Errare humanum est, sed in errare perseverare diabolicum

Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch

Viele haben, wenn sie von Autismus schon einmal etwas gehört haben, das Bild eines Raymond aus dem Film Rain Man im Kopf. Ein Bild eines Menschen der eine einzelne ganz besondere Begabung hat, bei alltäglichen Dingen aber zum Scheitern verurteilt ist. Eine Beschulung in einer Regelschule: Unwahrscheinlich! Ein erfolgreiches Studium: Undenkbar! Wirklich? Nein!

Es gibt sie die studierenden Autisten, auch an der h_da! Ich bin einer von ihnen und ich könnte wetten, dass ich zwar als „komischer Kautz“ durchgehe aber nie für einen Autisten gehalten wurde. Ich kenne die Stolperfallen und Hürden die ein Autist an einer Hochschule zu überwinden hat und möchte diese ein wenig beschreiben. Zum einen um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es studierende Autisten gibt und wie man sie unterstützen kann, zum anderen um eine Tür zu öffnen um ein besseres miteinander zu ermöglichen und das unbekannte Wesen Autist besser zu verstehen.

Begleitung bedeutet Sicherheit

Wenn ich an die Zeit meines ersten Studiums an der h_da zurück denke und nun im Fachbereich nach mir fragt wird man wohl eine Antwort bekommen: Das untrennbare  Duo!  Ich hatte das unverschämte Glück, dass ich mit meiner Freundin zusammen das Studium des Informations- und Wissensmanagements antreten durfte.  Um zu verstehen wieso das ein elementares Glück für mich war, muss ich ein wenig über Autismus erklären. Autisten haben eine andere Wahrnehmung. Aufgrund dieser, genauer genommen ist es eine Reizfilterschwäche, nehmen sie alle Reize die auf sie einschlagen ungedämpft wahr. Nichtautisten filtern diese größtenteils unbewusst aus und nehmen sie nicht oder nur am Rande wahr. Dies führt zu einer permanenten Reizüberflutung. Diese ist es die einen Autisten verunsichert. Und genau hier setzt eine Begleitung an: Sie ist wie ein Anker auf rauer See. Man könnte auch sagen: Eine Sicherheit zum mitnehmen. Streng genommen für viele Autisten wahrscheinlich die elementare Chance sich gut auf das Studium konzentrieren zu können und es erfolgreich zu bewältigen. Ich hatte das seltene Glück das meine Freundin mit mir studieren konnte und auch wollte. Was machen aber Autisten die dieses Glück nicht haben? Es gibt die Möglichkeit der Begleitung. Der Autist wird dann von einer ausgebildeten Fachkraft begleitet und unterstützt. Keine Sorge liebe Mitstudenten: Bei Klausuren hilft auch eine Begleitung nicht.

Wichtig zu erwähnen ist: Wenn ein behinderter Mensch mit Begleitung unterwegs ist bedeutet das definitiv nicht, dass er nicht ansprechbar ist oder keine eigenen Entscheidungen treffen kann. Eine Begleitung ist immer nur eine Unterstützung. Also bitte keine Scheu oder Angst haben!

Missverständnisse sind vorprogrammiert

Im Umgang mit Autisten ist die Sprache besonders wichtig. Genau genommen: der bewusste und sehr genaue Umgang mit der Sprache. Zum einen verstehen viele Autisten Ironie nicht. So passiert es recht häufig, dass jemand beiläufig etwas ironisch sagt und ein Autist dann nicht weiß wie er damit umgehen soll. Wenn er dann nachfragt wie das gemeint sei ist das keine Verarschung sondern der Versuch die Situation eindeutig zu klären. Wenn ein Autist also nachfragt: Nehmt es nicht übel sondern erklärt es ihm. Er meint es nicht böse!

Wichtig zu erwähnen ist auch, dass Autisten Sprache wörtlich verstehen und Interpretationen schwer fallen. Gerade in Vorlesungen ist es daher wichtig, dass die Lehrenden eine eindeutige und klar definierte Sprache verwenden.

