Autismus: Emotionen haben ist nicht schwer …

… sie zu beschreiben dagegen sehr!“ Und mit dieser Aussage könnte dieser Beitrag über Autismus wahrscheinlich auch schon enden und hätte all das gesagt was ich zu diesem Thema sagen kann. Damit würde ich aber an der Situation vieler Autisten nichts ändern. Eine Situation die, von außen betrachtet, eigentlich recht paradox erscheint. Es ist in der nichtautistischen Welt bekannt, dass Autisten Probleme haben Emotionen bei anderen Menschen zuverlässig und intuitiv zu erkennen. Viele Menschen ziehen dann daraus den Rückschluss, dass Autisten auch keine Emotionen empfinden können. Diesen Menschen sei der nachfolgende Beitrag ans Herz gelegt.

Alles Emotionen oder was?

Wenn man von und über Emotionen spricht geht es vorrangig um das „Fühlen“. Meine Vermutung: Für Nichtaustisten scheint das Fühlen von Emotionen auch sehr eng mit dem Ausdrücken und  Beschreiben der Gefühle zusammen zu hängen. Es passiert automatisch, durchweg intuitiv und ist untrennbar miteinander verbunden. Da ist es verständlich, dass einem Autist der Probleme hat Gefühle zu beschreiben dann auch unterstellt wird: Du kannst sie nicht beschreiben weil Du sie nicht hast. Aber ist das richtig? Ich denke nicht! Eines sollte jedem Menschen klar sein: Keine Gefühle gibt es nicht. Oder anders gesagt: Wer nichts mehr fühlt ist mit an großer Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tot. Wie kommt es aber nun das diese, für Nichtautisten automatisch ablaufende, Verknüpfung zwischen fühlen und ausdrücken bei vielen Autisten nicht richtig funktioniert? Für die Fachleute unter den Lesern: Ich unterscheide hier bewusst nicht stringent zwischen Emotionen und den Gefühlen, also  der Wahrnehmung von Emotionen.

Emotionen und Gefühle

Als ich mir in letzter Zeit intensiv überlegt habe wie ich dieses Thema beschrieben und angehen kann, ist mir selbst klar geworden: Ich muss mir überlegen was Gefühle und Emotionen überhaupt sind. Eine Aufgabe die auf den ersten Blick leicht zu sein scheint mich aber doch eine ganze Weile beschäftigt hat. Was ist eine Emotion? Und was ein Gefühl?

Wissenschaftlich gesehen ist eine Emotion eine psychologische und physiologische Reaktion auf eine bewusste oder unbewusste Wahrnehmung einer Situation oder eines Objektes. Einfach ausgedrückt: Wir nehmen etwas bewusst oder unbewusst wahr und reagieren sowohl körperlich als auch mit unserer Psyche darauf. Als Gefühl bezeichnet man dann die „gefühlte“ Wahrnehmung dieser Reaktionen. Liegt in den Begriffen „Wahrnehmung“ und „körperliche Reaktion“ vielleicht die Lösung der Frage über das Gefühlsleben von Autisten? Ich denke hier kann man zumindest mit einer Erklärung ansetzen.

Was fühlt man eigentlich?

Wie ich anfangs schon schrieb: Keine Gefühle haben gibt es nicht. Zumindest kann ich es mir, anscheinend im Unterschied zu anderen Menschen, nicht vorstellen. Nachfolgend kann ich nur meine Gefühlswelt, den Umfang und die Intensität beschreiben. Dies kann sicher auch das Empfinden anderer Autisten erklären, muss es aber nicht. Ich möchte damit zumindest aber aufzeigen das es sich bei der Annahme“ Autisten haben keine Gefühle“ um einen großen Irrtum handelt.

Wer meine Texte kennt weiß, dass ich zwar immer betone nicht für alle Autisten zu schreiben aber dennoch versuche möglichst allgemeingültig und wenig auf mich bezogen das zu beschreiben worüber ich gerade schreibe. Dies geht beim Thema Gefühle nur begrenzt, als Mensch der sich selbst als recht Alexithym bezeichnet muss ich diese klare Trennung vornehmen.

