Soziales Rüpeltum

Etwas das man sehr oft liest ist die Aussage: „Autisten sind doch unsozial!“ Das dieser Gedanke anscheinend sehr in den Hinterköpfen der Menschen verankert ist, bzw. sozial sein einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft zu haben scheint, merkt man als Autist an den Reaktionen der Umwelt auf das eigene Verhalten. Eltern von autistischen Kindern bekommen dieses „Sozial“ glaube ich noch viel mehr vorgehalten. Ich möchte gar nicht wissen wie oft sie einen „strafenden Blick“ oder gar einen Kommentar wie „Erziehen Sie mal ihr Kind!“ zu hören bekommen.

Aber sind Autisten wirklich unsozial? Warum werden sie so empfunden und steckt da böser Wille dahinter?

Ein großes Wort

Das Wort sozial an sich kommt vom lateinischen socius und bedeutet erst einmal nicht mehr als „gemeinsam, verbündet bzw. verbunden“. Sozial ist man also wenn man etwas gemeinsam macht. Sozial ist man auch, wenn man sich mit anderen verbündet. Hier knackt es bei mir schon wieder: Man kann sich nämlich auch prima gegen jemanden verbünden. Ist man dann nun sozial wie im Wortsinn oder doch eher unsozial weil man unter Umständen unredliches ausheckt? Hier kann man schon erkennen: Sozial ist immer eine Sache des Standpunktes. So gesehen ist es gar nichts ungewöhnliches auch einmal unsozial zu sein.

Aber wenden wir uns lieber wieder der Wortbedeutung bzw. dem was die Menschen allgemein unter sozial verstehen zu. Es geht hier, und ich hoffe da entspreche ich dem gesellschaftlichen Konsens, um das zwischenmenschliche unter- und miteinander und das Zusammenleben in einer Gesellschaft. Und hier kommt es dann wohl immer auf die einzelne Person und deren Betrachtungsweise an was nun sozial ist und was nicht.

Wenn Sozial zu komplex wird

Schaut man sich nun an, welche Erwartungen, Standards und vor allem ungeschriebenen Regeln auf uns im zwischenmenschlichen Umgang erwarten, ist es doch kein Wunder, wenn man sich auch mal vermeintlich unsozial verhält. Die Standards kann man noch erlernen und das wird wohl auch jeder, egal ob Autist oder nicht, im Laufe seines Lebens und im Rahmen der Erziehung machen und machen müssen. Alleine dieses erwartete Standardverhalten ist aber schon so komplex, dass es wohl kein Werk in der Literatur geben wird in dem man das alles nachlesen kann. Es handelt sich hier wohl wirklich um einen Fall des lebenslangen Lernens. Und spätestens wenn man in seinem sozialen Umfeld sicher im Umgang mit eben diesen Standards ist, kommen soziale Veränderungen im Leben oder einfach nur ein Urlaub in einen anderen Kulturkreis dazwischen: Und schon kann und muss man wieder etwas zu seinen Standards dazulernen. Das kann ja auch Spaß machen!

Schwieriger wird es schon bei den Erwartungen die an einen gestellt werden. Ich denke hier gibt es schon die ersten Probleme für alle Menschen: Es wird, und je exklusiv sozialer sich das Umfeld gibt, das Paket an erwartetem Verhalten unheimlich komplex und auch verworren. Was die einen mit der Erziehung mitbekommen haben kann für andere schon eine Straße voller Fettnäpfchen sein in die man natürlich alle und der Reihe nach hineintritt. Woher soll man denn auch wissen was jemand stillschweigend erwartet? Hellsehen kann wohl kaum einer von uns.

Das bringt mich dann schon zu den ungeschriebenen Regeln des zwischenmenschlichen Miteinanders. Es scheint einen ganzen Haufen Regeln zu geben über die eigentlich niemand redet weil es doch peinlich ist wenn man sie nicht kennt. Im gleichen Atemzug wird dann aber von allen erwartet, dass diese Regeln bekannt sind. Woher wissen wenn nicht durch Fragen und Lernen?

Ich denke man kann eines schon ganz gut erkennen: Soziales Verhalten ist einerseits extrem komplex und nicht immer klar definiert. Zum anderen betrifft die Problematik, da auch mal rauszufallen, jeden Menschen. Autismus macht da keinen Unterschied, er macht es uns Autisten nur manchmal noch etwas schwerer.