Häufig missverstanden wird auch der mangelnde oder zu kurze Blickkontakt von Autisten. Manche Autisten haben gelernt durchaus einen längeren Blickkontakt im Gespräch zu halten, aber es fällt immer wieder schwer. Wenn ein Autist also im Gespräch öfter einmal wegschaut oder nicht ständig den Blickkontakt hält ist das kein Ausdruck von Desinteresse oder geringer Wertschätzung der anderen Person.

Kontinuität ist wichtig

Neben der schon angesprochenen Begleitung die ja nur in den seltensten Fällen gewährt wird oder möglich ist, hat eine gewisse Kontinuität für Autisten eine beruhigende Wirkung und bringt ein Gefühl von Sicherheit. Der eher studenplanorientierte Studienablauf an einer Hochschule, im Vergleich zum Universitätsbetrieb, ist hier schon eine gute Hilfe und eine der Konstanten im Studienleben eines Autisten. Er weiß vorab was auf ihn zukommt, wie der Tag grob aussieht und was ihn erwartet.

Wichtig kann auch der Sitzplatz bei den Vorlesungen sein. Was für Nichtautisten, von der letzten Reihe mal abgesehen, eher unwichtig ist, kann für Autisten einen wesentlichen Aspekt ausmachen. Ich z.B. habe immer versucht auf dem gleichen Platz zu sitzen und hatte immer mindestens eine Wand oder ein Fenster neben mir. Damit war schon eine Konstante gegeben und ich konnte mich darauf verlassen das von einer Richtung sicher keine unerwarteten Reize kommen. Das entlastet unheimlich!

Ein großer Nachteil des Bedürfnisses nach Planung und Kontinuität zeigt sich im studentischen Leben außerhalb der Hochschule. Meine Kommilitonen haben sich gerne mal spontan nach den Vorlesungen zu Unternehmungen getroffen. Selbst wenn ich gewollt hätte: Ich konnte nicht teilnehmen. Derartige spontane und überraschende Änderungen im Tagesablauf verstören Autisten oftmals sehr. So kommt es dann auch, dass Autisten im Normalfall innerhalb der Kommilitonen eher als Einzelgänger und Sonderlinge wahrgenommen werden. Eigentlich traurig! Wie wäre es mit längerfristig geplanten Freizeitunternehmungen? Es ist normalerweise ja nicht der Event der den Autisten abschreckt, sondern vielmehr die damit verbundene zu kurzfristige Planänderung.

Teamfähig oder nicht

Auf Social Skills wird im Arbeitsleben immer mehr Wert gelegt. So auch auf die bedingungslose Teamfähigkeit. Da ist es weder verwunderlich noch negativ wenn diese Fähigkeiten auch schon im Studium vermittelt und gefördert werden. Hier kommen allerdings viele Autisten in Schwierigkeiten. Ich möchte als Beispiel mal ein Projekt oder eine Gruppenarbeit  nehmen die in einem Lehrfach im Rahmen eines Semesters zu bewältigen ist. Sich mit anderen abstimmen zu müssen bedeutet für einen Autisten zumeist Stress. Weniger fachlicher Natur, wobei Autisten gerne dazu neigen sehr hohe Ansprüche an sich und dann auch an die Kommilitonen zu stellen, sondern eher im Bereich Organisation. Sich einmal spontan treffen um sich abzusprechen ist schwer. Viele Studentengruppen, so meine Erfahrung, möchten sich dann auch außerhalb der Hochschule treffen. Dies ist auf zwei Wegen problematisch. Zum einen bringt es den Tagesablauf durcheinander, zum anderen und das war persönlich mein großes Problem kannte man die Treffpunkte oftmals nicht. Ich wohne nicht in Darmstadt sondern in Wiesbaden.  Ungeplant sich zu treffen ist sicher manchmal noch möglich, aber an einem Ort irgendwo in Darmstadt den ich nicht kenne, bei dem ich nicht weiß wie ich genau hinkomme, wo ich parken kann usw. wird dann schnell zu einem unüberwindbaren Hindernis. Nur wie erklärt man, dass etwas das für andere selbstverständlich ist einem Probleme bereitet? Das ist ein schwieriger Schritt, schwerer als man manchmal glaubt.