Damit ist auch schon das erste Stichwort im Zusammenhang mit Gefühlen und Emotionen gefallen: Alexithymie oder die sog. Gefühlsblindheit. Ein Mensch mit Alexithymie ist nicht oder nur schwer in der Lage seine Gefühle und Emotionen wahrzunehmen und/oder zu beschreiben. Damit wird aber auch klar: Er hat Gefühle!

Wie kann man sich das nun vorstellen? Ein Durchschnittsmensch hat eine sehr facettenreiche Gefühlswelt. Er unterscheidet die Emotionen, also die physischen und psychischen Reaktionen seines Körpers, die er wahrnimmt sehr feingliedrig und differenziert. Wenn man einen solchen Menschen nach der Anzahl seiner Emotionen und Gefühle fragt käme er wohl aus dem Aufzählen nicht heraus. Jeder ist eingeladen das einmal zu probieren! Bei einem alexithymen Menschen sind diese Vielfalt und der Facettenreichtum erheblich oder stark eingeschränkt. Bei mir ist es oftmals so dass ich nur Grundfacetten von Gefühlen empfinde. Für mich gibt es vorwiegend: Positiv, Neutral, Negativ und als vierte Facette: Leer. Das mag für einige nun komisch klingen, gerade weil ich auch immer betone: Keine Gefühle gibt es nicht. Wie kann man sich dann leer fühlen? Ist das „nichts fühlen“? Nein. Leer ist ein besonderes Gefühl. Es lässt sich nicht gut beschreiben und auch nicht in positiv oder negativ einordnen, die beste Beschreibung dafür ist einfach „Leer“.

Wenn man sich nun betrachtet das es Menschen mit einem solchen eingeschränkten Gefühlsspektrum gibt ist es durchaus nicht verwunderlich, wenn sie auf eine Frage „Was empfindest/fühlst Du gerade?“ nicht wirklich antworten können. Als Antwort kommt dann wohl in vielen Fällen „Ich weiß es nicht!“ oder „Ich lebe!“. Um das zu verstehen muss man sich eine weitere Facette der Wahrnehmung von Gefühlen anschauen: Die körperlichen Empfindungen!

Viele Autisten berichten davon, dass sie Schmerzen im Vergleich zu nichtautistischen Menschen anders wahrnehmen und auch ein anderes Körpergefühl haben.  Betrachtet man nun das Gefühle die Wahrnehmung u.a. von körperlichen Reaktionen sind, ist es wahrscheinlich leichter zu verstehen, dass wenn diese körperliche Wahrnehmung eine andere ist auch das daraus resultierende Gefühl ein anderes sein wird.  Zumindest nimmt man die Reaktion des Körpers als solche wahr, dass dahinter etwas stecken könnte was andere als Gefühl bezeichnen ist vielen Autisten fremd. Um ein Beispiel zu nennen: Wut wird oft mit „Ich habe Wut im Bauch“ bezeichnet. Das liegt wohl daran, dass eines der körperlichen Anzeichen für die Emotion Wut ein verändertes Gefühl im Bauchbereich ist. Autisten nehmen das sehr wohl wahr, sie verbinden bloß eben dieses veränderte Bauchgefühl nicht immer mit einer Emotion. Es ist für einige schlicht und einfach ein Bauchschmerz oder eine Form von Übelkeit. Verliebtsein ist auch so ein Fall: Für die einen sind es die Schmetterlinge im Bauch die sie klar als Liebe deuten, für die anderen unter Umständen etwas das sie zu dem gänzlich unromantischen Kommentar „Mir ist schlecht!“ verleitet. Etwas das wohl jeder in einem solchen Moment als klare Abfuhr bezeichnen würde. Körperliche Symptome von Emotionen sind wirklich verwirrend!

Wie sage ich es meinem ….?

Nun ist es schon problematisch genug, wenn man die Gefühlsfacetten die andere empfinden nicht selbst empfinden kann. Aber wie kommuniziert man nun etwas das man offensichtlich anders wahrnimmt? Und können Menschen die diesen Facettenreichtum an Gefühlen kennen überhaupt nachvollziehen das jemand diese Vielfalt nicht hat?

