Mehr Schein als Sein?

Inklusion ist ein starkes Wort. Weniger im Bezug auf „cool“ sondern vielmehr in der Bedeutung die dem Wort inne liegt. Zumindest sollte Inklusion ein starkes Wort sein, aber ist es das auch?

Exklusion, Integration, Inklusion?

Der Gedanke der hinter Inklusion steht ist eigentlich recht einfach: Jeder gehört zur Gesellschaft dazu! Da mag so manch einer denken: Ist doch jetzt auch schon? Wozu brauchen wir Inklusion? Und gab es nicht schon mal was in der Richtung? Man sieht: es gibt viel zu tun!

Aber was ist und bedeutet Inklusion nun? Inklusion kann man am Besten wohl in drei Bildern erklären. Da ich nicht gut im Zeichnen bin hier meine ganz persönliche Beschreibung:

Exklusion ist: Wenn Menschen mit grünen Haaren, eben wegen der selbigen, von der Gesellschaft getrennt bleiben. Es gibt Menschen mit grünen Haaren und alle anderen.

Integration bedeutet: Wir nehmen die Gruppe der grünhaarigen in die Gesellschaft auf. Innerhalb der Gesellschaft jedoch bleiben die grünhaarigen unter sich.

Inklusion als nächster logischer Schritt bedeutet, dass es vollkommen normal ist wenn Menschen mit grünen Haaren in der Gesellschaft auftauchen. Noch besser: Man bemerkt die grünen Haare einfach nicht mehr weil sie normal geworden sind. Man sieht den Menschen.

Die Akzeptanz von grünen Haaren ist nun, wahrscheinlich auch je nach Generation, nicht wirklich ein Thema. Aber ich denke sie verdeutlichen ganz eindrucksvoll wie Gruppen von Menschen entstehen können die außerhalb der Gesellschaft liegen. Grüne Haare sind eher eine Sache der Freiwilligkeit und man kann sich frei und offen dafür oder dagegen entscheiden. Bei Behinderungen ist das leider nicht so und es bleibt immer die Frage: Wenn schon grüne Haare einen Menschen exkludieren können, wie ist das dann erst mit Behinderungen?

Von Oben angeordnet

Betrachtet man nun die Thematik Inklusion, befindet man sich sehr schnell im Bereich der Schulbildung. Inklusion ist hier ein großes Thema und es vergeht kaum eine Woche in der nicht über Probleme bei der Inklusion in der Tageszeitung berichtet wird. Hier kommen wir auch schon zu einem ersten Knackpunkt: Probleme! Natürlich würden wir alle wohl viel lieber von Erfolgen und positiven Beispielen lesen. Im Fokus stehen derzeit aber die Probleme.

Ich habe mich gefragt woran das liegt. Wenn man sich nun eine Weile mit der Thematik beschäftigt, findet man auch einige Ansatzpunkte warum Inklusion im Bildungswesen so schwer umzusetzen ist.

Den Anfang macht, in meinen Augen, die Anordnung von Inklusion. Inklusion ist ein heißes und aktuelles Thema. Politiker können es sich schlichtweg nicht mehr leisten Inklusion zu ignorieren. Je schneller Inklusion umgesetzt wird umso besser. Oder auch nicht. Mir persönlich sind immer wieder Menschen im Bildungswesen begegnet, die schlicht und einfach mit Inklusion überfordert waren. Lehrern wird , im Rahmen der Inklusion, ein behindertes Kind in die Klasse inkludiert und sie erfahren es wenige Tage für Schulbeginn. Wie soll ein Lehrer, zumal er nicht speziell dafür ausgebildet ist, die Aufgabe verantwortungsvoll übernehmen und ein behindertes Kind in die Klassengemeinschaft zu inkludieren? Wenn er sich weder mit der Behinderung auskennt, keine Ahnung von den speziellen Bedürfnissen und Anforderungen der betreffenden Kinder hat noch überhaupt damit konfrontiert war seinen Lehrplan und das was er vermitteln muss auf unterschiedlichste Bedürfnisse passgenau anzupassen. Inklusion geht in den Augen vieler Eltern eben nur dann in Ordnung wenn das eigene Kind nicht vermeintlich ausgebremst wird. Und die Eltern des behinderten Kindes wünschen sich natürlich eine möglichst optimale Förderung für Ihr Kind. Ein Spagat der, gerade ob des fehlenden Wissens um die speziellen Anforderungen an eine Lernumgebung, oftmals nicht zu leisten ist. Dazu kommt, und das ist mehr als menschlich, dass Berührungsängste im Raum stehen. Weniger weil man Angst vor dem Kind hat, mehr weil die Lehrer Angst haben etwas falsch zu machen. Kann man es ihnen verdenken?

