Literarisches Rätselraten

Wenn ich auf meine Schulzeit zurückblicke muss ich wohl unverhohlen zugeben: Die „Theory of Mind“  ist wirklich etwas, dass bei mir nicht funktioniert. Immer dann wenn es darum ging was andere, virtuelle, Menschen denken oder fühlen oder was ein Autor mir mit seinem Werk sagen wollte: Ich war überfordert.

Was wollte uns der Autor damit sagen?

Eine Frage die mich wohl noch bis zu meinem Tod begleiten wird. Eine Frage die mich schmerzt und innerlich zerreißt. Eine Frage die nur allzu oft, natürlich in abgewandelter Form, in Klausuren gestellt wurde.

Ab einer gewissen Klassenstufe ist es ja obligatorisch, dass man sich mit literarischen Werken der jüngeren oder älteren Vergangenheit beschäftigt. Es reicht natürlich nicht diese Werke zu lesen und sich mit dem Inhalt zu befassen, nein…wichtig ist was der Autor uns mit seinem Werk sagen wollte.

Wenn ich meine Gedanken sehr kurz fassen und auch ein wenig direkt ausdrücken müsste käme wohl nur ein Wort in Frage: HÄ?

Das fängt schon bei Fragestellungen zu den einzelnen Figuren in einer Geschichte an. Warum tat der eine dies, warum die andere das? Was haben sie dabei gedacht? Und was und wo liegt das Große Etwas hinter den ganzen Worten?

Fragen die mich zur Verzweiflung bringen konnten. Wenn in einem Text steht: „XYZ ist traurig“ dann ist mir das klar weil es eindeutig ist. Aber wie in aller Welt soll ich bitte herausfinden wie es einer Figur geht wenn über die Emotionen nichts, aber auch rein gar nichts, direkt geschrieben wurde? Andere Menschen können das wohl. Mir bleibt das ein Mysterium. Die Frage die sich mir dann immer stellt: Woher kann man das mit Sicherheit wissen? Wenn es nicht explizit im Text steht sind es letztendlich doch nur Vermutungen oder Annahmen. Und hier kommt es dann zu einem Punkt der, ich vermute wirklich das ist Autismus typisch, einen Autisten zum Verzweifeln bringen kann. Wieso in aller Welt soll man Vermutungen über die Gefühlswelt oder Absichten einer virtuellen Person anstellen? Man kann es doch nie mit Sicherheit sagen ob es wirklich so ist wie man vermutet.

Ich weiß nicht ob es anderen Menschen klar ist was eine solche fiktive Figur fühlt oder denkt. Mir ist es ein Rätsel.

Wenn Bilder überfordern

Was bei Figuren und Personen noch recht einfach erscheinen mag wird spätestens bei Bildern, Symbolen oder gar bei Metaphern wird es für einen Autisten wohl unmöglich noch etwas Produktives beizutragen. Eigentlich sollte man ja denken, dass wenn ich in Bildern denke, mir Bilder und die Symbolik dahinter besonders entgegenkommen und leicht fallen. Dem ist leider nicht so. Ich sehe Bilder wie sie sind. Ohne Interpretation oder eine Metapher dahinter. Nach der Frage zur Gedankenwelt und Motivation von Figuren in Werken großer Autoren ist die Frage nach der Symbolik und vorhanden Metaphern wohl das zweitwichtigste wenn es darum geht einen Text zu interpretieren. Ich sehe Bilder und Gegenstände wie sie sind, die Suche nach für mich versteckten Aussagen dahinter ist etwas das mir sehr schwer fällt und wieder reale Kopfschmerzen bereitet. Zum einen weil ich die Symbolik oftmals nicht wirklich finde, zum anderen weil ich denn Sinn in dieser Suche nicht verstehe. Wenn etwas versteckt, umschrieben und verklausuliert ist, ist es für mich nicht eindeutig. Und was nicht eindeutig ist kann ich nicht als eindeutig nach außen hin verkaufen. Man könnte auch sagen: Ich bin nicht sicher und damit nicht überzeugt. Warum soll ich es dann kommunizieren und, das kommt ja bei Interpretationen und Klausuren noch dazu, nachvollziehbar dokumentieren. Denn in einem ist die Sprache der Mathematik gleich: Die Lösung muss richtig sein und der Lösungsweg möglichst eindeutig und verständlich.

