Gebärdensprache: Harte Schule, tolle Wirkung!

Einen Wunsch hatte ich schon als kleines Kind: Mit einem gehörlosen Nachbarn sprechen zu können. Mir war klar: Sprechen klappte zwar – er konnte ganz gut Lippenlesen – aber da musste es doch mehr geben. Rückwirkens betrachtet kann ich nicht einmal sagen ob ich damals Anfang der 80er Jahre schon wusste dass es eine Gebärdensprache gibt. Das tat aber auf keinen Fall meinem Wunsch mit den Nachbarn kommunizieren zu wollen einen Abbruch. Die Jahre vergingen und immer wieder kam in mir der Gedanke hoch: Gebärdensprache möchtest Du gerne mal lernen. Wie es im Leben aber so ist: Gedanken kommen, Gedanken gehen. Und durch die immer mehr zunehmende Be- und Überlastung, spätestens ab der Abiturzeit, rückte auch der Wunsch nach dem erlernen einer neuen Sprache immer in weitere Ferne. Vor einem Jahr jedoch nahm ich das Vorhaben die Deutsche Gebärdensprache (DGS) zu lernen zusammen mit meiner Frau in Angriff. Wir buchten einen einwöchigen Bildungsurlaub in der örtlichen Volkshochschule. Es kostete mich damals schon einiges an Überwindung mit fremden Menschen zu lernen und in eine Gruppe zu kommen die ich nicht kenne. Und ich gebe auch zu: Ohne meine Frau als Rückhalt hätte ich das wohl nie gemacht. Welche Besonderheiten und vielleicht auch Probleme dabei auf mich zugekommen sind möchte ich nachfolgend beschreiben.

Für Autisten nicht leicht?

Wie schon erwähnt: Die unbekannte Teilnehmergruppe, sogar die Anreise waren sehr schwer für mich. Ich wollte diesen Kurs unbedingt machen, koste es was es wolle. Die Gruppe erwies sich dann als recht überschaubar, wir waren nur 7 Personen. Da ich meine Frau mit im Gepäck hatte – oder sie mich?- waren die bevorstehenden Partnerübungen, und DGS aktiv lernen besteht aus üben, üben und nochmal üben, keine größere Belastung für mich. Meine Befürchtungen dass diese mich überlasten könnten waren unbegründet. So gut ich mich auch auf den Kurs vorbereitet hatte, soweit man das überhaupt kann, gab es doch einige Hürden die, denkt man an Autisten, nicht unerwähnt bleiben sollten.

Wichtig ist folgendes zu wissen: Gebärdensprache kann man nur im direkten Augenkontakt austauschen. Es ist also wichtig, dass man mit der Konzentration ständig beim Kursleiter ist. Mal, wie in der Schule, aus dem Fenster schauen ist nicht drin. Das ist unter Umständen auch für nichtautistische Menschen sehr anstrengend und ungewohnt. Bei Autisten kommt dazu, dass Augenkontakt wichtiger ist als in der gesprochenen Sprache. Man muss dem anderen zwar nicht ständig direkt in die Augen schauen, aber ein gewisser Augenkontakt lässt sich einfach nicht vermeiden.

Der Anfang aller Mühen, und elementare Grundlage zum Verstehen der Kursleiterin, war das sogenannte Fingeralphabet. Jeder Buchstabe entspricht einer bestimmten Fingerhaltung einer Hand. So ist es, auch wenn man noch keine Gebärden an sich kennt, schon möglich ersten Kontakt ohne Worte zu bekommen. Gerade wenn man Fragen bezüglich Gebärden zu bestimmten Worten hat ist das Fingeralphabet die Wahl schlechthin. Problem, zumindest für mich, war die Fingerstellung. Man glaubt es kaum, aber ich kam mir ziemlich eingrostet und unflexibel vor. Während andere Teilnehmer schon recht flüssig das Fingeralphabet beherrschten fühlten sich meine Finger eher verknotet an. Mit einiger Übung und am zweiten Tag funktionierte aber auch das bei mir. Ein weiteres Problem das sich mir hier auftat: Ich musste Worte in Buchstaben zerlegen und diese dann ins mir ungewohnte Fingeralphabet übertragen. So dauerte es anfangs schon eine ganze Weile bis ich meinen Studiengang – Informationswissenschaften- ordentlich fingern konnte. Noch anstregender war es für mich das Fingeralphabet zu lesen. Man sah es, dachte darüber nach welcher Buchstabe das ist und musste sich den merken um dann aus allen Buchstaben das Wort zusammenzusetzen. Wehe da fingerte jemand schneller als man die Buchstaben erkennen konnte!

