Es geht auch ohne!

Dies ist ein Blogpost. Genauer genommen ein Experiment. Ob es gelingt oder ob ich kläglich scheitern werde weiß ich jetzt noch nicht. Aber eines ist klar: Ich versuche als Amateur etwas zu schaffen was einige Profis nicht hinbekommen: Auf Worte verzichten! Ich bin gespannt ob Euch auffällt auf welche!

Mir geht es in den letzten Tagen eigentlich sehr gut. Ich schaffe im Moment an einem Tag für das ich gefühlt in letzter Zeit Wochen gebraucht habe. Ihr fragt Euch was? Eine Ladung Wäsche waschen und trocknen, zweimal die Spülmaschine laufen lassen, endlich unsere Telefone an den Router  anschließen damit wir wieder telefonieren können. Dazu noch ein paar Emails beantworten das war es derzeit auch schon. Klingt nach nicht viel? Ja. Für mich ist das aber derzeit ein Erfolg! Ich lebe seit langem an meiner Belastungsgrenze. Jede Tätigkeit außerhalb des Hauses kostet mich viel Energie. Genauer gesagt ist es nicht das was ich „draußen“ mache sondern das „Draußen“ an sich. Die Sinnesreize der Umwelt. Geräusche die ich nicht ausblenden kann, Gerüche die auf mich einprasseln, der Straßenverkehr um mich herum, das Wetter. Einfach alles was man eben wahrnehmen kann wenn man spazieren geht. Während sich andere Menschen bei einem Spaziergang entspannen läuft bei mir der Stresslevel auf Hochtouren. Die einen tanken Energie, ich verliere sie. So ist das eben wenn man eine andere Wahrnehmung hat bei der die Wahrnehmungsfilter nicht so funktionieren wie bei anderen Menschen. Klingt negativ? Ist es durchaus. Aber wie alles…hat so eine „Normabweichung“ auch eine positive Seite. Gerade heute wieder habe ich für Erstaunen gesorgt. Es ist ja bekannt, dass Betrüger immer wieder versuchen als „Mann von den Stadtwerken“ Zutritt zu Wohnungen und Häusern zu bekommen. Sicherheit gegen Betrüger sollen „Dienstausweise mit Passfoto“ bringen. Nur achtet auch jeder darauf? Ich vermute mal es fällt ein Blick drauf, man nimmt es hin und das war es. Anders kann ich mir auch nicht erklären, dass der Mann von den Stadtwerken der heute bei uns klingelte einen Dienstausweis an der Brust baumeln hatte der seit dem 03.01.2013 abgelaufen war. Er schaute zumindest recht unbeschreiblich als ich ihm das sagte und die Tür wieder schloss.

Unhöflich? Vielleicht. Aber, auch das ist so ein Merkmal von mir, soziale Gepflogenheiten, vorgeschobene Freundlichkeit und Small Talk sind mir fremd. Anders ausgedrückt: Ich kann damit nichts anfangen. Warum sollte ich jemandem mit einem abgelaufenen Dienstausweis länger zuhören? Warum soll ich mich bei anderen nach deren Befinden oder Gesundheit erkundigen wenn es mich nicht interessiert? Unhöflich? Vielleicht. Ich bin es nicht absichtlich, ich bin einfach so. Das soll nun keine Entschuldigung sein, aber mich verstellen ist etwas was mir Energie raubt die ich dringender an anderer Stelle brauche. Und Energie zu verschwenden erscheint mir nur allzu oft als unlogisch.

Logik. Etwas das mich schon so manches Mal an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Was mir schon als „logisch“ präsentiert wurde lässt anderen Menschen wohl die Haare ausfallen ( mir übrigens auch). Das Problem ist: Empfindest Du etwas, was für andere logisch ist, als absolut unlogisch hast Du nur wenige Optionen.

Option 1: Du nimmst es hin. Ärgerlich. Und irgendwie auch unlogisch. Wieso soll ich etwas glauben was mir zutiefst unlogisch erscheint? Geht nicht.

Option 2: Du fragst nach. Dann kommt es sehr auf den Goodwill Deines Gegenüber im Verhältnis zu Deiner Hartnäckigkeit an. Je mehr Hartnäckiges Nachfragen (um es zu verstehen), desto weniger Goodwill (weil ist doch logisch Mensch!). Auf Dauer: kräfteraubend bei einer hohen statistischen Wahrscheinlichkeit des immer wieder gleichen Ausgangs. Du wirst als Doof deklariert weil Du die Logik  nicht verstehst.

Option 3: Du konfrontierst Dein Gegenüber mit Deiner Logik. Letztendlich Option 2 bloß mit umgekehrten Vorzeichen. Das Ergebnis wird aber fast immer dasselbe sein:  du verlierst. Aber dieses Mal mit dem Unterton des Besserwissers und unverbesserlichen Klugscheißers. Du hast die Wahl!