Mir kommt, wenn ich über Interpretationen und deren Sinngehalt nachdenke, ein Bild in den Kopf:

Ein Mann und eine Frau reiten durch eine wüstenähnliche Landschaft. Auf ihrem Weg sehen Sie einen steil nach oben wachsenden Kaktus und daneben einen brennenden Dornenbusch.

Für mich: Zwei Personen reiten durch eine Wüste und sehen eben die vorher beschriebene, zum Teil brennende, Vegetation.

Für Literaturkenner: Die beiden, es sind ja immerhin Mann und Frau, befinden sich in einer Dürreperiode der Liebe und ihre Sehnsucht zueinander drückt sich in dem Kaktus als Phallussymbol und für den Mann stehend und dem brennenden Dornenbusch als Symbol für die brennende Leidenschaft und Begierde der Frau aus.

Noch Fragen?

Am besten Normgerecht!

Der geneigte Leser wird sich nun vielleicht denken: „Das muss man eben hinnehmen. Schule ist nun mal so.“ Für mich war es ein Desaster.  In mehreren Ausprägungen. Zum einen habe ich in entsprechenden Klausuren mehr versagt als brilliert. Zum anderen machte mir mein Gerechtigkeitssinn da einen Strich durch die Rechnung. Warum sollte ich zwanghaft, eben weil es gefordert war, etwas niederschreiben und zur Bewertung abgeben was ich so nicht sah oder dachte? Und: Wer, außer dem Lehrer, sagte mir denn bitte das das was ich da lernte auch richtig und zutreffend ist. Mir waren solche Schulstunden und Klausuren eindeutig zu eindimensional. Meine Mitschüler empfanden sie eher als kreativ und auflockernd. Man konnte sich ja, in engen Grenzen, so richtig austoben.  Letztendlich war es eigentlich ganz leicht: Der Lehrer gab im Laufe des Schulhalbjahres in Bröckchen genau vor wie man denn das Werk zu sehen hatte. Merkte man sich dies und brachte es am Ende so zu Papier: Alles wunderbar.

Machte man aber, wie ich es eher tat, sich wirklich Gedanken was man in der Symbolik zu sehen hatte musste man schon Glück haben, dass der Lehrer das auch nachvollziehen konnte. Konnte er es nicht hatte man verloren!

Ich kam übrigens erst nach meiner Schulzeit darauf, dass es Standardwerke gibt die so ziemlich alle in der Schulzeit besprochenen Werke bis ins Kleinste interpretieren und beschreiben. Komischerweise genau so wie es der Lehrer zumeist wollte. Mir dünkt: Eine ganze Wissenschaft lebt davon Werken von Autoren eine einheitliche Interpretation aufzudrücken und diese als Lehrstoff weiterzugeben. Abweichungen unerwünscht. Verpackt man dann das Ganze noch mit einem schönen Satz: „Das wollte uns der Autor damit sagen!“ ist die Sache geritzt. Meine Frage ob der jeweilige Autor das selbst mal zu Papier gebracht hat das er es genau so und nicht anders meint…blieb stets unbeantwortet.

Dieser Beitrag wurde unter Autismus Quergedacht, Die Kunst der Sprache, Inklusion, Schule abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu Literarisches Rätselraten

  1. Lizzy schreibt:

    Das ist genau die gleiche Erfahrung, die ich in Schule und Universität gemacht habe. Ich hätte alles genau so geschrieben. Ich dachte immer, das wäre nur bei mir so. Irgendwie beruhigt mich dieser Artikel. Danke!

  2. bestofcrumbs schreibt:

    Das waren auch für mich früher schreckliche Lektionen. Ich sass da, kam mir ganz schön doof vor weil ich von dem, was geredet wurde, nix verstanden habe. Es dauerte im Gymnasium sehr lange bis ich begriff, dass es hier um das Interpretieren eines Textes geht. Aha! Warum sagt denn das keiner?!
    Zeitweise konnte ich den Satz: „Was möchte uns er/sie damit sagen?“ nicht mehr hören. Innerlich drehte ich mich im Hammsterrad, versuchte verweifelt heraus zu finden, um was es geht. Ich meldete mich kaum zu Wort, ich hatte ja nichts zu sagen. Weil aber die Note auch von der Teilnahme am Unterricht abhängig war, sagte ich ab und an doch etwas. Meistens ging es daneben und speziell die Deutschlehrerin putzte mich gerne regelmässig runter. Gross wurde immer behauptet, es gebe hier kein richtig oder falsch, aber ich musste feststellen, dass es doch ein wenig richtiger oder falscher gab, beurteilt von der Lehrerin oder dem Lehrer. Die Autoren selbst haben wir nie gefragt!
    Richtig verhagelt habe ich dann die mündliche Deutsch-Matur. Gnadenlos wurde ich von der Deutsch-Lehrerin ausgefragt, ich bin mir sicher, sie hat mir ganz viele Hinweise und Andeutungen vorgelegt um mir zu helfen aber ich habe das bis heute nicht gerafft.
    Ich fragte mich immer: „Wenn die Interpretation so und so ist, warum hat es denn der Autor so und so geschrieben? Hätte er es nicht gleich deutlicher schreiben können?“