Mehr Semester => schlechterer Student?

Manchmal ist es einem Autisten nicht möglich mit dem normalen Vorlesungstempo mitzuhalten. So habe ich, dieses Mal unbegleitet von meiner Freundin, in meinem derzeitigen Masterstudium der Informationswissenschaften nie wesentlich mehr als 2 Seminare pro Semester belegen können. Mehr wären zu anstrengend gewesen. So nimmt man, zu Gunsten der besseren Noten, durchaus in Kauf länger als alle anderen Kommilitonen zu studieren. Es ist mir auch passiert, dass ich einen interessanten Kurs belegen wollte, zur ersten Veranstaltung hinging und ziemliche Angstausbrüche bekommen habe. Gewohnt war ich damals 10 Studenten in einem Seminar, das angesprochene war überlaufen. Alleine die Masse an Kommilitonen  und die Aussicht das man sich sehr schnell um Themen und Vorträge bemühen musste, die eigene Auswahl sich immer mehr einschränkte und man nehmen musste was übrig blieb und nicht das was einem lag erzeugt unheimlichen Stress. Ich musste den Kurs abbrechen und darauf verzichten. Alleine um mich selbst zu schützen. Auch durch so etwas verlängert sich u.U. die Studienzeit. Problematisch wird es wenn man sich dann später bewerben möchte, eine TOP Abschlussnote hat und trotzdem begründen muss warum man denn derart lange gebraucht hat für sein Studium. Leider wird lange Studienzeit immer noch automatisch mit Bummelstudent verbunden.

Ich kann, aus meiner Erfahrung heraus, jedem Autisten der gut durch sein erstes Studium an der h_da gekommen ist ein Masterstudium nur empfehlen! Ich war begeistert von den wesentlich kleineren Seminargruppen und der anderen Art und Weise wie im Masterstudium gearbeitet wird. Es wird viel mehr Wert auf eigenständige und produktive Arbeit gelegt. Man steht, zumindest habe ich diese Erfahrung gemacht, mit den Professoren eher auf einer Augenhöhe. Natürlich mit dem entsprechenden gegenseitigen Respekt! Aber die, bei mir aus dem Diplom, bei anderen aus dem Bachelor bekannte, „Lehrer Schüler Konstellation“ zeigt sich im Master bei weiten nicht mehr so stark. Und gerade das man eigenständig wissenschaftliche Aspekte erarbeitet und nicht primär nur wiederkäut was einem vorgetragen wird ist für mich persönlich eine wundervolle Arbeitsumgebung.

Wer sich nun fragt was der Titel zu diesem Beitrag mit selbigem verbindet:

Nichts  oder Falsches über Autismus zu wissen ist nicht schlimm: Errare humanum est!

Auf seinen Stereotypen zu beharren und nicht dazu zu lernen dagegen schon: sed in errare perseverare diabolicum!

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11 Antworten zu Errare humanum est, sed in errare perseverare diabolicum

  1. S. Ricklefs schreibt:

    Danke für diesen hilfreichen Beitrag❤

  2. Ich kann die Bedeutung des “ unsichtbaren Hilfsnetzes“ durch Begleitung nur bestätigen. Was für Außenstehende insbes. Lehrer) oft als “ halten in der Unselbstständigkeit “ aussieht, hat mein Kind befähigt, sich zunehmend sicherer und auch allein in der Welt zu bewegen- ich kann mich mehr und mehr zurück ziehen, wenn auch nicht ganz. Ich hoffe sehr, es findet auch in Zukunft einen Unterstützer/ Begleiter außerhalb der Familie.

  3. Thomas Kummer schreibt:

    Reizfilterschwäche … es kommt selten vor, dass ich mich einfach nur verstanden fühle und das Wissen erlange, dass ich nicht der einzige bin, der damit zu leben hat.

    Ich war sicher nie der wirklich brave Junge während meiner Schulzeit. Dazu habe ich viel zu oft von mir gegeben, was ich wirklich gedacht habe (das man sich damit nicht nur Freunde macht, habe ich schon früh feststellen dürfen).

