Autismus und Behinderung oder Was ist eigentlich die Norm?

Ist Autismus eine Behinderung? Wenn ja: welche? Und sind alle Autisten behindert? Wie ist das bei mir? Fragen die sich fast jeder Autist wohl in seinem Leben irgendwann einmal gestellt hat. Manchmal sogar stellen muss wenn es um einen Antrag auf Feststellung einer Schwerbehinderung geht. Fragen die aber auch schwer zu stellen sind. Zum einen weil die Thematik nicht so eindeutig ist wie sie auf den ersten Blick zu sein scheint, zum anderen weil man darauf achten muss in welchem Umfeld man diese Fragen laut stellt und sich darüber austauscht. Ich habe mich versucht intensiv mit dem Thema Behinderung und dem Bezug zu Autismus auseinander zu setzen. Der nachfolgende Beitrag, das sei hier nochmals ausdrücklich betont, spiegelt meine persönliche Herangehensweise an dieses Thema und meine Meinung dazu wieder!

Behinderung, was meint das eigentlich?

Es liegt nahe sich das Wort Behinderung an sich mal anzuschauen um herauszufinden was eine Behinderung eigentlich ist. Für mich ist der Kern der Bedeutung von Behinderung die „Hinderung“. Man oder etwas hindert also jemanden etwas zu tun oder wird daran gehindert selbst etwas zu machen. Aber woran misst sich dieses „hindern“? Es wird immer Dinge geben die ein Mensch nicht machen kann auch wenn er es evtl. gerne machen möchte.  Die deutsche Sprache lässt mich hier also recht alleine, eine Behinderung ist also ein Hindernis, aber eines dessen Maß die Sprache nicht definiert. Als nächstes habe ich mir also die Definitionen von Behinderungen angeschaut. Definitionen findet man einige, viele jedoch geprägt durch persönliche Deutungen der angesprochenen Behinderung.

Alle Definitionen haben im Kern aber eine Aussage: eine Behinderung ist eine dauerhafte Beeinträchtigung der Teilhabe am Leben. Auch hier wieder: eine klare Aussage ist nicht wirklich zu finden. Wer definiert Teilhabe am Leben? Welchen Umfang hat diese Teilhabe? Ab welchem Grad ist die Teilhabe nicht mehr im „normalen“ Rahmen gewährleistet?

Welche Behinderung darfs denn sein?

Bisher haben sich mir mehr und mehr  Fragen gestellt, befriedigende Antworten waren kaum zu finden. Womit ich immer unglücklich war ist die Feststellung, dass Autismus zu den seelischen Behinderungen zählt. Wie kann eine Seele behindert sein? Zumindest für mich eine sehr befremdliche Vorstellung. Spirituell gesehen müsste man sich dann die Frage stellen: Wenn man daran glaubt, dass die Seele nach dem Tod weiter existiert: Bin ich dann für immer und ewig Behindert? Na vielen Dank, die Buddhisten oder Hinduisten unter uns werden sich freuen!

Wenn man sich mit den eher medizinischen Definitionen von Behinderung auseinandersetzt wird man feststellen: Es gibt mehr als man denkt. Aber passt Autismus da überhaupt rein? Wenn ja: Wie?

Seelische Behinderung /Störung

Fangen wir mit der seelischen Behinderung an.  Sie ist, sprachlich gesehen, eine entdiskriminierte Version der psychischen Behinderung. Psychisch behindert wird in der Gesellschaft nicht akzeptiert und ist mit Makeln versehen. Man denke nur an das verbreitete Bild des „Irrenhauses“ oder der „Klapsmühle“. Damit Menschen mit solchen Behinderungen sich nicht schlagartig diskriminiert  fühlen sagt man nun seelische Behinderung dazu. Ich hoffe nur das erfährt da draußen keiner, eine andere Bezeichnung ändert nämlich nichts an der Geisteshaltung der Gesellschaft!  Aber zurück zur Definition. Was mir als erstes aufgefallen ist: Die Bezeichnung „Behinderung“ wird in diesem konkreten Zusammenhang gerne vermieden.  Fast durchgehend verwendet man die Bezeichnung „Störung“. Provokante Frage: Sind seelisch behinderte Menschen einfach nur gestört? Natürlich nicht! Sie haben aber eines gemein: Sie weichen in ihrer Wahrnehmung oder im Verhalten erheblich von einer, wie auch immer definierten, Norm ab. Na toll!