    • anonymous2 schreibt:

      „Meistens ging es daneben und speziell die Deutschlehrerin putzte mich gerne regelmässig runter. Gross wurde immer behauptet, es gebe hier kein richtig oder falsch, aber ich musste feststellen, dass es doch ein wenig richtiger oder falscher gab, beurteilt von der Lehrerin oder dem Lehrer.“

      Warum hast du deine Deutschlehrerin, wenn sie dich mal wieder auseinandernahm, nicht (in einer wahrscheinlich zuhause heimlich vorbereiteten und vielfach im Kopf durchgespielten) in einer rhetorisch perfekt geschliffenen Rede voller Zynismus auseinandergenommen, dass jeder Idiot in der Klasse das „Doppelsprech“ ihrer Argumente merkt und sie die Autorität vor der ganzen Klasse dadurch verliert?

      (Ich habe so etwas übrigens bei Lehrern, die mir da zu weit gingen, durchaus durchgezogen, da mir von Anfang an klar war, dass Grenzen, die für mich einzuhalten sind, nur im Kopf existieren – und dort kann ich sie einfach löschen: wie eine Datei von der Festplatte).

      • bestofcrumbs schreibt:

        Das würde ich heute sofort und sehr genüsslich tun! Aber damals war mein Selbstvertrauen im Keller und ich hatte auch noch keine Ahnung vom Asperger-Syndrom. Ich dachte einfach, dass ich eben etwas anders war als die anderen und dass ich diese Deutschstunden irgendwann mal schon verstehen werde. Kommt hinzu, dass ich viel zu autoritätsgläubig war früher.

  3. NaLos_MehrBlick schreibt:

    Auch wenn ich nicht autistisch bin, kann ich deinen Gedankengang gut nachempfinden. Ich habe nach dem Abi auch noch Literaturwissenschaft im Nebenfach an der Uni gehabt und fand es furchtbar, wenn Mitstudenten anfingen, jedes einzelne Komma zu interpretieren. Auch wenn es mir insgesamt wahrscheinlich leichter fiel, Interpretationen vorzunehmen, fand ich sie oft einfach überflüssig.

    Manchmal sollte man einen Text einfach wirken lassen…
    Währen meines Studiums konnte ich dann lange privat kein einziges Buch mehr lesen, weil mich dieser Interpretationswahn verfolgte. Der, wie du ja auch schreibst, wirklich nur Spekulation ist…

  4. Nesselsetzer schreibt:

    Mir ging das in der Schule zumeist auch so, gerade in literarischer Hinsicht. Häufig habe ich meine Mitmenschen damit geärgert, dass ich das Geschwafel um Interpretationen eines Textes – und genau das macht ja auch die Literaturwissenschaft ohne empirische Ergebnisse – als solches bezeichnet habe, nämlich als geistige Diarrhoe, denn der Autor könnte auch etwas ganz anderes sagen wollen oder nur ein Buch geschrieben haben, um Geld zu verdienen – ganz ohne Hintergrund. Wenn er sich alter bekannter Symbolik bedient – wie der von dem brennenden Dornbusch – dann ist nicht einmal diese eindeutig geschichtlich hinterlegt und erlaubt mehrere Interpretationen. Deshalb sind für mich solche Auslegungen zwar nette Gehirnspiele, haben aber keinen wirklichen Wert, auch wenn in Schulen ein solcher gesehen wird oder sich gar als Wissenschaft versteht. Ich halte das mit der Wissenschaft aber so, dass nur die eine ist, die sich auch mathematisch beschreiben lässt.
    Übrigens ist die Literatur ähnlich gestaltet wie die malende Kunst. Wenn ich mir bspw. die Apokalypse von Hieronymus Bosch anschaue, so sehe ich erst einmal nur ein Bild mit unglaublich vielen chaotischen Darstellungen, die uns beiden wahrscheinlich nichts sagen. Jedes dieser Motive ist jedoch einer genauen Symbolik zugeordnet. Wenn man die Bedeutung der Symbolik gelernt hat, versteht man das Bild auch in seiner Einheit. Das heisst also, dass Künstler oft neben althergebrachter Symbolik auch neue einführen und es dem Publikum überläßt, diese Interpretation zu deuten und (beliebig) festzulegen, auch wenn diese Beliebigkeit genauso wie in der Literatur gut begründet wird. Insofern können auch mehrere verschiedene Interpretationen richtig sein. Eine einzig wahre Eindeutigkeit gibt es da nicht.