    Auf der anderen Seite: hat mich ein Schulfach interessiert, war ich es, der die anderen Schüler zur Ruhe verdonnert hat, wenn sie es nicht sein lassen konnten, ruhig zu sein.
    Ich konnte mich einfach nicht konzentrieren, so einfach war das. Bei mir im Kopf kam ein Mix aus allem, was gesagt worden war, an. So war es mir natürlich unmöglich wirklich zu verstehen, was der Lehrer uns beibringen konnte. Da war ich dann gezwungen, mich lautstark zu melden und den anderen beizubringen, dass sie ruhig sein sollten (es hat natürlich mitgeholfen, dass ich schon immer ein wenig stärker, imposanter und bäriger ausgesehen habe, als die anderen).

    Schon früh habe ich folgendes festgestellt: will ich lernen, dann hilft es mir ungemein, wenn ich Musik anstelle oder den Fernseher laufen lassen. Irgendwie wirken diese beiden Medien wie eine Art Mauer, die das meiste von mir fernhalten und nur noch ein kleiner Teil wirklich bei mir ankommt. So fällt es mir leichter, mich zu konzentrieren.

    Die absolute Ruhe, ne, das macht mich dann doch einfach nur nervös🙂.

    Die Probleme tauchen in dem Augenblick auf, wenn man einem Normalo erklärt, dass man sich viel besser konzentrieren kann, wenn das Radio vor sich hin tönt oder Fernseher vor sich her sieht.

    So viel Ungläubigkeit bekomme ich sonst selten zu sehen. Wenn es dann noch viel besser läuft, fängt das Gegenüber eine Diskussion an und versucht einem von der absoluten Ruhe zu überzeugen und lässt immer wieder einfliessen, dass man doch sicher nicht die Wahrheit sagen würde …

    • S. Ricklefs schreibt:

      Ja, komisch genug, aber genau so ist es. Sobald andere merken, was ich Besseres gefunden und herausgefunden habe oder auch besitze oder was weiß ich, fangen sie an, einen auf nette oder unnette Art anzugreifen, oft mit einem mir unverständlichen Schiebespiel der Schuld.
      Mag Neid sein, habe ich auch oft feststellen können. Sie gönnen es anderen nicht, wenn…
      Also, mach Dir nichts draus.
      Was mich betrifft, so erging es mir in jungen Jahren genau wie Dir, gerade beim Lernen für die Schule. Den ganzen Inhalt Deines Berichtes hätte ich schreiben können🙂 Aber genau so!
      Heute (50)ist es so, daß ich die absolute Ruhe brauche!
      LG

      • Thomas Kummer schreibt:

        Meine Jugend …

        Die war nicht wirklich einfach:

        Irgendwie habe ich nie wirklich irgendwo dazugehört und damit so etwas wie ein Aussenseiter.
        Es war auch nicht sehr hilfreich, dass ich gewisse Probleme hatte, gesagtes richtig zu verstehen und vor allem zu interpretieren. Von wegen Ironie und was es sonst noch alles gibt.

        Da bin ich in mehr als ein Fettnäpfchen gestanden, weil ich etwas nicht richtig interpretiert habe, das Grinsen falsch verstanden habe oder das Augenzwinkern für ein Korn im Auge gehalten habe.

        Ne, einfach war das wirklich nicht.

        Zwar habe ich mir immer wieder gewünscht, dazugehörig zu sein, auf der anderen Seite war mir klar, dass das nie wirklich funktionieren würde. Dazu ist mein Denken einfach viel zu anders. Dazu sehe ich viele Dinge viel zu anders. Dazu neige ich viel zu sehr dazu, meine ehrliche Meinung von mir zu geben.

        Damit habe ich natürlich auch mehr als eine Frau in die Weite verjagt: ich meine, werde ich von einem weiblichen Wesen gefragt, ob ihr das Kleid steht, ob das T-Shirt an ihr gut wirkt, ob der Lippenstift nicht zu aufgetragen aussieht, ob das Parfum gut duftet, sage ich die Wahrheit.
        Irgendwie hat mir bis zu einem gewissen Punkt niemand gesagt, dass es auch so was wie Notlügen gibt, oder es ab und zu erlaubt ist, nicht wirklich die Wahrheit zu sagen.