Nach dem Fingeralphabet kamen dann die ersten Gebärden. Und, so schnell konnte ich gar nicht schauen, waren erste Sätze gebildet. Das geht in DGS, und mit einem guten Lehrer, erheblich schneller als man es von verschiedenen Lautsprachen her kennt. Oder um es anders auszudrücken: Nach fünf Tagen DGS Intensivkurs konnte ich wesentlich mehr in DGS gebärden als ich in einer neu erlernten Fremdsprache hätte ausdrücken können.

Die Besonderheit, zumindest für mich, bei der Gebärdensprache ist folgende: Mimik und eigentlich der gesamte Ausdruck des sog. Gebärdenraumes, ist wichtig um das gebärdete richtig zu verstehen. Man gibt mittels Mimik den Gebärden eine bestimmte Bedeutung mit. Nun ist es kein Geheimnis, dass Autisten oftmals Probleme mit der Mimik und dem Gesichtsausdruck anderer Menschen haben. Und so viel es mir in den Übungen in denen es um die unterschiedliche Mimik zu unterschiedlichen Bedeutungen einer Gebärde ging, anfangs extrem schwer die Mimik anderer richtig zu deuten. Also Freunde von Abneigung konnte ich noch trennen. Aber Wiederwillen von Lustlosigkeit? Da wurde es langsam schwer. Die anderen Teilnehmer hatten es aber auch nicht leicht wenn es darum ging meine Mimik richtig zu deuten. Letztendlich und mit viel Übung hat das dann aber doch recht gut geklappt!

Ich sage ja immer: Sprache muss fließen. Wenn man nun den Satzbau der uns bekannten Lautsprache gewohnt ist wird man mit der DGS erst einmal ins Stocken kommen. Ein kleines Beispiel:

„Ich liebe dich“ wird in der DGS zu „Ich, Dich, Lieben“. „Die Oma putzt die Küche mit einem roten Wischmob“ wird zu „Oma Küche Wischmob rot putzen“.

Wer nun glaubt oder davon ausgeht, das die DGS aufgrund dieser für uns ungewohnten Satzstellung keine richtig Sprache ist irrt gewaltig. Es hat lange gedauert und alleine das ist traurig genug, aber in Deutschland ist die deutsche Gebärdensprache seit 2002 als vollwertige Sprache anerkannt. Und wo wir schon einmal bei Trugschlüssen sind: Wenn jemand denken sollte, dass Gehörlose aufgrund der einfacheren, anderen und für uns ungewohnten Grammatik der DGS dumm sind hat sich gewaltig geschnitten. Traurig dass ich das hier so schreiben muss, aber diese Vorurteile kursieren leider immer noch.

Was mir recht schnell auffiel und was ich eigentlich auch erwartet hatte: DGS ist extrem bildlich aufgebaut. So ist es durchaus möglich, wenn jemand langsam und deutlich gebärdet, unbekannte Gebärden im Sinnzusammenhang und anhand des Gebärdenbildes zu erkennen. Etwas das mir persönlich sehr nahe kommt und auch gut tat da ich bei natürlichen Sprachen irgendwie immer Probleme mit den Vokabeln hatte.