    Auch wenn Asperger-AutistInnen mit Interpretationen von Texten/Bildern sowie den Emotionen von Menschen enorme Schwierigkeiten haben, so ist ersteres nicht so wichtig, weil sowieso in der gesellschaftlichen Stellung überzogen und eher dem geistigen Tieffliegen mancher Zeitgenossen geschuldet. Da ist mir die klare Betrachtungsweise mancher Autisten echt lieber, denn es gibt auch unter den Nicht-Autisten durchaus Menschen, die sich mit den oftmals merkwürdigen Interpretationen nicht beschäftigen wollen, weil sie die verwaschene und nicht eindeutige Symbolik nicht lernen wollen und für wertlos halten. Diese Symbolik ist ja nichts weiter als eine Geheimsprache, für die es leider keine eindeutige Überstetzung gibt. Und wenn ein Autor oder Maler etwas Bestimmtes oder eine Botschaft hätte deutlich übermitteln wollen, dann hätte er es ja auch einfach schreiben können.

  5. anonymous2 schreibt:

    Dass die Interpretationen nicht eindeutig sind, damit hatte ich nie so das Problem (a posteriori würde ich dies in Zusammenhang zu (durchaus streng formalen) nichtdeterministischen Berechnungsmodellen aus der Informatik stellen, wo unterschiedliche Ergebnisse herauskommen können und trotzdem jedes Ergebnis „korrekt“ ist, weil es durch eine Berechnung in diesem Kalkül hervorgegangen ist). Entsprechend: wenn dir nicht klar ist, welche Interpretation die richtige ist, schreib einfach mehrere auf und erkläre, warum dir eine Interpretation besser gefällt als eine andere oder besser zu den Textdaten passt. Von daher: in meinen Augen hast du Recht, wenn du schreibst:

    „Woher kann man das mit Sicherheit wissen? Wenn es nicht explizit im Text steht sind es letztendlich doch nur Vermutungen oder Annahmen.“

    Wenn es sich nicht um Texte aus der Schule handelt (zum Fall Schule weiter unten etwas) ist es sogar recht spaßig, nach Interpretationen zu suchen. Wenn du Übungsmaterial hierzu suchst, so finde ich so einige Songtexte der Band „Samsas Traum“ durchaus recht inspirierend, um sie zu interpretieren.

    Du schreibst:

    „Zum einen weil ich die Symbolik oftmals nicht wirklich finde, zum anderen weil ich denn Sinn in dieser Suche nicht verstehe.“

    Zum Sinn der Suche: vielleicht habe ich weniger Probleme damit, weil ich hobbymäßig Reverse Engineering von Software betreibe und daher es irgendwie gewohnt bin, dass alles, was ich über den Aufbau der Software wissen will, geheimgehalten wird (man will ja nicht, dass jemand anderer Teile der Software nachbaut; Aufgabe des Reverse Engineerings ist es, dies trotzdem zu machen) – also eine Art Code darstellt, der zu entschlüsseln ist.
    Ich sehe das so: das Problem ist, dass unsere (deutsche, englische, welche-Sprache-auch-immer) Sprache nicht ausdrucksmächtig genug ist, um all die Gefühle, die der Autor hat, in Worte zu bringen. Also bedient er sich Metaphern etc. als Code, um das, was er ausdrücken will, quasi als steganographischen Code oder Layer, der über die Textdaten gelegt wird, im Text zu verstecken.
    Quasi ähnlich wie in der Informatik in so manchen Dateiformaten, dass man ein paar ungenützte Features benutzt, um das Dateiformat nachträglich zu erweitern, ohne dass Software, die mit diesem Dateiformat umgeht umgeschrieben werden muss (sie wird lediglich mit den neuen, über diese Hintertür eingeschleusten Daten nichts anfangen können).

    Dass es natürlich in meinen Augen der bessere Weg wäre, die Sprache um Sprachfeatures für das direkte Ausdrücken dieser Gefühle zu erweitern, steht dazu nicht im Widerspruch.