Es ist sehr schwer, Empfindungen in für die Außenwelt normale und adäquate Worte zu packen ohne das man, siehe das Beispiel der Verliebtheit, von einem Fettnäpfchen in das nächste tritt. Selbst wenn man sich darüber bewusst ist, dass Gefühle nicht nur aus psychischen sondern vorwiegend aus körperlichen Anzeichen bestehen, ist es schwer diese angemessen zu vermitteln. Was für andere also wie selbstverständlich ein Gefühl von Angst ist, ist für jemand anderen ein komisches Gefühl im Bauch. Der bewusste Transfer von körperlichen Anzeichen in eine „virtuelle“ Gefühlswelt ist etwas das sehr schwer ist. Wie unterscheidet man ob man Bauchschmerzen hat oder ob es Angst oder eines der vielen anderen Gefühlen mit „Gefühlen im Bauch“ ist? Beschreibt man schlichtweg das was man fühlt kommt eine recht körperliche und nüchterne Beschreibung heraus. Und genau das wird von der Umwelt oft als Gefühlskalt oder Emotionslos empfunden und beschrieben. Das es ganz und gar nicht gefühlskalt und emotionslos ist kommt vielen nicht in den Sinn. Ich denke hier fehlt schlichtweg das passende Vokabular um das was man zweifellos fühlt auch ausdrücken zu können. Es fehlt aber auch der Weg zur passenden Vokabel. Ein Gefühl ist ein sehr komplexer und tief im Menschen verankerter Prozess. Diese ganzen Puzzleteile zu einer Einheit zusammenzusetzen dürfte das sein was vielen Autisten schwer fällt. Sie haben die Puzzelteile, sie können es nur nicht zu einem, für die Außenwelt stimmigen, Bild zusammensetzen.

Wer meine Blogbeiträge kennt wird merken dass mir dieses Thema zum einen sehr am Herzen liegt, zum anderen aber schwer fällt in Worte zu fassen. Für mich sind viele Gefühle und alles was damit zusammenhängt eben auch ein großes Puzzle zu dem ich alle Teile besitze das ich aber nicht wirklich lösen kann.

Wie man an diesem Beitrag sieht: Es sind nicht die Gefühle und Emotionen die einem Autisten fehlen, es ist seine Wahrnehmung der Emotionen und sein Körperempfinden die es ihm schwer machen Gefühle zu differenzieren und adäquat darüber zu reden. Ich möchte sogar einen Schritt weiter gehen und allen zwei Gedankenanstöße zum Ende dieses Beitrages mitgeben:

Ich sage von mir immer: Ich habe vielleicht ein eingeschränktes Portfolio an Gefühlen die ich definieren und beschreiben kann. Aber als Ausgleich dafür empfinde ich dafür die Gefühle die ich wahrnehme um ein Vielfaches stärker. Das Ergebnis, rein mathematisch gesehen, ist das Gleiche.

Wenn man dies nun weiterdenkt: Ist das vielleicht die Erklärung dafür, dass ich oftmals von anderen Menschen als extrem empathisch empfunden werde? Ich kann nicht die Tiefe und Facettenvielfalt an Gefühlen erspüren, aber ich spüre intensiver und damit kann ich unter Umständen schon Gefühle aufnehmen die andere, aufgrund der geringen Intensität, noch versuchen einzusortieren und zu definieren. Ist es so wichtig zu wissen WAS genau ein anderer Mensch fühlt? Oder reicht es nicht auch zu wissen ob es jemandem gut oder schlecht geht damit man ihm helfen kann?

Vielleicht sind Autisten viel empathischer als man bisher dachte! Und manchmal ist eine einfache aber intensive Struktur viel hilfreicher als sich in Feinheiten zu verzetteln.

Dieser Beitrag wurde unter Autismus Quergedacht, Wahrnehmung abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Autismus: Emotionen haben ist nicht schwer …

  1. Das ist eine tolle Beschreibung!
    Ich begleite hier einen jungen Menschen, der zu empathisch ist, um als Autistin wahrgenommen zu werden.
    Wie das?
    Seit sie sehr klein ist, frage ich nach. Es kommen Antworten, eher Vergleiche, Bilder, nie die vorgeschriebenen Begriffe wir traurig, wütend, froh usw.
    Ich hörte: der Wutteufel ist da und zankt sich mit dem Engel.
    Ich bin eingefroren.
    Das ist wie eine Blume in der Sonne.
    Jetzt fühle ich mich wie ….und dann kommt ihr eigener Name.
    Später, nach Fukushima in einer Krise: meine Brennstäbe sind kurz vorm schmelzen.