Eine weitere, und mir sehr angenehme, Besonderheit in der DGS ist folgende: Wenn wir in der Lautsprache es mit Homonymen, also Teekesselchen, zu tun bekommen ist das in der DGS ein wenig anders geregelt. Man gebärdet „ich baue ein Haus“ anders als „ich baue eine Straße“. Genauso ist die Parkbank eine ganz andere Gebärde im Vergleich zur Bank als Geldinstitut. Das erweitert einerseits zwar den Umfang der zu lernenden Gebärden, macht es bildlich denkenden Menschen aber in meinen Augen auch erheblich leichter. Und so holprig die Grammatik für mich zuerst erschien so fließend gestaltete sich dann das gebärden von Situationen in Formen von Bildern.

Viel gelernt und mitgenommen

Das mag nun auf den ersten Blick viele Autisten abschrecken. Gerade die Tatsache, dass Mimik eine entscheidende Rolle in der DGS spielt. Ich habe mich der Herausforderung gestellt und sehr viel für mein Leben mitgenommen. Was mich direkt nach dem Kurs erstaunt hat: Mir sind viel mehr Menschen aufgefallen die gebärden! Was ich vorher wohl als raumgreifende und impulsive Unterstützung von gesagten Worten interpretiert hätte wurde nach dem Kurs zu konkreten Gebärden und der Erfahrung: Gebärdensprache wird häufiger gesprochen als man denken mag.

Das Fingeralphabet hat mir, auch wenn es mir anfangs sehr schwer gefallen ist, eines klar gemacht: Wir gehen sehr selbstverständlich mit Worten und Sprache um. Wenn man jedoch darauf angewiesen ist diese in Buchstaben zu zerlegen wird Sprache auf einmal zu etwas sehr komplizierten. Ein Umstand der einen die Worte die man ausdrücken möchte auch wesentlich sorgfältiger wählen lässt. Etwas was der Gesellschaft nicht wirklich schaden würde.

Mimik, ein heißes Thema wenn es um Autismus geht. Und ich gebe zu: Es war eine gewaltige Herausforderung für mich. Aber es funktioniert und auch ein Autist kann mit dieser Besonderheit der DGS zurechtkommen. Ich konnte für mich persönlich sogar feststellen, dass ich mit meiner eigenen Mimik bewusster umgehe seitdem ich angefangen habe DGS zu lernen. Was wiederum, und das ist mehr als positiv, dazu führt das mein Gegenüber auch wesentlich weniger davon irritiert ist wenn die von mir gewählte Mimik mal nicht zum gesagten passt. Eine Herausforderung, aber eine bei der sich die Mühe durchaus lohnen kann.

Ich denke sehr viel, bzw. fast ausschließlich, in Bildern. Und dabei kommt mir die DGS enorm entgegen. Sie ist als Sprache wesentlich bildhafter und damit auch eindeutiger als alle anderen Sprachen mit denen ich bisher in Kontakt gekommen bin. Muss ich beim Fingeralphabet noch mühsam Worte zerteilen und wieder zusammensetzen, fällt mir der Ausdruck dessen was ich denke in DGS erheblich leichter. Und gerade in Situationen wo mir nicht nach sprechen ist und ich viel lieber schweige sind Gebärden ein tolles Mittel um dennoch mit der Außenwelt zu kommunizieren.

Etwas das ich auch aus dem Kurs mitgenommen habe: Für mich persönlich ist DGS wesentlich eindeutiger und klarer als die deutsche Sprache im Vergleich dazu. Das was man mittels DGS ausdrücken möchte, ist auch gerade durch das bildhafte, klar, eindeutig und leicht verständlich. Kompliziertes Sprachgewusel ist mir nicht begegnet. Aber das kann sich natürlich mit weiterführenden Kursen auch noch ändern.

Ein riesen Vorteil ist in meinen Augen die Geschwindigkeit mit der man, im Vergleich zu gesprochenen Worten, etwas in DGS ausdrücken kann. Dazu kommt: Nicht jeder versteht die DGS und so hat man doch in einigen Situationen eine schnell und eindeutige Kommunikation. Bevor ich bei einer Feier durch den Raum brülle: „Ich will nach Hause“ setze ich lieber leise und direkt eine passende Gebärde in Richtung meiner Frau ab. Gerade wenn man sich in einer lauten Umgebung befindet oder weit voneinander entfernt ist, ist das unschlagbar. Ein weiterer Vorteil: Man kann auch mal lustig über andere schimpfen ohne das diese es mitbekommen. Wobei man beachten sollte: Zu deutlich sollte man das dann aber nicht gebärden.