    Wenn dir diese Perspektive nicht gefällt, hier eine andere, bewusst zynische, die dir vielleicht eher zusagt:😉 Seh das Interpretieren einfach als eine Art Schwanzvergleich: wer findet die absurdere Interpretation, ohne dass es peinlich wird oder man beim Vortragen der Interpretation loslacht.😉

    Nun zum Thema Schule: ich fand es ebenso wie du schrecklich, dass in der Schule nur die vom Lehrer gewünschte normgerechte Interpretation abzuliefern war – ich hatte selbst ein Talent, mir sehr eigene (und deutlich kreativere) Interpretationen auszudenken, die dann in den Klausuren als Fehlinterpretationen gebrandmarkt wurden – natürlich konnte mir der Deutschlehrer nicht nachvollziehbar begründen, was daran denn falsch sei. Daher: was in der Schule da eingetrichtert wird, ist geistiger Bullshit – da gebe ich dir absolut Recht. Ich hatte über das Thema zahlreiche Wutanfälle – von daher weiß ich durchaus, wovon ich schreibe.

    Dass das der Sprache der Mathematik gleich ist (wie du argumentierst), das halte ich für absolut absurd: in der Mathematik geht es darum, eine Aussage, die axiomatisch sauber beweisbar ist, zu beweisen und neue Wahrheiten zu erschließen. Was wahr ist, ist wahr und was falsch ist, ist falsch (hängt natürlich von der Axiomatik ab, was als wahr und falsch herauskommt). Bei Textinterpretationen dagegen sind sich die Literaturwissenschaftler selbst nicht einig, was als wahr oder falsch zu betrachten ist (jeder macht seine Privatinterpretation); daher ist dieser Vergleich in meinen Augen unzutreffend.

  6. amp schreibt:

    Vielen Dank für diesen Artikel – ich grinse…. Ja, das Problem ist mir bekannt.
    Auch in der Musik gibt es diese „Interpretationswut“. Eigentlich konnte ich, bisher zumindest, jedem verständlich machen, warum Interpretation vielleicht eine nette Übung in Fiktion ist, letztendlich aber ein Werk (Geschriebenes, Gemaltes, Komponiertes etc) einen Lesenden/Betrachtenden/Hörer anspricht und gefällt oder eben halt nicht. Da hilft auch ein Theoretisieren nicht. Kunst muß damit klar kommen, dass sie wirkt (oder auch nicht). Das Lustige dabei: die Kunst schafft das. Alle anderen haben Ego-Probleme😉

  7. Amy schreibt:

    Mit Literatur hatte ich noch die geringsten Schwierigkeiten. Ich hatte ein Talent dafür, anhand von Schreibstil, Wortwahl, Stilbrüchen, Epochen-Bezug, historischen Verweisen etc Textanalysen anzufertigen; Symbolik und Ironie sind mir aber schlichtweg entgangen, was immer wieder zu dickem Punkteabzug führte. Der Frage, was der Autor mir wohl sagen will, bin ich dann aber grundsätzlich auf Grundlage der angefertigten Analyse begegnet, wobei meistens was ganz brauchbares heraus kam – zumindest aus Sicht meines SEHR toleranten Lehrers, der auch andere Interpretationen als die eigene gelten ließ, wenn sie begründet waren (und das war mein Glück). Zur gleichen Interpretation wie alle anderen bin ich dabei aber nie gekommen.

    Mein Vorteil dabei war, dass mein Interesse an Geschichte und Literatur groß genug waren, um mir das nötige Wissen kurzfristig problemlos aneignen zu können. Bei Bildern oder Musik tat ich mich ungleich schwerer daran, beides gehört(e) nicht zu meinen Interessensgebieten. Ich kann zwar die Elemente eines Gemäldes den literarischen Leitlinien seiner Epoche gegenüberstellen, aber das brachte mich selten weiter. Ich bin kaum über eine Darstellung der optischen Charakteristiken hinaus gekommen – da ich allerdings auch nicht malen konnte, habe ich darauf hin Kunst gleich abgewählt, als ich die Möglichkeit hatte. Im Musikunterricht wurde immerhin nur Interpretation und Theoriewissen gefordert, keine praktische Umsetzung. Leider fiel mir die Interpretation von Musikstücken noch schwerer als die von Gemälden… aber ich hatte wieder Glück: Mein Musiklehrer in der Oberstufe verlangte nicht, dass wir WIRKLICH selbst zu einer Interpretation kommen, sondern war von der Sorte Mensch, die gern redet aber sich selbst nicht zuhört. Er hat grundsätzlich Musikstücke für Klausuren ausgewählt, deren Interpretation er zuvor im Unterricht selbst vorgenommen hatte. Mein Gedächtnis ist ziemlich gut und er war nach jeder Klausur vollkommen von meinen Fähigkeiten und davon begeistert, dass ich ja soo genau seine eigene Interpretation getroffen habe. Ähem, ja.