Angst erzeugt Abwehr, Abwehr erzeugt Probleme. Eine Spirale die man durchbrechen könnte, wenn man mehr auf Aufklärung und Information setzen würde. Etwas anzuordnen geht schnell, die Rahmenbedingungen für einen Erfolg zu schaffen braucht Zeit. Ich werde da in dem kommenden Blogpost noch genauer drauf eingehen.

Inklusion um jeden Preis?

Ein weiteres Problem sehe ich in dem Wunsch, dass möglichst jedes behinderte Kind inkludiert werden soll. Das geht soweit, dass Eltern auf die Inklusion in einer Regelschule klagen. Von den vielen Fällen abgesehen wo eine solche Klage sinnvoll ist gibt es aber auch noch die Gruppe der Eltern die Inklusion gefühlt um jeden Preis haben möchten.

Ich frage mich dann immer: Warum?

Ich denke, dass der Wunsch dem Kind eine möglichst optimale Schulausbildung zukommen zu lassen ein großer und natürlich auch legitimer Beweggrund ist. Die Frage die aber so manches Mal hinten herunter fällt ist: Ist eine Inklusion in einer Regelschule wirklich das Beste für das Kind? Oder ist hier der Mythos Regelschule => Erfolg im Arbeitsleben nicht der treibende Grund für den Wunsch nach Inklusion.

Betrachtet man sich diese Lage mal genauer, so findet man doch folgende Aspekte:

Förderschulen haben einen schlechten Ruf. Sie sind, in den Augen der meisten, das Urteil keinen Erfolg auf dem späteren Arbeitsmarkt zu haben.

Was dabei aber übersehen wird: In Förderschulen arbeiten speziell für diese Kinder ausgebildete Sonderpädagogen. Lehrer die im Umgang mit behinderten Menschen geschult sind und ein Gespür dafür haben wie man einzelne Kinder gezielt, an der Behinderung ausgerichtet, fördern kann. Dazu kommt: Der Personalschlüssel ist ein ganz anderer. Etwas das die Regelschule eben nicht leisten kann.

Was bleibt ist die schwere Entscheidung der Eltern: Kann mein Kind in einer Regelschule optimal gefördert werden? Sind die Lehrkräfte ausreichend sensibilisiert für die Anforderungen die mein Kind an die Lernumgebung stellt? Kann es, rein personell gesehen, wirklich optimal betreut werden? Und ist, zu Guter Letzt, die Angst vor dem Unbekannten nicht ein Faktor den man ernst nehmen muss? Oder ist mein Kind nicht wirklich in einer Förderschule besser aufgehoben und kann dort größere Fortschritte machen als in einer Regelschule?

Ich wünsche allen behinderten Kindern, dass die Eltern weise darüber nachdenken und entscheiden. Inklusion in eine Regelschule ist eine tolle Sache, aber eben nicht um jeden Preis!

 Inklusion ist mehr als eine Regelung

Meine Worte mögen hart klingen, aber ich sehe Inklusion auch nicht als Modethema, als Trend oder etwas das man von oben her anordnen kann.

Inklusion ist mehr. Viel mehr! Inklusion braucht ein Umdenken in der Gesellschaft. Solange behinderte Menschen in der Gesellschaft noch defizitär gesehen werden, kann eine echte Inklusion nicht stattfinden. Sie werden in den Köpfen der Menschen immer außen vor sein. Man sieht das Defizit und die Behinderung, aber nicht den Menschen dahinter. Womit wir wieder bei den grünen Haaren wären:

Nur wenn der Mensch als Ganzes gesehen wird und Besonderheiten nicht weiter auffallen bzw. eine Unterscheidung ausmachen, erst dann ist Inklusion wirklich in den Köpfen und den Herzen der Menschen angekommen.

Wir müssen noch viele Schritte machen und es wird lange dauern bis Inklusion kein Thema mehr ist weil Inklusion Alltag geworden ist.

Jeder Schritt auf diesem Weg ist wichtig. Inklusion muss wachsen. Und das ist etwas, dass man nicht anordnen kann. Das sollten alle die mit dem Thema zu tun haben nie vergessen und immer im Auge behalten.

Dieser Beitrag wurde unter Autismus Quergedacht, Inklusion abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Mehr Schein als Sein?