Aber gehen wir mal weiter in die Tiefe. Laut Wikipedia weichen Menschen mit einer seelischen Störung von der Norm ab wenn es um das Denken, Fühlen oder Handeln geht. Denke ich als Autist anders? Ja und nein. Nein weil ich fest davon überzeugt bin, dass nicht der Autismus ein anderes Denken verursacht. Ja für den persönlichen Teil der Frage. Ich denke anders, ich nenne mich ja nicht umsonst Querdenker. Aber ist das schon ein relevanter Anhaltspunkt für eine Seelische Störung? Ich hoffe, für die Gesellschaft die auch anders denkende Menschen braucht, nicht!

Handel ich anders weil ich Autist bin? Gute Frage. Ich denke ich handel durchaus anders, aber nicht weil meine Normen gestört sind, sondern weil der Autismus unter Umständen ein Handeln erzeugt das bei nichtautistischen Menschen nicht vorhanden ist. Solange die Handlung aber logisch nachvollziehbar ist, und ich gehe soweit das jeder andere Mensch unter den Grundbedingungen genauso oder ähnlich reagieren würde, empfinde ich das nicht als Normabweichend.

Bleibt das Fühlen. Tja fühlt man als Autist anders? Ich bin mir nicht sicher. Als Mensch der sich als alexithym bezeichnet fühle ich vielleicht wirklich anders. Aber ist das schlimm? Ich weiß es nicht da ich nicht weiß wie andere Menschen fühlen. Woher soll ich das auch wissen? Stellt sich die Frage: Woher wissen andere Menschen, nämlich diejenigen die die Norm definieren, was „normal“ ist? Ist es nicht vielmehr normal (und damit die Norm) und bezeichnend für Gefühle, dass jeder Mensch anders fühlt?

Ich bin mir nach den ganzen Gedanken nicht wirklich sicher, ob Seelische Behinderung bzw. Störung wirklich passend für Autismus ist.

Geistige Behinderung

Oftmals wird Autismus, und ich betone das gerne, fälschlicherweise als geistige Behinderung definiert.  Hier gibt es eine recht klare und eine etwas schwammige Definition. Die Eindeutige besagt: Geistig behindert ist wer eine verminderte(ich vermute dann angeboren) oder herabgesetzte (erworbene) maximal erreichbare Intelligenz besitzt. Kurzum: Ist der IQ zu niedrig ist man geistig behindert. Eine Intelligenzminderung ist aber kein Kriterium für Autismus. Demzufolge ist Autismus, nach dieser Definition, absolut keine geistige Behinderung! Problematisch wird es trotzdem. Klinische Tests zur Messung der Intelligenz sind an einer „Norm“ ausgerichtet. Schlimmer noch: Sie sind größtenteils auf eine bestimmte Sprache ausgelegt. Folge: Jeder der in dieser Sprache nicht kommuniziert oder sie nicht versteht wird bei einem solchen Test schlechter abschneiden als „nötig“. Autisten können teilweise erhebliche Probleme in der Kommunikation haben, viele beschreiben die „Sprache der Gesellschaft“ als Fremdsprache die sie erlernen müssen. Ist es da ein Wunder, wenn Autisten bei solchen Tests schnell mal eine geistige Behinderung attestiert bekommen?

Ich sprach anfangs von zwei Definitionen. Die zweite rückt von der Intelligenz als Messwert für das Vorliegen einer geistigen Behinderung ab und setzt die Interaktion mit der Umwelt anstelle dessen in den Mittelpunkt. Tolle Wurst wenn man bedenkt welche Probleme Autisten hier an den Tag legen können. Man muss sich allerdings die Frage stellen: Ist eine Interaktion mit der Umwelt wirklich ein angemessenes Kriterium für das Vorliegen einer geistigen Behinderung? Hier winkt vor meinem geistigen Auge das Bild der „eigenen Welt“ und die damit verbreitete Ansicht, dass Autisten die nicht mit „dieser Welt“ kommunizieren in einer eigenen Welt leben oder gar gefangen sein müssen. Man entspricht eben nicht der „Norm“. Wie man sieht: Ich kann auch hier keine eindeutige Antwort auf die Frage finden: Ist, per Definition, Autismus eine geistige Behinderung?