    An der Uni muss ich nun nur noch wissenschaftliche Daten interpretieren😉 Das liegt mir dann gleich noch viel mehr, zum Glück.

  8. Katharina schreibt:

    Ich behaupte mal, Du hast einen schlechten Deutschlehrer erwischt.
    Natürlich kann man Texte interpretieren – technisch, historisch, kontextuell – aber die Interpretation der einem Text innewohnenden „Botschaft“ ist immer jene des Lesers, der Leserin zu einem bestimmten Zeitpunkt.
    „Was wollte uns der Autor sagen?“ ist eine idiotische Frage, denn Autoren wollen in erster Linie nur eines: Eine Geschichte erzählen. In zweiter Linie wollen sie das, was sie zu erzählen haben, auf möglichst spannende und unterhaltssame Weise tun. DAS ist die Absicht des Autoren. Und nicht, einen Phallus möglichst symbolträchtig zu verpacken.
    Und wenn der Autor tatsächlich etwas hat sagen wollen mit seiner Geschichte und dieses „etwas“ auch noch so präsentiert, dass man es als Leserin nicht verpassen kann, ja dann ist das Buch vermutlich so langweilig und schlecht geschrieben, dass es es nicht bis in den Deutschunterricht schaffen wird.

    • anonymous2 schreibt:

      „“Was wollte uns der Autor sagen?” ist eine idiotische Frage, denn Autoren wollen in erster Linie nur eines: Eine Geschichte erzählen. In zweiter Linie wollen sie das, was sie zu erzählen haben, auf möglichst spannende und unterhaltssame Weise tun. DAS ist die Absicht des Autoren. Und nicht, einen Phallus möglichst symbolträchtig zu verpacken.“

      Mit dieser These wäre ich vorsichtig. Ein Beispiel: Günter Kunert – Die Schreie der Fledermäuse (kopiert von http://www.e-hausaufgaben.de/Thema-126944-G-Kunert-Schreie-der-Fledermaeuse-interpretation-gesucht.php):

      „Während sie in der Dämmerung durch die Luft schnellen, hierhin, dorthin, schreien sie laut, aber ihr Schreien wird nur von ihresgleichen gehört. Baumkronen und Scheunen, verfallende Kirchtürme werfen ein Echo zurück, das sie im Fluge vernehmen und das ihnen meldet, was sich an Hindernissen vor ihnen erhebt und wo ein freier Weg ist. Nimmt man ihnen die Stimme, finden sie keinen Weg mehr; überall anstoßend und gegen Wände fahrend, fallen sie tot zu Boden. Ohne sie nimmt, was sonst sie vertilgen, überhand und großen Aufschwung: das Ungeziefer.“

      Da in der DDR bekanntlich Schriftsteller einer Zensur unterstanden, ist dieser kurze Text eine verschlüsselte Kritik an gewissen Dingen in der DDR.

  9. Ich hab mir immer vorgestellt, dass die Künstler sich schlapp lachen,,wenn sie hören, was sie angeblich alles zum Ausdruck bringen wollten…..und dann habe ich drauf los fantasiert. Hat meistens gut geklappt, weil ich die Deutschlehrerin gut einschätzen konnte.
    Bis heute ist das Feuilleton der Zeitschriften mit sogen. Anspruch die reinste Fundgrube für Lachnummern für mich.
    Doof nur, dass es in der Schule Zensuren gibt….
    Spontan fällt mir das Märchen “ Des Kaisers neue Kleider ein“ – da haben auch alle so schön mitgespielt😉

  10. Kris schreibt:

    Sollten Deutschlehrer in so einem Fall nicht auf die besonderen Bedürfnisse autistischer Menschen eingehen? Ich stelle es mir schrecklich vor, vor einer Klausur zu sitzen und die Gefühle literarischer Figuren zu interpretieren, wenn ich mich schon mit realen Menschen schwertue. Ich bin meines Wissens nicht betroffen, fand es aber immer extrem schwierig, die beabsichtigte Wirkung von Stilmitteln zu erkennen(das traf eigentlich fast auf unseren ganzen Deutschkurs zu). Ich kann zwar die meisten Stilmittel erkennen, aber meine Erläuterungen sahen immer wie folgt aus: mit diesem asyndetischen Quadrikolon versucht der Autor, seinen Standpunkt / die Situation des Protagonisten zu verdeutlichen.
    Im Abitur hab ich dann die Erörterung gewählt, weil eine Meinung hab ich und ich schaffe es auch meistens, sie darzulegen.