    Hallo? Sagt das nicht viel mehr als die üblichen Adverbien?

    Was die Wahrnehmung Gefühler anderer angeht: ja, manchmal wurde und werde ich gefragt: bist du froh, traurig…..usw.
    Auch wenn ich gerade singe , lache oder weine.
    Na und?
    Ich freue mich, dass sie fragt.

    Mittlerweile kann sie wirklich gut beschreiben, was in ihr vorgeht.
    Was viele “ Normalos“ nicht können.
    Während meiner Burn-Out-Behandlung hatte ich Gruppentherapie. Eingangs sollten wir reihum unser aktuelles Gefühl nennen. Die meisten nannten einen Zustand ( ich bin müde, gestresst, gelangweilt).

    Und DIE sagen, wer Gefühle hat und wer nicht?

    • Reiner Sauer schreibt:

      Gefühle sind, in aller Regel, von ganz ganz wenigen, traurigen Ausnahmen abgesehen, angeboren. Was nicht angeboren ist, was wir lernen müssen, sind die Worte mit denen wir unsere Gefühle beschreiben. Und da spricht jeder, ohne Ausnahme, seine eigene Sprache und nur seine eigene Sprache. „Man fühlt“ ist ein Hirngespinst. Es gibt immer nur ein „Ich fühle“ und dann muss ich mich aufmachen und Worte finden um meine sprachlosen Gefühle in Worte zu fassen. Und dann wachsen vielleicht wunderschöne Bilder, Vergleiche, wie oben aus Kindesmund zu hören, wir können dann Fühlen. Mitfühlen.

  2. Nina schreibt:

    Eines meiner Lieblingsthemen! Vielen Dank für die Einblicke.
    Ich bin froh, dass ich mit meiner Ansicht über Gefühle/Emotionen nicht alleine dastehe.
    Denn mal ehrlich: Was bringt es mir zu fragen, welches Potpourri an Gefühlen mein Gegenüber in diesem Moment hegt. Ist ein Mensch, der mehr als vier auf einmal aufzählen kann, empfindsamer als jemand, der es nicht kann? Freude, Kummer, etc… Was ist das überhaupt?
    Ich persönlich finde es interessanter zu wissen, was derjenige konkret mit Freude verbindet. Wie fühlt sich das an? Wie fühlt sich Kummer an? Wie Verliebtheit? Jeder Mensch verbindet etwas anderes damit, auch wenn die wenigsten es in Worte fassen können.

    Von daher glaube ich sowieso nicht, dass jemand absolut keine Emotionen/Gefühle empfinden kann. Zumindest er selbst wird in irgendeiner Weise auf seine Umwelt reagieren, sie bewerten und sich in gewissen Situationen anders fühlen als „normalerweise“. Letztendlich sind Gefühle/Emotionen nichts weiter als Kontraste.

  3. mellissandra schreibt:

    Ich finde die Bilder, mit denen sie ihre Gefühle beschreibt, erheblich exakter, als die üblichen Bezeichnungen. Das hat mich schon als Kind verwirrt, konnte ich doch beobachten, das ganz unterschiedliche Reize bei anderen Menschen, zu ähnlichen beobachtbare Reaktionen auslösten, beobachtbare Reaktionen, die mit bestimmten Worten benannt wurden.

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  6. oliver schreibt:

    in dieser gesellschaft wird einem immer nur gesagt man hätte keine gefühle oder sie wären nicht differenziert. aber das ist nicht so, auch wenn du deine gefühle in vier stufen kategorisierst. man fühlt ganz genau, man muss sich nur die mühe machen und hinfühlen was man fühlt. diese welt allerdings ist halt komplett abgespalten von aussenstehenden, wir haben ein problem damit unsere gefühle mit denen anderer vergleichbar zu machen und intuitiv andere menschen zu fühlen. im umkehrschluss können andere menschen uns nicht erfühlen, darum denken sie wir hätten keine gefühle. das ist auch der grund warum uns so viele menschen verletzen, sie bekommen einfach keine angemessene reaktion von uns. sie sehen zwar das wir weinen, aber sie fühlen es nicht, und dadurch wirkt es für sie künstlich, nicht ernst gemeint. entsprechend schnell formuliert sich der vorwurf das wir ein opfer-abo hätten oder andere manipulieren möchten und uns ja „durchschaut“ hätten, während sie uns weiterhin verletzen.