Sprachbehinderung

Von der Interaktion mit der Umwelt ist es nicht weit zum Thema Sprache. Ist Autismus etwa eine Sprachbehinderung? Zu den Sprachbehinderungen zählen unter anderem: Mutismus und Sprachentwicklungsverzögerungen. Beides Ausprägungen die bei Autismus auftreten können aber nicht müssen.

Des Weiteren zählen Sprechstörungen, Sprachflussstörungen und Störungen in der Stimme dazu. Alles Auswirkungen die durch Autismus bedingten Stress in Alltagssituationen entstehen können.

Sind Autisten also Sprachbehindert?

Lernbehinderung

Ich weiß, nun wird es langsam exotisch, aber ich denke auch hier besteht ein Bezugspunkt zum Autismus. Schaut man sich an wie eine Lernbehinderung definiert ist wird das klarer. Lernbehinderungen sind ein langandauerndes, schwerwiegendes und umfängliches Schulleistungsversagen. Zumindest sofern keine geistige Behinderung als Ursache dafür vorliegt. Wenn ich mir anschaue welche Probleme Autisten in der Schule haben und haben können müsste ich wohl definitiv bejahen: Autismus ist eine Lernbehinderung! Oder ist Autismus doch eher eine Lernbehinderung die aufgrund widriger Lernumstände entsteht und im Kern gar keine ist? Behalten wir diesen Gedanken eine Weile im Hinterkopf.

Sinnesbehinderung

Unter einer Sinnesbehinderung versteht man die Beeinträchtigung der Fernsinne. Also des Seh- und des Hörsinnes. Nun wird mir jeder sicher zustimmen, wenn ich sage: Autisten sind, aufgrund des Autismus, weder Seh- noch Hörbehindert. Aber Moment Mal…. Eine Behinderung ist die Abweichung von der Norm. Ich wage zu behaupten, dass Autisten durchaus beim Sehen und Hören von der Norm abweichen können. Zum einen in die Richtung „empfindliches“ Gehör wenn wir Dinge wahrnehmen die andere nicht hören, zum anderen z.B. beim Tunnelblick oder im Falle eines Overloads. Da kann mir keiner sagen, dass er das volle und ungetrübte Sehvermögen hat! Hier komme ich auf einen weiteren Knackpunkt bei der Definition von Behinderung und Norm: Man beachtet nur die Defizite und das Abweichen nach unten! Das Menschen die nach „oben“ von der Norm abweichen evtl. genauso behindert sein können beachtet keiner. Das gilt übrigens auch für andere Bereiche wie z.B. die geistige Behinderung. Ich kenne einige Menschen die unter ihrem hohen IQ  „leiden“ und nicht glücklich damit sind. Der Definition nach sollte aber wohl jeder Mensch der „über der Norm steht“ glücklich sein auch wenn er außerhalb der Norm steht. Etwas worüber man mal nachdenken sollte! Wer nun sagt: „Es gibt aber mehr Sinne als das Sehen und das Hören“ hat Recht. Diese, auch Nahsinne, genannten Sinne werden aber wenn sie gestört sind nicht als Behinderung bezeichnet. Eine Störung der Fernsinne beeinträchtigt die Teilhabe am „normalen“ Leben, bei den Nahsinnen ist das nicht so wichtig. Sorry, aber das kann auch nur jemand definiert haben der IN der Norm liegt! Da gerade Autisten hier Probleme und „Defizite“ haben können fallen wir wohl, von oben angemerkten Ausnahmen abgesehen, wohl nicht unter die Sinnesbehinderten Menschen.

Körperbehinderung

Wahrscheinlich unter den ganzen Behinderungsarten die Behinderung die man sofort für Autismus ausschließen würde. Wikipedia fasst das Ganze recht kurz und knapp zusammen, eine Körperbehinderung ist :  „eine individuelle körperliche Behinderung eines Menschen, ein physiologisches Defizit oder Handicap.“

Kurz und etwas sarkastisch gesagt: Fehlt Dir ein Körperteil, funktioniert es nicht richtig oder stimmt etwas mit der Mechanik Deines Körpers nicht bist Du Körperbehindert. An Autisten ist im Regelfall alles dran und die organischen Funktionen sollten auch im „Normbereich“ sein. Ist das aber wirklich so?