        • S. Ricklefs schreibt:

          Hey, auch das könnte von mir sein🙂 Wieder so exakt!
          Ich habe z. Bsp. stets einen Mann aus der Nachbarschaft getroffen, der ein wirklich fürchterliches Doppelkinn hatte. Er tat mir sooooooo leid und ich wollte mal wieder helfen…:) und machte ihm den Vorschlag, doch lieber andere Kleidung zu tragen, die das verdecken würde.
          Er reagierte nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte..
          Mit den Jahren lernt man ja dazu, warum und wieso und das man eben ins Fettnäpfchen tritt.
          Aber weißt Du was? Es ist im Grunde gar kein Fettnäpfchen. Es ist so, daß wir die Aufrichtigen und Ehrlichen sind, ohne lange darüber nachdenken zu müssen, einfach von Herzen offen und ehrlich und die eben nicht und es nicht hören wollen. Lieber sollten wir den Fakt umdrehen und nicht nur in diesem Bereich und sehen, daß wir im Grunde diejenigen sind, die der Welt die Augen öffnen könnte über sich selbst und sie lieber versuchen sollten sich so manche Scheibe von uns abzuschneiden.
          Immer denken wir, die sind uns weit voraus! Aber sind sie es wirklich? Sind wir ihnen grundsätzlich nicht weit voraus?
          Immer sehen wir uns als be-hindert an, sind sie es nicht? Sind wirklich wir die Unzulänglichen oder sie?
          Irgendwann habe ich meinen Autismus in der Weise betrachtet und ihn als Vorzug erkannt, statt als Behinderung, denn so sein wie sie, möchte ich gar nicht erst. Als ich mehr Selbstbewußtsein bekam, erkannte ich mehr und mehr, daß ich mich nicht mehr schlecht fühlen brauche, sondern begann zu sehen, daß sie diejenigen sind, die sich eigentlich schlecht fühlen sollten, aber nicht tun.
          Ich hörte auf zu versuchen ihnen zu folgen und so werden zu wollen wie sie. Hineinpassen zu wollen. Zudem erkannte ich, daß wer so ist, kein Freund sein kann.
          Ich denke, das es richtig ist, die Wahrheit zu sagen. Möchtest Du jemanden haben, der Notlügen benutzt um Dir zu gefallen? Würde Dir das gefallen? Da Du ein ehrlicher Mensch bist, wohl kaum. Ich suche heute noch aufrichtige Menschen mit Rückrat und finde fast nur die Lügner. Notlügen sind auch Lügen. Dazu kommt, das man erntet, was man säht. Meine Ernte soll gut sein, auch wenn ich lange darauf warten muß. Ich suche mein lebenlang die Wahrheit und genau das macht einsam in der Welt, denn viele fangen an Dich zu meiden, aber diejenigen, die ebenfalls aufrichtig sind oder zumindest so gut sie können, wissen was sie an Dir haben. Es ist die beste Weise zu filtern, wer Freund oder wer Feind ist.
          Die anderen sollte man dann lieber vergessen. Lieber keine Freunde als Lügen, um zu gefallen.
          Mal habe ich über ein anderes Wort für Wahrheit nachgedacht: Ent-täuschung.
          Die Wahrheit zeigt sich an der Enttäuschung. Sie entlarvt nämlich die Täuschung.
          Seitdem mag ich auch Enttäuschungen, auch wenn sie schmerzlich sind.
          Sie helfen mir zu erkennen!
          Oh, ich werde schon wieder so lang.
          Wollte Dich aber so gern ermutigen, bei der Wahrheit zu bleiben.
          Wenn Du damit Frauen vergrault hast, waren sie Deiner gar nicht wert. Eine Frau wird schätzen, wenn der Mann ehrlich ist und aufgrunddessen stets wissen, daß er verlässlich ist.
          So sehe ich alte Autistin das.
          Also, nur Mut!
          Lieber Keine als ewig Honig um den Bart schmieren müssen, damit sie bleibt, finde ich!
          Dann kannst Du Dir selbst auch nämlich nicht sicher sein, ihrer Liebe und nicht glücklich sein und nicht in den Genuß kommen, bedingungslose Liebe kennenzulernen.
          Nicht nur bei Autisten, überhaupt ist es doch so, daß man lernt, man wird nur geliebt, wenn… man gefällt.
          Ich denke, Liebe ist eine Willensentscheidung für gute und schlechte Tage und nicht nur das Kribbeln im Bauch, so lange bis…, um sich dann scheiden zu lassen und weiter zu suchen, wie es eben alle tun und deshalb niemand mehr sich traut zu heiraten, anstatt mal der Wahrheit ins Auge zu schauen, über sich selbst.
          Wenn beide den anderen einfach toll finden, dann ist es automatisch gegeben und niemand braucht mehr sich vorzeigen und machen und tun, um geliebt zu werden, was das Pferd am Schwanz aufzäumen bedeutet.
          Und wenn beide sich fragen, ob sie den anderen so lieben, daß sie ein lebenlang f ü r ihn da sein wollen, dann ist es das Richtige, aber leider, heiraten doch wohl so ziemlich alle, weil sie meinen, das große Glück bekommen zu haben und geliebt werden.
          Meistens sagen sie „ich liebe Dich“, meinen aber das i“ch brauche Dich“.
          Klar, daß sie weg sind, wenn sie unzufrieden sind.
          Deshalb bin ich auch dafür, lange erstmal zu prüfen, bevor man intim wird und lieber rechtzeitig auseinanderzugehen, als den Verstand „in der Hose“ zu haben, wo er unweigerlich hinrutscht bei Intimitäten und nur über Gefühle dann eventuelle falsche Entscheidungen getroffen werden oder auch nach einiger Zeit eine weitere schwere Enttäuschung zu erleben, wenn man verlassen wird, womöglich noch das Einswerden gefruchtet ist auf körperlicher Ebene und ein Kind entstanden, das dann sein ganzes Leben „zerrissen“ sein wird und vermutlich ebenso wieder das Leben fortsetzt.
          Ich denke, wir Autisten sind im Vorteil deshalb.
          Schade nur, daß ich das zu spät in meinem Leben erkannt habe, welchen Schutz wir hätten, wenn wir unserer inneren Stimme gehorchen würden und stattdessen aus Unzulänglichkeitsgefühlen meinen, die anderen seien im Recht und versuchen es ihnen gleich zu tun und auch noch so zu werden.
          Nochmal. LG