Da fällt mir doch ein was ich noch vergessen habe:

Es soll Menschen geben, ich gehöre dazu und bin definitiv nicht alleine damit auf der Welt, die Sprache wörtlich verstehen. Eben genauso wie etwas gesagt oder geschrieben wurde. Das führt zu vielfältigen Problemen. Zum einen gibt es sowas wie Ironie oder gar Sarkasmus in unserer Sprache. Verstehe ich nicht immer. Das führte schon so manches Mal zu entweder peinlichen (leider für mich) oder missverständlichen Situationen. Je unpersönlicher sowas dann wird umso schwerer ist es für mich Ironie zu erkennen. Kenne ich die Person => geht’s. Kenne ich sie nicht => Problem! Lese ich die Worte nur => AUA.

Aber ich möchte ja positiv denken: Auch das hat einen Vorteil. Zum einen weiß jeder der mich kennt wie er mich zu nehmen und zu verstehen hat (also meistens). Zum anderen liebe ich Sprache. Man kann so viel mit der deutschen Sprache ausdrücken. Nicht nur, dass wir für fast alles ein Wort haben. Nein: Wir leben im sprachlichen Überfluss. Wir leisten uns den Luxus von Synonymen, Homonymen, Wortvarianten und was nicht noch alles. Kurzum: Suchst Du ein Wort für etwas wirst Du oftmals gleich derer mehrere finden. Das macht unsere Sprache so angenehm, abwechslungsreich und vielfältig. Wenn da nicht die bösen Vokabeln wären. Böse aus einem Grund: Sie werden entweder sinnfremd, sinnverfremdend oder gar sinnlos verwendet. Da stellt sich einem natürlich die Frage: Warum macht man das?

Nun. Einige Worte sind mit einem gesellschaftlichen Makel versehen. Sie zu verwenden drückt also quasi schon eine Protesthaltung gegen die sprachliche Gesellschaft aus. Hat ein Geschmäckle.

Dann gibt es Worte die besonders gebildet und intellektuell klingen. Werden gerne in Worthülsen verwendet um besser auszusehen. Quasi die Hochglanzpolitur von Sprache. Manchmal blendet mich das so, dass ich schon nicht mehr hinschauen kann!

Und dann gibt es noch die besonders fiesen. Die Mehrdeutigen Worte. Oder noch böser: Die Worte denen eine unterschwellige subjektiv negative Bedeutung mitschwingt ohne das diese objektiv greifbar wäre. Verwendet man gerne um mit einer reinen Weste und ungestraft andere zu diskreditieren. Pfui!

Was mich zum eigentlichen Anliegen dieses Experiments bringt:

Ich habe es geschafft mehr als 6000 Zeichen in die Welt zu setzen die einen Teil von mir und meine Sichtweise auf das Leben beschreiben. Geprägt von etwas das untrennbar ein Teil von mir ist. Und ich habe geschafft eben diesen Teil nicht direkt zu benennen. Im Gegensatz zu Sprachprofis die thematisch gesehen  gar nicht darüber schreiben und trotzdem zu gewissen Worten greifen.

Klartext: Ich habe hier über meinen Autismus und mein autistisches Leben geschrieben ohne das Kind beim Namen nennen zu müssen. Wenn ich das schaffe: Warum schafft Ihr das nicht bei autismusfremden Themen?

Es geht auch ohne!

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7 Antworten zu Es geht auch ohne!

  1. Autzeit schreibt:

    Die Sache hat nur einen Haken. Es ist durchaus legitim, das Kind beim Namen zu nennen. Wenn Autismus vorliegt, soll und darf man das m. W. auch genau so sagen. Wer von einem Arzt mit Autismus diagnostiziert wurde, ist Autist. Und dann sollte man das nicht irgendwie umschreiben, sondern klar benennen.
    Aber die ganzen Diskussionen gehen ja darum, dass eben jene medizinisch-psychiatrische Diagnose in vollkommen fachfremden, sinnentstellenden Kontexten verwendet wird. Es wird also etwas als „autistisch“ bezeichnet, was definitiv nicht im Entferntesten mit Autismus zu tun hat.

    • quergedachtes schreibt:

      Ich gebe dir vollkommen Recht. Es ist legitim das Kind beim Namen zu nennen und ich möchte Autismus als Wort auch nicht tabuisieren.
      Aber ich wollte mit diesem Experiment aufzeigen das es absolut unnötig ist von Autismus zu schreiben wo er nichts zu suchen hat. Eben: Wenn ich das bei einem Autismustext kann…kann das auch jeder bei Texten bei denen es nicht um Autismus geht.
      Man könnte auch sagen: Ich wollte einigen Journalisten mal den Spiegel vorhalten.