Ich gehe für die nachfolgende These nun einmal davon aus, dass die Entwicklung des Gehirnes eines Autisten anders verlaufen ist. Aufgrund dessen funktioniert unser Gehirn und die Signal- und Reizverarbeitung in selbigem anders als bei nicht autistischen Menschen. Nun ist das Gehirn, zumindest für mich, ein Organ und damit Teil des physischen Körpers. Wenn nun unser Gehirn aufgrund dessen Aufbaus und „Verschaltung“ anders funktioniert ist es auch der Auslöser bzw. der Grund, nicht aber die initiale Ursache nach der man ja noch sucht, für das was wir Autismus nennen. Ist Autismus also eine, wenn auch versteckte, Körperbehinderung? Ein Aspekt den man so nicht vermuten würde aber den man, zumindest wenn man meine Gedankengänge nicht als total abwegig empfindet, nicht ignorieren sollte. Gerade schon weil er von der „Norm“ der Körperbehinderungen abweicht.

Leicht, schwer oder gar nicht?

Eine Frage die sich, aufgrund der Vorgaben, leichter beantworten lässt ist die nach der „Schwere“ der Behinderung. In Deutschland gibt es schlichtweg verschiedene Abstufungen. Behinderungen die sich nicht oder nur wenig  auf die Teilhabe auswirken. Behinderungen (ab Gesamtgrad 30) die sich auswirken aber „noch nicht so schlimm“ sind. Und wenn sie doch schlimmer sind als man aufgrund des Grades der Behinderung denken könnte, können sich Menschen ab einem GdB von 30 mit einem Schwerbehinderten gleichstellen lassen.

Dann kommen auch schon die Schwerbehinderten mit einem GdB von 50 und mehr. Sie genießen mit zu nehmendem GdB auch einen zunehmenden Schutz z.B. im Arbeitsleben. Diese sog. Nachteilsausgleiche sollen eine Teilhabe am Leben ermöglichen und, wie der Name schon sagt, die Nachteile die durch die Behinderung entstehen ein wenig ausgleichen.

Ein GdB von 100, das Maximum in Deutschland,  besagt übrigens nicht, dass diese Person gar nichts mehr machen kann. Sie ist nur, gemessen an der schon oft erwähnten Norm, maximal behindert bzw. von der Teilhabe am Arbeits- und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.

Einigen wird mein leicht spitzer Unterton in diesem Abschnitt sicher nicht entgangen sein. Das mag daran liegen, dass man z.B. mit Autismus jeden GdB zwischen 10 und 100 bekommen kann. Wer legt es fest? Richtig: Die Norm! Und wer muss nachweisen das und wie weit man von der Norm abweicht? Richtig der Autist. Nur wie soll er wissen was nun als Norm empfunden wird und was, in den Augen anderer, nicht normgerecht ist? Und kann das jemand der der „Norm“ entspricht? Weiß er wie es ist Autist zu sein? Nein!

Wer oder was behindert?

Was mich letztendlich zu der Frage bringt: Wer oder was behindert einen Menschen mit Autismus nun? Ist es der Autismus? Ist es das Umfeld? Ist es gar die hier vielerwähnte „Norm“?

Ich denke die Wahrheit liegt in der Mitte. Autismus verursacht Probleme die es wiederum einem Autisten schwer machen in der „genormten“ Welt zu überstehen. Insofern ist Autismus schon ein behindernder Faktor. Es ist aber auch die Umwelt die es jedem schwer macht der von der „Norm“ abweicht. Ich bin übrigens kein Freund der These: „Es ist nur die Umwelt und das Umfeld die einen behindern!“ Ich denke das schiebt eine vermeintliche Schuld nur ab und beachtet nicht, dass Autismus durchaus nicht eine Art zu Leben ist die man frei wählen kann und aufgrund derer man diskriminiert oder behindert wird sondern eben eine Behinderung.

Ich lasse es übrigens jedem Autisten frei zu sagen „Ich fühle mich / bin nicht behindert!“. Ich bestreite nur, dass die Behinderung ausschließlich von außen kommt.