  4. Anita schreibt:

    Ich danke für diesen wiedermal seeeeeeehr guten Artikel.

    Man sollte ihn an Lehrerschaften verteilen!

    Alles, was hier beschrieben wurde, erlebt mein Großer exakt so. Er macht sich Musik über den MP3 an, um ein Gegengeräusch zu erzeugen, damit er das Gemurmel der Mitschüler übertönen kann. Dies bedeutet aber absolut nicht, dass er dem Unterricht nicht folgen könnte. Nein, erst die Musik, das selbstgewählte Geräusch ermöglicht wieder Konzentration auf das eigentliche, dass Lernen!

    Er braucht die Begleitung, um Selbstständigkeit leben zu können. Der „Rettungsanker“ muss aber vor Ort sein. Er hat selber darum gebeten, dass er weiterhin Vollezeit begleitet wird, weil er diesen Rettungsanker benötigt. Eben auch, weil die Mitschüler ihn missverstehen und er die Mitschüler.

    Gruppenarbeiten und dergleichen sind machbar. Aber es wäre ein Zeichen von Kultur, wenn die Gruppen als gute Voraussetzung für eine „reibungslose“ Zusammenarbeit sich auf gemeinschaftliche Termine einigen könnten. Und dies über einen längeren Zeitraum. Dies erleichtert nicht nur dem Autisten das Arbeiten. Es ist im Grunde für alle hilfreich!