    fühlen ist eine ganz wichtige sache und du solltest versuchen wirklich differenziert zu fühlen. das bringt fast noch mehr erkenntnisse als bloß über dinge nachzudenken. auch wenn wir keinen draht zu unseren mitmenschen aufbauen können können wir meist andere dinge erfühlen, dinge die für andere menschen gegenständlich oder weniger wert als menschen ist.

    das anstrengende daran: man muss es bewusst machen und sich konzentrieren. aber mit ein wenig übung geht das ganz gut. kunst zb. bekommt eine ganz andere bedeutung wenn man es schafft sie zu erfühlen. kunst zu erfühlen ist mehr als einfach nur die ausgelösten emotionen der kunst in einem selbst wahrzunehmen. sorgfältig ausformuliert und anderen menschen erklärt erkennen sie in einem fähigkeiten die sie selbst nicht haben, und sobald sie diese auch für sich zu nutzen wissen erkennen sie einen als scharfsinnigen geist an.

    nun, aber warum sollte man von anderen als werkzeug genutzt werden? ich denke das es wichtig ist vom sozialen umfeld nutzen zu ziehen und sich benutzen zu lassen, denn genau dieser austausch ist wichtig für die intellektuelle expansion des menschen.

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  9. TJ schreibt:

    Vielen Dank für diesen Artikel. Ich hatte einen Knoten im Hirn, als ich versuchte das – „nachzudenken / nachzuempfinden“…🙂
    …und damit auch wieder einen Einblick, wie es wohl ist, in die scheinbar komplizierte Gefühlswelt hineinzutauchen.
    Besonders das Gefühl „leer“ war für mich sehr aufschlussreich. Ob das so ist, wie das Gefühl, wenn ich erfolgreich meditiere?
    In meinen Kursen zum Autogenen Training bekomme ich so viele Antworten. Bei manchen ist die Wut im Kopf, andere haben sie im Bauch… Kinder haben noch sehr bunte Bilder, bei Erwachsenen finden sich die „bekannten, erlernten“ Stereotypen. Und wenn man dann fragt, ob das wirklich so ist, dann stellt sich irgendwann heraus – nein. Eigentlich ist meine Wut gar nicht im Bauch… Meine Wut ist…
    Vielleicht sind Autisten gar nicht so anders. Sie gehen nur sehr viel aufmerksamer mit Details um und setzen sich mit Dingen auseinander, die die „Nicht-Autisten“ einfach übergehen…
    Wer sagt, Autisten seien gefühlskalt ist deutlich – Wahrnehmungs-(be/)gehindert“

  10. Also nach Deiner Beschreibung von Autismus, bin ich genau das Gegenteil. Bei mir kam immer Ärger und Wut als Reaktion meiner Umwelt hoch, auf jedenfalls bis vor vielen Jahren, genau genommen 17 Jahren, seit dieser Zeit habe ich die Zen-Meditation gelernt und ich erkenne heute Wut und Ärger. und nehme meine Gefühle und Gedanken war. Auch die Leere kenne ich, das ist das was alles ist, „leer“.
    Im Buddhismus gibt es das Herzsutra und dort steht folgendes:
    “Form ist Leerheit, Leerheit ist Form, Form ist nichts anderes als Leerheit, Leerheit ist nichts anderes als Form. Genauso sind Empfindungen, Wahrnehmungen, geistige Formkräfte und Bewusstsein leer von einem abgetrennten Selbst.
    Hier der ganze Text: http://zentao.wordpress.com/herz-sutra/
    Ich würde sagen, das was ich mühsam lernen musste ist ein Teil, Deines Wesens und ist nur bei uns so genannten „Normalos“ nicht anerkannt. Tatsache ist, das alle, So genannten „Autisten“ hochintelligent und tiefgründige Menschen sind. Die Behinderten sind wir „Normalos“.
    Liebe Grüsse zentao