Und was ist Autismus nun?

Die Frage der Fragen mit der alles anfing und nun auch endet. Ich kann es nicht sagen. Klar ist nur: Wir haben eine Beeinträchtigung bei der Teilhabe am Alltag und Arbeitsleben. Und wir passen nicht wirklich in die, wie auch immer festgelegte, Norm. Das gilt aber auch, das ist zumindest mein Schluss zu diesem Beitrag, bezüglich der Normen zur Einteilung der Art und Schwere der Behinderung. Wir sprengen also das was andere „Norm“ nennen und wohl auch zur eigenen Orientierung und Selbstfindung brauchen komplett. Da stellt sich mir die Frage: Ist es nicht die Norm, dass alle irgendwie von Ihr abweichen? Und kann es dann überhaupt noch eine Norm geben wenn alle irgendwie abweichen? Oder um es mit einem Werbeslogan eines Erfrischungsgetränkes zu sagen: „Sind wir nicht alle ein bisschen …?“.

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13 Antworten zu Autismus und Behinderung oder Was ist eigentlich die Norm?

  1. Moin, du schreibst:

    Einigen wird mein leicht spitzer Unterton in diesem Abschnitt sicher nicht entgangen sein. Das mag daran liegen, dass man z.B. mit Autismus jeden GdB zwischen 10 und 100 bekommen kann.

    Das es da so eine breite Streuung gibt, wusste ich auch noch nicht, habe es aber in http://www.gesetze-im-internet.de/versmedv/BJNR241200008.html unter 3.5.1 tatsächlich so beschrieben gefunden. Irgendwie erschreckt sich dann die bei mir festgestellte Höhe gerade etwas- bzw. ich empfinde sie nicht als derartig hoch.

    Wer legt es fest? Richtig: Die Norm! Und wer muss nachweisen das und wie weit man von der Norm abweicht? Richtig der Autist.

    Hier stimme ich dir nur zum Teil zu. In der Regel wird das ein Arzt für den Autist übernehmen, das nachzuweisen… dem Autist (oder ersatzweise bzw. ergänzend Personen, die ihm nahestehen) obliegt es „lediglich“ darzulegen, wie er selbst etwas empfindet.

    Nur wie soll er wissen was nun als Norm empfunden wird und was, in den Augen anderer, nicht normgerecht ist?

    Genau das muss er eben halt nicht. Dafür hat man den Arzt, der entsprechende Gutachten anfertigt, die den entsprechenden Menschen anhand dessen klassifizieren (brrrr), wie bzw. wo er im Vergleich zur Norm steht. Dafür muß der Autist selbst nicht wissen, wie die jeweilige Norm empfindet, er muss „lediglich“ darlegen können, wie er selbst etwas empfindet. Ja, mir ist bewusst, dass auch das zu einem großen, mitunter nicht überwindbaren Problem werden kann, wenn man darlegen soll, wie man etwas empfindet. „Normal“ ist in diesem Zusammenhang halt keine besonders aussagekräftige Beschreibung. :o)

    Und kann das jemand der der „Norm“ entspricht?

    Das hoffe ich doch, immerhin sollte er gelernt haben, davon abweichendes zu erkennen und zu beschreiben. Mein Arzt konnte das offenkundig zum Glück hinreichend gut.🙂

    Weiß er wie es ist Autist zu sein? Nein!

    Auch das ist nicht zwingend erforderlich, es reicht aus zu wissen, wo die Problembereiche liegen könnten, die man als Autist haben kann. Ein Zahnarzt kann auch dann ein vernünftiges Gutachten zur Zahngesundheit und den beim Patienten schreiben, wenn er selbst gerade keine Zahnschmerzen hat und der Patient nur „Es tut so verdampt weh!“ jammert. Ein Arzt muss also nicht selbst Autist sein, um verschriftlichen zu können, wo die individuellen Probleme des vor ihm sitzenden mutmaßlichen Autisten liegen, wenn der Arzt passende Fragen stellt und das gesagte dann entsprechend interpretiert und einordnet.