  11. Resi schreibt:

    Es ist wirklich so dass es auch Nicht-Autisten gibt welche Mühe haben mit den Literatur Interpretationen und dass einem die Interpretationen schlicht weg nicht interessieren. Ich las dann immer intensiv das gelbe Literatur Interpretations Buch welche es zu den klassischen Literaturen gibt. Schon dass es solche Zusatz Bücher gibt welche erklären was der Autor mit seinem Werk mitteilen will, besagt doch dass es nicht jedem Leser klar ist. Während meinem Studium mussten wir im Gestaltungs Unterricht Bilder zeichnen und dann über das gemalte Bild erzählen. Ab und zu kam es vor dass die Dozenten über mein Bild sprachen bevor ich zu Wort kam. Es war haarstäubend was die alles in meiner Zeichnung sahen. Da kamen Interpretationen und Phantasien auf, an welche ich gar nie gedacht hatte beim Zeichnen.

  12. Thomas Kummer schreibt:

    Während meiner Schulzeit und der Zeit im Gymnasium hatte ich viele Deutschlehrer und dann auch noch einige, in Sachen Französisch und Latein.

    Der Deutschunterricht.

    Ging es darum, zu interpretieren, was der Autor uns, den Lesern hat sagen wollen, habe ich es immer wieder geschafft, so weit daneben zu hauen, dass sogar der Weg zum Mond näher gewesen wäre.

    Hatte ich einen schlechten Tag (ja, auch ich hatte und habe auch heute noch Tage, an denen es mir nicht so gut geht), gab ich dem Lehrer auf mehr oder weniger deutliche Art und Weise zu verstehen, dass mir das Buch eh nichts sagt, nicht zuspricht und ich die Figuren so langweilige finden würde, dass es mich gar nicht interessieren würde, was der Autor uns sagen wollte.

    Hatte ich dann aber einen wirklich sehr schlechten Tag, fing ich an ein wenig nachzudenken, sah den Lehrer an und gab dann in etwa folgendes von mir: Woher soll ich wissen, was der Autor uns damit hat sagen wollen. Schließlich sei er seit mehr als 100 Jahren tot und so sei es mir nicht mehr möglich bei ihm nachzufragen, was er habe ausdrücken wollen in seinen Texten. Dazu kommt noch, dass ich zwar gesucht habe, es mir aber nicht möglich gewesen ist, ein Buch des Autors zu finden, in dem er uns klar und deutlich sagt, war es mit dem Buch habe der Welt mitteilen wollen. Desweiteren weiss ich zwar, was andere über das Buch sagen, aber, wie kann ich diesen Leuten glauben, da sie ja auch keine Gelegenheit gehabt hätten, den Autoren zu fragen, da er ja auch schon lange vor ihrer Geburt gestorben ist.

    Das ich mich mit solchen Aussagen nicht gerade beliebt gemacht habe, das ist klar. Es war mir aber ab einem gewissen Zeitpunkt einfach ganz egal.

    Bitte nicht falsch verstehen: ich lese gerne und ich lese viel. Nur: ich scheitere dort, wo der Autor mein, er müsse nicht eindeutig schreiben, sondern sich mit einer kunstvollen Ausdrucksweise und Sätzen ausdrücken, Sätzen, die so nichtssagend sind, wie das meiste, was Politiker von sich geben.

    Ich habe die meisten meiner Deutschlehrer gefragt: Warum schreibt der Autor nicht ganz einfach: Hans hat Hunger, wenn Hans Hunger hat, sondern bildet einen Satz, der aus 100 Worten besteht, aber keines der Worte Hunger ist, und auch der Name Hans nicht vorkommt. Wer soll da eigentlich noch wissen, was mit Hans los ist.
    Warum nicht kurz und bündig schreiben, was Sache ist, sondern sich der Verführung eines Satzes ergeben, der zwar sehr kunstvoll vor sich hinwörtert, schlussendlich aber so kompliziert ist, dass man mindestens drei Doktortitel braucht, um ihn zu verstehen.