    Auch erwähnenswert finde ich, dass, wenn ein Autist seine Finger beschäftigt (also Knete in den Händen oder ein Lineal oder Kugelschreiber und damit rumfingert), dass dies nicht mit Desinteresse gleichzusetzen ist. Es dient zum Reizabbau, öffnet einen Kanal, damit „Überschüssiges“ abfliessen kann und fördert die Wahrnehmung des Relevanten.

    • Thomas Kummer schreibt:

      So ein Rettungsanker könnte ich auch ganz gut gebrauchen.

      Das müsste schon jemand sein, dem ich vertrauen kann, der mich versteht, der geduldig ist .. der eine gewisse Art von Humor hat .. .

      Bis jetzt habe ich leider so jemanden nicht gefunden.

      Eine gewisse Zeit hatte ich so was wie einen besten Freund, der sich immer mal wieder Zeit für mich genommen hat, der mich begleitet hat und so was wie ein Übersetzer war. Irgendwann musste ich mir einfach eingestehen, dass er immer wieder versucht hat, mich von seiner Art Musik zu überzeugen, von seiner Art von Filmen, von seiner Art zu leben.

      Alles was ich in Sachen Musik, Kino und so gut finde, hat er immer als schlecht abgetan, hat mehr oder weniger schlechte Witze darüber gemacht.
      Keine Sache, dass ich mir da vorgekommen bin, wie der letzte Trottel. Immer wieder habe ich mich gefragt, warum er nicht akzeptiert, dass ich einfach einen anderen Geschmack habe als er? Gehört sich das nicht so zwischen Freunden? Man nimmt den anderen so, wie er ist? Ausser, natürlich, er oder sie ist ein Serienkiller oder ein Politiker / eine Politikerin?

      Irgendwann habe ich den Kontakt abgebrochen. Ich wollte das einfach nicht mehr mitmachen. Es hat sich einfach scheisse angefühlt.

      Ein Rettungsanker wäre schon was gutes, nur, irgendwie traue ich mich da nicht so ganz rein. Dieser Rettungsanker hat ja auch sein eigenes Leben und da möchte ich nicht zu viel Zeit davon in Anspruch nehmen.
      Aber da fängt das Problem an: es gibt Tage, da könnte ich so jemanden den ganzen Tag brauchen, dann nur mal wieder zwischendurch …

      Meine Finger und ich🙂.Meine Finger sind irgendwie schon immer in Bewegung: in der Schule hat es sich gezeigt, dass ich mich besser konzentrieren konnte meine Finger gemacht haben, was sie wollten. Ich habe mir da nie wirklich Gedanken darüber gemacht, was die anderen davon halten. Es hat einfach immer zu mir gehört.

      • Anita schreibt:

        Ein „Rettungsanker“ (Begleiter) auf Abruf wäre zwar eine Erfindung. Aber wie Du schon selber sagtest, diese Menschen haben ein Eigenleben.

        Und das ist immer wieder ein Reibungspunkt.

        Das Gegenüber „Sein lassen“ ist gar nicht so einfach. Weder für meinen autistischen Sohn noch für die Begleitung.

        Irgendwo möchten beide „Parteien“ schließlich auch etwas mitteilen, dem anderen seine Sicht der Dinge erzählen. Und Beide hoffen darauf, gehört zu werden. Dies ist bei einem professionellen Begleiter, der gut gecoacht wird „einfacher“, aber nicht leicht.

        Für mich als Mutter ist es immer wieder eine Gradwanderung, nicht zu sehr auf meine Erfahrungen zurückzugreifen. Nicht „überstülpend“ zu wirken. Denn eigentlich ist es nicht meine Absicht, dies zu tun. Aber trotzdem schaffe ich es nicht, es immerzu zu vermeiden.

        Und je nachdem, wie sehr man in sich selber „gefangen“ ist, ist man auch nicht immer gleichbleibend in der Lage der Ruhepol zu sein. Und ähnlich erlebe ich es auch bei meinen autistischen Söhnen. Wie bereits im Artikel erwähnt, ist auch hier nicht jeder Tag gleich. Nicht jede Situation vergleichbar.