    • kathi schreibt:

      Zu dem Abschnitt mit dem Zahnarzt natürlich kann der Arzt feststellen woran die Zahnschmerzen liegen weil man es sehen kann! Und zu deinem Kommentar ein Zahnarzt kann auch sehen was da ist auch wenn er keine Zahnschmerzen hat stimmt aber er kann welche bekommen! Ein norm. Kann nicht zum Autisten werden und sich somit nicht in seine Lage versetzen andersrum natürlich auch nicht! Also ist dein Vergleich in diesem Zusammenhang nicht richtig!

  2. maedel schreibt:

    Guter Artikel, ich hatte mich das auch schon oft gefragt. Was ist eigentlich die Norm und wer bestimmt das was „normal“ ist.
    Allerdings muss ich eins dazu sagen. Mein Sohn ist Sprachbehindert und Autist. Die Sprachbehinderung wurde als erstes diagnostiziert. Er ist bis heute an einer Teilnahme an der „Gesellschaft“ ohne Hilfe gehindert.
    Genauso ist es aber denke ich auch mit Autisten, die sich gut anpassen können. Das kostet Kraft und es gibt immer mal wieder Situationen, wo selbst der gut angepasste Autist gehindert ist ohne Hilfe an der Gesellschaft teilzunehmen. Ich hoffe man versteht was ich damit meine.

    Von dem her würde ich mich als behindert nennen und auch meinen Sohn (wobei gehindert das bessere Wort wäre) allein schon wegen der Hilfen die man manchmal doch benötigt (gerade bei autistischen Kindern oder eben, wenn noch andere Faktoren mit dazukommen).
    Ich bin auch nicht gerade glücklich mit der Zuordnung zur seelischen Behinderung, aber sie ermöglicht es uns Hilfen zu beantragen. Das sollten sich diejenigen Autisten überlegen, die oft ihren Autismus bagatelisieren und behaupten Autisten sind nicht behindert und brauchen keine Hilfe. Das stimmt nicht immer. Dadurch würden diejenigen, die doch Hilfe brauchen, keine bekommen.
    Sowas sollte man immer bedenken.

  3. merdeister schreibt:

    Soweit ich weiß wird, zumindest bei den Kostenträgern, zwischen Asperger und Frühkindlichem Autismus unterschieden. Ersteres gilt als seelische, letzteres als geistige Behinderung.

  4. Ismael Kluever schreibt:

    Ich habe lange versucht, den Autismus einer Freundin nicht unter dem Gesichtspunkt eines gesundheitlichen Defizites, also Krankheit/Behinderung/Störung zu sehen, sondern einfach als Anders-Sein. Und zwar mit durchaus faszinierenden Details, was z. B. die Wahrnehmungsweise, die mathematischen Fähigkeiten (ich selbst leide an Dyskalkulie), die Auffassungsgabe und Lernfähigkeit betrifft.
    Im Laufe des näheren Kennenlernens bin ich dann aber mit immer mehr Dingen konfrontiert worden, die ihr die Bewältigung des Alltages schwer oder sogar unmöglich machen (Telefonieren, Arzt- oder Friseurbesuch usw., um nur ein paar eher banale Dinge zu nennen).
    Ich denke deshalb, dass es aus Sicht eines neurotypischen Menschen einerseits falsch ist, Autismus ausschließlich als gesundheitliches Defizit – wie man es auch immer benennnen mag – zu etikettieren. Andererseits ist es genau so verkehrt, Autismus einseitig unter dem Gesichtspunkt faszinierender und mitunter exotisch wirkender Sonderbegabungen zu sehen, vor den Problemen aber die Augen zu verschließen.
    Mein Wunsch ist es , mein konkretes Gegenüber (nicht „den Autisten“ schlechthin) in seiner ganzen Individualität aufmerksam und möglichst unbefangen wahrzunehmen. Dann ergibt sich, wie wir einander mit unseren Begabungen oder auch einfach nur mit unserem „Da-Sein“ bereichern und beschenken können.