  11. Bernhard schreibt:

    Nicht das Emotionen-Haben ist das Schwierige, sondern das Benennen. Wie soll ich ausdrücken, was ich fühle, wenn ich z. B. 70% wütend, 10% traurig, 10% mitleidend (=“ich verstehe dich ja…“), 5% hilflos und 5% „gemischt-gefühlig“ bin, das man auch noch mal aufspalten könnte in 2, 3, 4 oder mehr Gefühlsanteile…? Zudem ich als Synästhet _und_ Asperger nochmal dieses Gefühlsgemisch als Gebilde vor meinem inneren Auge sehe, und es eben ganz anders aussieht als nur eben „wütend“, obwohl „wütend“ mit 70% den größten Anteil darstellt. Da fehlen einem die Worte. Worte sind so „flach“, man müsste vieldimensional reden können. Stattdessen muss ich bei Beschreibungen seriell hintereinander alles aufführen, was gleichzeitig da ist. Meist hat mein Gegenüber dann auch nicht so viel Geduld und hat schon spätestens nach dem dritten Satz weggehört.

    • Reiner Sauer schreibt:

      „Wie soll ich ausdrücken, was ich fühle…“
      Genau darauf kommt es an. Niemand kann das besser als der Fühlende. Wir können nur versuchen aus dem wortlosen Brei in uns ein „Bild“ zu machen und zu Beschreiben was in uns vorgeht. Niemand kann in einen anderen hineinsehen- hineindenken. Wir müssen Worte, Sprache erst lernen, wir werden damit nicht geboren. Ein Kind weiß nicht was es fühlt, es Fühlt. Temple Grandin konnte als Kind nur Quieken wie ein Schwein, mehr Ausdrucksmöglichkeiten hatte sie nicht. Heute schreibt sie Bücher und versucht mit Worten das zu Beschreiben was in ihr Vorgeht. Was für ein Abenteuer.
      In sich hineinfühlen und zu Beschreiben versuchen was in einem vorgeht. Und das geht (normalerweise) nicht mit einem Wort. Auch wenn es manchmal einfach nur SCHEIßE ist.
      Das Wichtige aber ist, dass wir es versuchen und uns Mitteilen, denn nur so kann „Erleben“ verglichen werden und dann schaffen wir es auch einen anderen zu „Verstehen“.
      Leider sind viele nicht in der Lage über ihre Gefühle zu Reden, geschweige denn sie zu Artikulieren. Dazu muss man bereit sein sich zu öffnen und der Andere muss bereit sein zuzuhören. Und auf alle die nicht zuhören, einen großen Haufen.

  12. oliver schreibt:

    bernhard: dafür gibt es metaphern. es sind sehr viel mehr dinge in bildern beschrieben als man auf den ersten blick erkennt. um diese gefühle jemanden mitzuteilen ist es nötig zuvor diese person kennen zu lernen und zu wissen was sie unter welcher wortkonstellation versteht. wichtig ist da aber auch das diese person, der man sich mitteilen möchte, auch ein interesse an dir als person hat.

    nach vielen gesprächen mit meinen freunden habe ich heraus gefunden das sie meist größere schwierigkeiten haben ihre gefühle auszudrücken als ich. sie wissen auch nicht wie genau sie das tun sollen, sie erwarten das man fühlt wie sie sich fühlen. ich denke normalos sind, obwohl sie sich gegenseitig erfühlen können, unfähiger als wir ihre gefühle in bildlich gesprochenem wort zu fassen.

    • Bernhard schreibt:

      Ja, schon. Aber NTs („neurologisch Typische“, von dir „Normalos“ genannt – ich nenne sie lieber NTs) können „kürzen“: Wenn ich, wie beschrieben, 70% wütend, 10% so undso etc. bin, dann kürzen sie und sagen: „ich bin wütend“, und lassen das 30%-Gemisch aus restlichen Gefühlsanteilen weg. Ich kann das nicht, ich will möglichst genau und vollständig ausdrücken, was in mir gerade für Gefühle sind. Wenn man bei NTs auf Details dringt und nachfragt: „wirklich nur wütend, oder ist da noch mehr“, kommen sie genauso in Erklärungs-Schwierigkeiten wie wir.

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  14. Kate schreibt:

    Grossartig ! Dieses Thema beschaeftigt mich als Betroffene im Moment sehr stark. Und dein Text spricht mir aus der Seele. Endlich hat es mal jemand formuliert wie es wirklich ist !!! Vielen Dank. Ich kannte deine Blogbeitraege bis eben nicht, werde jetzt aber auch die anderen lesen🙂

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