  1. Michael Ziegert schreibt:

    Wenn man wissen möchte, was Politiker zum Thema Inklusion denken:
    „Wenn Inklusion der zentrale Gedanke sein soll, dann gehören behinderte Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt. Das erspart dem Landeshaushalt auch Millionen Euro.“
    Zitat von Sachsen-Anhalts Sozialminister Norbert Bischoff (SPD), Anfang April 2013

    • quergedachtes schreibt:

      Klingt im ersten Teil, zumindest anfangs, noch gut. Ich denke man muss aber auch hinterfragen, ob der sog. erste Arbeitsmarkt für alle behinderten Menschen richtig ist. Oder ob sie da nicht aufgerieben werden.
      Wobei mich eigentlich schon das „erster Arbeitsmarkt“ ziemlich stört. Behinderte Menschen muss es ermöglicht werden ihren Beitrag leisten zu dürfen den sie bringen können. Auf einem Arbeitsmarkt der alle Menschen betrifft!
      Nebenbei hat Herr Bischoff wohl das Wort Inklusion nicht ganz verstanden. Zumindest dann nicht, wenn er behinderte Menschen als finanzielle Last sieht.

  2. mellissandra schreibt:

    ich glaube, die eltern, die sich gegen die förderschulen wehren, tun das in erster linie deshalb, weil man dort eben nur einen hauptschulabschluss machen kann, wenn die politiker es mit der inklusion wirklich ernst meinen, sollten sie erstmal daran was ändern! Dann sollten förderschulen gleichberechtigt, die möglichkeit bieten können, einen realschulabschluss oder abitur zu machen. das, eben in einem umfeld mit kleineren klassen und geschultem lehrpersonal, bieten zur zeit aber nur ganz wenige privatschulen in deutschland an und der zugang ist für menschen, die das nicht selbst finanzieren können, fast unmöglich.

  3. mellissandra schreibt:

    zur erläuterung hier mal ein gerichtsurteil, wo es um ein kind mit adhs geht: http://lrbw.juris.de/cgi-bin/laender_rechtsprechung/document.py?Gericht=bw&nr=14917 beachtenswert zb. unter

    91:Insoweit ist die von der Vertreterin des Staatlichen Schulamtes in der mündlichen Verhandlung ausgesprochene Befürchtung nachvollziehbar, der Kläger könne nach einer auf Dauer angelegten Beschulung in einem Schonraum später in ein „Loch“ fallen“.

    46 : Bei der Entscheidung über die Notwendigkeit und Geeignetheit der Maßnahme der Jugendhilfe handelt es sich um das Ergebnis eines kooperativen pädagogischen Entscheidungsprozesses. Dieses Ergebnis erhebt nicht den Anspruch objektiver Richtigkeit, muss jedoch eine angemessene Lösung zur Bewältigung der festgestellten Belastungssituation enthalten, die fachlich vertretbar und nachvollziehbar sein muss.

  4. haikoelschen schreibt:

    Toller Beitrag!
    Ich arbeite in einem integrativen Kindergarten, in dem es auch Einzelinklusion gibt, d.h. ein Kind mit Förderbedarf wird in eine Regelgruppe integriert, das Personal wird nicht aufgestockt. In unserer Einrichtung kann das gut aufgefangen werden weil genug Personal mit Erfahrung vorhanden ist. Schwierig bleibt es dennoch bei 25 Kindern in der Gruppe.
    Schade, dass dieses Thema immer noch nicht vorangetrieben wird.
    Aber auf der Personalversammlung kam das Thema nochmal auf und es soll nun ein Konzept entwickelt werden, das dieses Thema besser behandelt, damit man allen gerecht wird.
    Für mich begint Integration ja bereits in der Krabbelgruppe und im Kindergarten.
    Erfolge erlebt man tagtäglich.
    Ein Kind sagte mir: „Meine Tante ist ein bisschen behindert, genau wie der H. (Ein Kind mit Downsyndron aus unserer Gruppe), ist aber nicht schlimm. Weil nur weil man behindert ist, ist man nicht anders.“ Das Kind ist vier!
    Liebe Grüße😉

  5. Anita schreibt:

    „Wir müssen noch viele Schritte machen und es wird lange dauern bis Inklusion kein Thema mehr ist weil Inklusion Alltag geworden ist.“

    Das ist absolut richtig.

    „Jeder Schritt auf diesem Weg ist wichtig. Inklusion muss wachsen. Und das ist etwas, dass man nicht anordnen kann. Das sollten alle die mit dem Thema zu tun haben nie vergessen und immer im Auge behalten.“

    Für mich bedeutet es aber auch, dass ich als Mutter Verantwortung übernehmen muss und selber zur Aufklärung bereit bin. Nicht komplett alles an andere abgebe, sondern mithelfe, dass Inklusion in der Zukunft funktioniert.

    Alltag kann Inklusion aber erst werden, wenn es bereits für Kinder eine Normalität ist, mit jedem Umgang haben zu dürfen!

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