    Das waren natürlich die Punkte, an denen ich dann in Französisch und auch im Latein mehr oder weniger oft gescheitert bin.

    Obwohl: Latein von der Logik und den Regeln her dann doch ein wenig einfacher war und noch ist.

    Eines der mühsamsten Bücher das ich je gelesen habe: Der Titel, wenn ich mich nicht ganz täusche, lautet Dyonisos. Hier kann ich mich aber sehr täuschen.
    Auf jeden Fall geht es um folgendes: Ein Mann schiesst sich eine Kugel in den Kopf und es wird erzählt, was in der letzten Lebenssekunde gedacht wird.

    Mich hat schon folgendes gestört: Woher will der Autor wissen, wie die letzte Lebenssekunde abläuft. Hat er es selber schon mal durchlebt? Wenn nicht, wie seriös kann so ein Buch schon sein?
    Läuft die letzte Lebenssekunde bei allen Menschen gleich ab?

    Dann noch die Art und Weise wie es geschrieben war: ein durcheinander, als ob man den roten Faden nimmt, ihn durch den Mixer jagt und dann hofft, man würde ihn wieder richtig zusammensetzen können und so wieder auf den richtigen Weg kommt.
    Ein einzelnes, heilloses durcheinander.

    Wie es bei mir so üblich war, habe ich natürlich sehr direkt zu verstehen gegeben, was ich von diesem Buch halte. Nett war es nicht und im Anschluss kam ich mit dem Deutschlehrer noch weniger gut aus als vorher.

    Was solls, habe ich mir gedacht: Wenigstens bin ich kein Schleimer und rutsche ihm das Hosenbein rauf und runter.

    Um mir das Leben ein wenig zu erleichtern, habe ich dann in die Bücher das interpretiert, was mir Spass gemacht hat: auch wenn es nicht das war, was der Lehrer hören wollte, ich habe gesagt, was mir durch den Kopf gegangen ist. Meistens habe ich dann noch angefangen zu kritisieren, was die Figur gemacht hat und habe auch oft gesagt; warum hat er das gemacht. Das zeugt ja nicht wirklich von Intelligenz, er oder sie hätte es einfacher haben können und so weiter.

    Was solls .. Heute lese ich Bücher, stelle mir nach dem, was der Autor hat sagen wollen eigentlich nicht mehr und finde so viel mehr Genuss im Lesen.

  13. Anita schreibt:

    Zitat: „Ich bin nicht sicher und damit nicht überzeugt. Warum soll ich es dann kommunizieren und, das kommt ja bei Interpretationen und Klausuren noch dazu, nachvollziehbar dokumentieren.“

    es fehlt noch der entscheidende Satz, den mein Sohn dann immer bringt

    „es interessiert eh niemanden, was ich dazu denke; warum soll ich es dann hinschreiben“

    Was bei meiner Deutschlehrerin gut funktionierte, hinzuschreiben, was ich persönlich empfunden habe. Wie ich persönlich gewisse Dinge im Buch gesehen habe.

    Mit dem, was sich irgendwer gedacht hat, kann ich nichts anfangen. Entweder, ein Text löst bei mir Gedanken aus oder er berührt mich nicht. Wenn eine Botschaft klar und deutlich erkennbar niedergeschrieben ist, kann ich diese im Text entweder wiederfinden oder widerlegen. Aber dazu sollte der Lehrer in der Lage sein, die Meinung anderer erst einmal anzunehmen.

  14. Gardiners-Seychellenfrosch schreibt:

    @nesselsetzer: Da bestätigt meine Meinung,dass man in der schule nix lernt, was einen auf das Leben vorbereitet.

    Oh, literarisches Interpretieren, ich hasse es…. Wenn ich nicht aus pers. Erfahrung wüsste, dass Okkultismus Schädlich für die Seele ist, hätte ich vorgeschlagen eine Seance abzuhalten und den verstorbenen Autor persönlich zu fragen. Hihi…

    Mir wurde die Deutschprüfung zum Verhängnis, eine Gedichtinterpretation die wir durchgenommen hatten, kam in der Prüfung dran, aber ich konnte mich nicht mehr gut dran erinnern… Note 4, wtf hab ich nicht erörtert??? Damals dachte ich meinen Argumenten hört eh keiner zu, warum soll ich sie aufschreiben, ausserdem interssierte ich das erörtungsthema nicht.

    Wenn mein Hirn was nicht interssiert, 0 Chance….

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