  5. Pingback: Autismus und Behinderung oder Was ist eigentlich die „Norm“? auf Realitaetsfilter

  6. Michael Ziegert schreibt:

    „Was ist eigentlich die Norm?“
    Diese Frage hätte vor 200 Jahren noch niemand gestellt. Erst im Rahmen der Industrialisierung wurden Normen immer wichtiger und natürlich gibt es zahllose Beispiele dafür, dass wir über Normen froh sein können.
    Vielleicht ist es ein typisch menschliches Verhalten, Dinge in sein Leben zu integrieren, mit denen man regelmäßig viel zu tun hat – und es dabei bisweilen auch zu übertreiben. Und so hat auch die Norm in die Betrachtung menschlichen Lebens Einzug gehalten und ist zum Fetisch geworden. Bis hin zur wahnhaften Übersteigerung in der Nazi-Zeit.
    Vielleicht mit dem Begriff der „Selbstverwirklichung“ Ende der 60er Jahre begann ein Umdenken. Das „Individum“ wuchs an Bedeutung und wurde prompt ebenfalls übersteigert. Es führte viele Zeichen von Egoismus und Egozentrik in sich.
    Heute sind wir sehr viele die spüren und wissen, dass Menschsein erst durch die Vielfalt echt wird. Wir sind offenbar noch nicht genug, um es im Wissen der Gesellschaft zu verankern. Aber die Erkenntnis, dass nicht die Norm unser Wesen darstellt, sondern das gesamte Spektrum der Invididualität, verbreitet sich immer mehr.
    Und die neuen Formen der offenen Kommunikation helfen uns dabei.
    Hoffen wir also, dass es immer mehr Blogs wie dieses geben wird.

  7. Manuel schreibt:

    Hallo zusammen. Ich hoffe das man uns hier weiterhelfen kann. Meine Frau befindet sich nun in der 30 Ssw. Bei unserem Kind wurde ein Gehndefekt an Cromosom 3 und 7 festgestellt. Anhand davon wurde uns gesagt das dieses Kind eine Geistige Schwerstbehinderung haben würde und man überlegen solle die Schwangerschaft abzubrechen. Nun müssen wir in eine Spezialklinik wo man uns dies nochmal genauer erklärt. Leider ist es so das wir immer wieder hören das man eine Geistige Behinderung so nicht mal eben feststellen kann. Nun wissen wir nicht mehr weiter und ich hoffe das man uns hier helfen kann. Vielleicht gibt es ja jemanden der genau das gleiche Ergebnis hatte. Danke im voraus.

    • quergedachtes schreibt:

      Hallo,

      ob hier jemand mitliest der ein ähnliches Problem hat kann ich leider nicht sagen. Ich wünsche Euch aber viel Kraft und Besonnenheit bei den Entscheidungen die auf Euch zukommen werden.

      Viele Grüße

      Aleksander

  8. KiNa2010 schreibt:

    Sehr schöne und vor allen Dingen ehrliche Gedanken. Für mich ist es sehr aufbauend zu lesen, dass ein Autist in der Lage ist solch einen gut durchdachten Text zu schreiben. Ich selber bin kein Autist, aber meine Tochter weist autistische Züge auf. All Ihre Worte da oben könnten mir in meiner Verzweiflung aus dem Mund genommen sein. Mit solchen Themen kann man sich eben nur befassen, wenn man tatsächlich davon betroffen ist. Alle anderen Menschen werden ihre Worte nur schwer verstehen können.

  9. Pingback: Nicht alles ist schlecht, aber vieles kann man verbessern | Quergedachtes | Ein Blog über Autismus

  10. limalisoy schreibt:

    Hallo,

    durch Zufall bin ich gerade auf deinen Blog gestoßen und freue mich über die sehr interessanten Berichte/Erfahrungen, die du schreibst. Seit einiger Zeit unterrichte ich einen Schüler, dem ein Asperger-Autismus diagnostiziert wurde. In enger Zusammenarbeit mit den Eltern, einer Einzelfallbetreuung, dem gesamten betroffenen Kollegium und den entsprechenden Therapeuten versuchen wir, ihm eine gute Beschulung in einer Regelklasse zu ermöglichen. Er ist ein toller Schüler und bringt durch seine Art viel Leben in den Schulalltag. Ohne ihn würde etwas fehlen! natürlich informiert man sich auch im Internet mal hier und mal da, aber Sichtweisen Betroffener zu lesen, an Gedanken teilhaben zu können ist für mich umso hilfreicher. Ich danke dir dafür!
    Liebe Grüße
    Lima Liso

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