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5 Antworten zu Gebärdensprache: Harte Schule, tolle Wirkung!

  1. DasDodo schreibt:

    Erinnert mich grad ein bisschen an Latein, von der Grammatik her, da steht das Verb auch häufig am Ende und sowas wie „Wischmob rot“ ist mir auch schon begegnet, im Lateinischen sieht man ja durch die Endungen das es zusammengehört.
    Ein interessanter Einblick den du da gewährst, Danke.

  2. Dorena schreibt:

    Vielen Dank für diesen Bericht. Als hochgradig schwerhörige Nutzerin der DGS habe ich vieles wiedererkannt. Auch mir geht es mangels Übungsgelegenheiten bis heute so,dass ich besser selber fingern und gebärden kann als Fingeralphabet lesen oder schnelles Gebärdentempo verstehen. Vor allem,wenn der Gehörlose nicht dazu den Mund bewegt. Die jungen gehörlosen Leute wachsen viel selbstverständlicher mit DGS auf und so kann ich diese meistens auch nicht verstehen,weil sie so schnell gebärden. In Bildern denken und gebärden liegt mir nicht so. Ich übersetze nur von Lautsprache in DGS und genau genommen ist es bei mir eher LBG(Lautsprachbegleitende Gebärden),die sind bei Gehörlosen nicht beliebt.
    Also…..Hut ab für Deinen Mut und alles Gute auf Deinem weiteren Weg ! Gott segne Dich ! Gruss Dorena

  3. Vielen Dank für den Einblick in die Schwierigkeiten autistischer Menschen und auch für die ausführlichen Erläuterungen. Für mich ist diese Kenntnis sehr wertvoll bei meinen Bemühungen im Umgang und dem Aufbereiten von Hilfen im Bereich Wohnen und Arbeiten für Menschen aus dem Autismus-Spektrum-Störungen. Es ist für mich auch eine Anregung noch einmal einen Versuch zu starten mit meinem „sprachlosen“ autistischen Sohn einen Neuanfang der Kommunikation zu versuchen. Danke sehr noch einmal.

  4. Hesting schreibt:

    Was die Mimik angeht, muss ich Dir ein Stück weit widersprechen. Natürlich wird Gebärdensprache auch von Menschen genutzt, die sowohl stark hör- als auch stark sehbehindert sind. Und wie Dorena schon schrieb: auch die „nur“ hörbehinderten jungen Leute benutzen die Mimik nicht immer. In München-Johanneskirchen gibt es eine Schule für Gehörlose und Hörbehinderte, ich bin also morgens wieder regelmäßig mit einigen der Schüler S-Bahn gefahren und konnte sie beobachten.

    Cool, dass Du den Kurs gemacht hast.

  5. Dorena schreibt:

    Hesting, das hast Du leider falsch verstanden. Ich kann Gebärdensprache nicht nutzen wie ein Muttersprachler (der Gebärdensprache) Ich kann oft leichter verstehen, wenn der Gehörlose nicht NUR gebärdet, sondern auch lautlos mitspricht. Das gibt mir mehr Sicherheit, dass ich richtig verstanden habe. Junge Gehörlose untereinander machen das oft nur wenig. Dann kann ich oft nicht folgen. Will heissen, fliessend Gebärdensprache beherrschen,
    das gelingt fast nur CODAS (hörend bei gehörlosen Eltern aufgewachsen) und Berufsdolmetschern. Selbst bei Dolmetschern ist es nach meiner Erfahrung so, dass nicht jeder Gehörlose jeden Dolmetscher gleich gut versteht. Das fiel mir noch ein . Gruss Dorena

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