        Zitat. „Irgendwann musste ich mir einfach eingestehen, dass er immer wieder versucht hat, mich von seiner Art Musik zu überzeugen, von seiner Art von Filmen, von seiner Art zu leben. “

        So kann es durchaus sein, dass ich von etwas so fasziniert bin und unbedingt jemandem sagen möchte, wie toll ich dies und das finde. Ich aber gar nicht seine Meinung hören möchte, sondern einfach nur mitteilen, dass ich es einfach klasse finde. Dann kann es durchaus passieren, dass ich genauso monologisiere wie meine Söhne. Und der Zeitraum, bis meine Söhne mir unmissverständlich mitteilen, dass es sie überhaupt nicht interessiert, ist ziemlich kurz. Und ich bekomme eben dann von ihnen mitgeteilt, dass ich ja nicht „missionieren“ soll für ein Buch oder einen Film oder ein Lied. War aber gar nicht meine Absicht. Ich verpasse nur leider selber den Punkt, wo es Zeit wäre aufzuhören. Dies führt zu Missverständnissen, die nicht gewollt sind. Es sind die Momente wo auch ich, trotz besserem Wissen, scheitere. Was ich sehr bedauere, aber leider nicht gut steuern kann.

  5. Eva schreibt:

    Hallo,
    im „Spektrum“ zu sein ist eine für mich recht neue Erfahrung, die mir so manches aus meinem inzwischen 64 Jahre währenden Leben erklärt. Auch, woher meine Schulprobleme kamen. Und warum ich im Unterricht immer gezeichnet habe, was mir die Lehrer endlich erlaubt haben, weil es ihnen nicht gelang, mich dabei zu erwischen, dass ich dem Unterricht nicht hätte folgen können; sie gaben endlich zu, dass es meine Konzentration zumindest nicht störte. Und ich musste sie nicht die ganze Zeit anglotzen. Aber Rügen wegen des Absonderns, Außenseitertum, Besserwisser, Extrawurst-Forderer, die wurden mir oft genug um die Ohren gehauen. Im Studium kam ich gut zurecht, in der Kunsthochschule durfte man individuell sein, und die Massen verliefen sich in den großen Sälen und Gängen. Trotzdem brauchte ich zwei Semester mehr, vielleicht, weil es Menschen schwer gelingt, das Wichtigste herauszufinden, wenn sie eine Scheu haben, sich durchzufragen. Wenn sie überhaupt Kontakte bekommen.
    Wir schrieben die Jahre 1969/1973. Kein Mensch wusste etwas von Asperger. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich als behindert einzustufen. Zwei Beine, zwei Arme und ein IQ irgendwo bei 120. Sowas ist nicht behindert. Aber alle Hoffnungen meiner Eltern starben einen stillen Tod.
    Es war sehr hilfreich, in Ihrem Blog zu lesen! Und ich tu’s wieder.

  6. Jennifer Leim schreibt:

    Ich selber bin kein Autist, ich hatte aber jemanden in meiner Klasse. Er wurde oft von anderen Kindern geärgert. Ab der 8. Klasse hatte er dann eine ausgebildete Begleitung.
    Ich habe mich vorher nicht wirklich mit dem Thema beschäftigt, habe ihn nicht geärgert, aber mich auch nicht wirklich mit ihm beschäftigt. Nachdem ich deinen Text gelesen habe, kann ich mich besser in seine Lage versetzten, jetzt empfinde ich es als schade nicht mehr mit ihm gesprochen zu haben oder mehr auf ihn eingegangen zu sein.

    Ich studiere momentan auf einer Hochschule und ich denke, falls ich jemals wieder einen Autisten kennen lernen werde, werde ich besser wissen, wie ich mit ihm umzugehen habe.

    Ich finde es bewundernswert, dass du diesen Text verfasst hast. Du teilst deine Ängste und die Art und Weise wie du und andere Autisten die Welt wahrnehmen damit Menschen wie ich, die keine Autisten sind, euch besser zu verstehen wissen.

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