben nicht ignoriere. Schon gar nicht bewusst.

      Aleksander

      • Vi schreibt:

        jene Autisten (nicht sprechend) mit denen ich Yoga geübt habe, haben mir beigebracht die Welt mit anderen Augen zu sehen. Kommuniziert haben wir von ersten Moment an. Nonverbal. Sie haben mich verstanden, nur war ich für ihre Art der Kommunikation „blind“. Viele ihrer Aktionen der Kontaktaufnahme konnte ich erst im Nachhinein als solche „erkennen“ als mir ihr Verhalten vertrauter war. Um so mehr sie in ihrem Körper ankamen und ich mich ganz auf sie ausrichtete, um so aktiver setzten sie ihre Zeichen und begannen erst mit mir u d später auch miteinander zu kommunizieren. Ihre „Entladungen“ haben nachgelassen, so als würden sie in mehr „Raum“ ankommen, statt ständig in ihren Abläufen unterbrochen zu werden. „Raum“ im Sinne von sie selbst sein dürfen in ihrer Wahrnehmung und ihrer Bewegung und nicht beständig auf Anforderungen, Impulse von Aussen reagieren zu müssen. Sie schienen „dressiert“ um nach der äusseren Taktung zu funktienieren, was sie enorme Kraftanstrengungen zu kosteten schien. All das lag (aus meiner Sicht) wie ein „Film“ über ihren eigenen Bedürfnissen. Und was für einen Nicht-Autisten vielleicht schwer zu begreifen ist (im Sinne: werd ich nicht manchmal auch „dressiert“) muss man vielleicht wirklich oft erst einmal bei einem Autisten miterlebt haben, um den Unterschied zu begreifen. Ich/wir bin/sind in der Lage eine Situation rein körperlich zu ertragen, auch wenn wir uns bedrängt, verletzt oder genervt fühlen. Es kann erschöpfend sein, doch das ist nicht vergleichbar mit dem sich „zurückziehen müssen“ eines Autisten. Er hat körperlich keine Ausweichmöglichkeiten. Sie müssen die Situation „beenden“, verlassen, weil es körperlich nicht mehr möglich ist auszuhalten. Wir, Nicht-Autisten, können uns irgendwie zusammenreißen und später wieder aufladen. Bei Autisten ist das Wahrnehmungs-Spektrum zwischen Aufladen und Entladen weiter (oder „feiner“ justiert) in die eine und andere Richtung. Ich habe Literatur vermieden, weil all die Kategorisierungen mir zwar sagten, dass ich vor „low-functional“ Autisten stand, doch plötzlich begannen sie mit sich selbst zu reden “ ach so“ (das hat sie gemeint) und sahen während der Stunde wie Kind x, y, z aus, weil sich ihre Bewegung und ihre Mimik entspannt hatten. Aleksanders Texte spiegeln meine Erfahrungen mit den autistischen Kids wieder, erklärten mir manches und öffnen für eine Wahrnehmung über die eigenen Grenzen hinaus. Aufklärung ist der Schlüssel, um uns alle in unserer Vielfalt zu erkennen, anzunehmen und gemeinsam mit unserem Potential in dieser Welt zu leben.

      • Hesting schreibt:

        Lustig, diese Zeilen von jemandem zu lesen, der sich selbst bewusst ausgrenzt. Meine Einladung nach Darmstadt steht noch. Aber vielleicht ist das zuviel Realität für Dich. Bei uns kommen nämlich auch Leute zum Stammtisch, die auf mehrere Jahrzehnte Berufstätigkeit zurückblicken.

        • quergedachtes schreibt:

          Erklär mir bitte mal warum Du, obwohl Du mich nicht persönlich kennst, weisst ob ich mich (bewusst oder unbewusst) ausgrenze.

          Zur Einladung: Man darf Einladungen auch ablehnen. Sie sind keine Vorladung. Und sorry: Bei dem was Du hier teilweise schreibst habe ich u.U. vielleicht gar keine Lust zu einem Stammtisch nach Darmstadt zu kommen. Nicht jeder hat Lust sich mit fremden Menschen zu treffen. Ich kenne übrigens auch genug Nichtautisten die keine Lust auf sowas haben. Selbsthilfegruppen/-foren inkl. Was ist schlimm daran?
          Was hat übrigens jahrzehnte lange Beurfserfahrung mit der ganzen Sache zu tun? Und wieso ist ein Stammtisch zuviel Realität für mich?

  4. Pingback: Kein Rain Man – über Autismus berichten › Leidmedien.de - Über Menschen mit Behinderung berichten.

  5. oliver schreibt:

    zur fairness auch autisten kritisch betrachten zu wollen:

    nicht-autisten betrachten sich und ihre „spezies“ in der regel nicht kritisch. unser verständnis von fairness ist ein anderes als ihres und sie können gar nicht anders als sich selbst als das höchste der gefühle wahr zu nehmen. nicht-autisten sind nicht in der lage sich selbst objektiv zu bewerten, egal in welche richtung diese bewertung geht.
    wenn man also „fair“ sein möchte muss man die wahrnehmungsebenen aufeinander anpassen. da nicht-autisten das in der regel wegen oben genanntem auch nicht können muss man als autist fairerweise sich selbst und seine eigenschaften auf das level „so ist es wie es sein soll“ stellen um ergebnisse vergleichbar zu machen.

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