  2. Autzeit schreibt:

    Ich weiß. Aber GERADE in deinem Beitrag hat Autismus was zu suchen, weil es genau darum geht. Und wir möchten ja gerade, dass sich die Leute konkret, klar, deutlich und korrekt ausdrücken…

  3. Stiller schreibt:

    „Das Problem ist: Empfindest Du etwas was andere logisch ist als absolut unlogisch hast Du nur wenige Optionen“ -> Das habe ich nicht verstanden. Was soll dieser Satz aussagen?

  4. Martina schreibt:

    Du hast mit Deinem Experiment völlig Recht. In unserer Sprache gibt es ausreichend Worte um einen Sachverhalt zu beschreiben ohne Worte wie „Autimus“ zu entfremden und zu missbrauchen und damit Menschen mit Autismus zu verletzen und falschen Interpretationen Vorschub zu leisten. Ich habe den Eindruck, dass zurzeit „Autismus“ zu einer modernen Kollektion Worte gehört, die man benutzt haben muss, um „in“ zu sein. Berichterstatter machen sich keine Gedanken darüber, was das Benutzen dieses Wortes bei den MENSCHEN auslöst, die damit verbunden sind. Sie benutzen dieses Wort wie ein neues Paar Schuhe, dass gerade zur neuesten Mode gehört und das sie unbedingt auch haben müssen. Das ist armselig. Das zeigt einen begrenzten Horizont. Das zeigt eine gefühllose Welt. Ich denke, es ist an uns Autisten, immer wieder darauf hinzuweisen, dass hinter dem Wort „Autismus“ echte lebende Menschen stehen.

  5. Gardiners-Seychellenfrosch schreibt:

    Jep, das Kind Autismus gehört beim Namen genannt. Anyone Tipps wie man seinem zukünftigen Arbeitgeber am besten sagt, dass man Autist ist??? Verschweigen und mühevoll kompensieren ist für mich keine Option, da das nicht funktioniert und nur Repressalien hervorgerufen hat, sowie das Urteil schlecht erzogen bzw. wasn das für ne komische Tante. Da denke ich kann es als offzieller Autist auf Arbeit ja nur besser werden.

    Option 1: Führt bei zu häufigem Gebrauch, zum Abschalten, des Denkens, was die Umwelt in ihrer Doof-Meinung bestärkt.
    Option 2: Aha, deshalb erlebe ich sowenig Goodwill. Meine Eltern haben mir nämlich beigebracht besonders hartnäckig zu sein, nu als gelernte DDR-Bürger im Kampf mit Behörden um Integration in der Karbonzeit (jedenfalls eine Zeit vor der Steinzeit genauer 1997) brauchte man das wohl. O-Ton Mum: Du musst kämpfen, wenn du etwas willst was du schwierig bekommst. Gib niemals auf! Ok, ich schweife ab, aber die AOK reagiert wie ein guter Diener, wenn mein Nachname fällt. Schon schick, wenn ein 10.000 € SP-Zubehörpaket prompt bewilligt wird.
    Option 3: Führt auch zu Du nervst-Kommentaren,aber mit Klugscheisssieggeschmack bzw. Bewusstsein, dass man etwas weiss was der andere nicht weiss und gnädiges Mitgefühl für das Nichtverstehen(wollen) Klugscheisser ist für mich kein Schimpfwort.
    Eigentlich könnte ich auf due Frage nach meinen Vornamen von Fremden, flüchtigen Bekannten mit Du nervst! anworten. Ich nehme an es nervt etwas zu erklären was eigentlich logisch ist. Ich sag dann immer stell dir vor ich bin Ausländer, der die deutsche Logik nicht kennt. Mist, warum seh ich nicht zumindestens etwas ausländisch aus. Ich sollte mir einen fremdsprachigen Akzent zulegen…. Die interessante Beobachtung, liebes Quergedachtes, die ich während einer Reha im schönen Bad Nauheim machte, dass eine türkische Mittvierzigerin sehr nett zu mir war und sich am meinem seltsamen Verhalten nicht gestört hat, während die Biodeutschen mal wieder ihr irritiertes unbewusstes Ausweichspiel machten. Genauso waren unsere Ex-russlandeutschen Nachbarn uns die liebsten. Einladung zum Grillen, Geburtstag usw., ja gut wenn man jetzt nicht so osteuropäische Küche mag. Aber mir Haben Kohlrouladen und russisches Konfekt geschmeckt. Ich kann die NPD gar nicht verstehen, die Ausländer sind doch sooo nett. Is doch lustig wenn man von nebenan durch die dünnen Rigipswände NU PAGADI NICOL! Hört und deine Mutter es bereut im DDR-Russischunterricht so wenig aufgepasst zu haben.

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