Besonders schwer wird es übrigens dann, wenn das soziale Verhalten nur um der Erwartung Willen und nicht des Sinnes wegen praktiziert wird. Gibt es nicht? Doch! Und zwar täglich, ständig und dauerhaft: Small Talk ist ein Beispiel dafür. Es werden soziale Kontakte „gepflegt“ und das geschieht mit Kommunikation deren Inhalt austauschbar und eigentlich egal ist. Oftmals fehlt sogar das eigentliche Interesse an den Gesprächsinhalten. Glauben Sie nicht? Dann überlegen Sie doch mal wie oft sie an einem normalen Tag gefragt werden wie es ihnen geht und wie viele Menschen es wirklich interessiert. Eigentlich möchte nämlich keiner der diese Frage stellt die Antwort „schlecht“ hören. In der Regel ist eine solche Antwort der Small Talk Killer schlechthin. Probieren Sie es mal aus wenn sie es sich trauen!

Sozial oder Unsozial?

Sind Autisten nun wirklich unsozial? Ich denke definitiv nicht! Gegen Regeln zu verstoßen, die man nicht in voller Gänze kennen kann und zum anderen mühsam und bewusst erlernen muss ist nichts Schlimmes. Zumindest nichts was einem zu einem unsozialen Wesen macht. Schließlich geschehen diese Regelbrüche nicht um sich bewusst gegen andere Menschen gerichtet zu verhalten, sondern weil man es unter Umständen einfach nicht weiß. Einen Autisten dann als unsozial abzustempeln weil er, gegen die eigenen Erwartungen an das soziale Miteinander verstoßen hat, ist kurzsichtig und ungerecht. Das Problem ist doch schlichtweg: wenn gegen Regeln, die einem selbst glasklar sind, verstoßen wird, geht man immer von zwei Annahmen aus:

Zum einen kennt der andere diese Regeln auch. Zum anderen verstößt er, eben weil er die Regeln kennt, bewusst, gewollt und provokant dagegen. So ist es kein Wunder, wenn Autisten schnell als unerzogen abgestempelt werden. Man sieht ihnen die Behinderung Autismus im Normalfall ja auch nicht an.

Ich möchte ein kleines Beispiel dafür bringen das nichtautistischen Menschen helfen soll zu verstehen wie schwer es sein kann, sich in einer sozialen Umwelt zu bewegen in der viele Regeln, besonders im sozialen Umgang miteinander, nicht klar definiert und umrissen sind:

Stellen Sie sich vor, Sie sind zu einer festlichen Woche bei Hofe und lauter adeligen Menschen eingeladen. Sie kennen die entsprechenden Verhaltensregeln und Protokolle nicht und können sie auch nicht nachlesen. Was auf sie zukommt ist ein großes Mysterium. Wie fühlen Sie sich dabei? Haben Sie Angst etwas falsch zu machen? Es würde mich nicht wundern! Und wie würden Sie sich dann noch fühlen wenn sie in diesem sozialen Umfeld einen für dieses Umfeld markanten Fehler machen und man sie deswegen auslacht oder als unerzogen oder gar unpassend bezeichnet?

Das ist es was auf Autisten und deren Angehörige oftmals in der ganz normalen Welt zukommt. Eine Welt voller, unbekannter und nicht nachlesbarer, Erwartungen und Regeln. Und wenn man dann ungewollt einen Fehler macht: Wird man ganz schnell isoliert und als unerzogen definiert. Und weil man von einem Vorsatz beim Brechen dieser Regeln ausgeht wird auch nicht nachgefragt. Und dann fehlt einfach das Verständnis für das warum.

Soziale Regeln und Erwartungen können eben ungewollt auch ziemlich unsozial sein.

Dieser Beitrag wurde unter Autismus Quergedacht, Inklusion abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Soziales Rüpeltum

  1. Trullafabrik schreibt:

    Danke für diesen Artikel…ich kann gar nicht sagen, wie oft ich schon diesen letzten Kommentar im ersten Absatz gehört habe…

  2. „Etwas das man sehr oft liest ist die Aussage: „Autisten sind doch unsozial!“ Das dieser Gedanke anscheinend sehr in den Hinterköpfen der Menschen verankert ist, bzw. sozial sein einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft zu haben scheint, merkt man als Autist an den Reaktionen der Umwelt auf das eigene Verhalten. Eltern von autistischen Kindern bekommen dieses „Sozial“ glaube ich noch viel mehr vorgehalten. Ich möchte gar nicht wissen wie oft sie einen „strafenden Blick“ oder gar einen Kommentar wie „Erziehen Sie mal ihr Kind!“ zu hören bekommen.“

    Das stimmt. Autisten und ihre Eltern werden auf diese unsoziale Weise behandelt. Nur dass das kaum jemand unsozial findet, sonst müssten wir nicht wieder und wieder aufklären, klären und auch streiten.
    Schüler, von den Lehrern als höchst sozial kompetent eingestuft, sind oft genau die, welche unsere Kinder in der Pause dissen. Aber diese “ sozialen“ Schüler wissen eben, wie man den Schein wahrt. Echten sozialen Beistand können hingegen auch die vermeintlich Unsozialen leisten, wenn es um die Menschen geht, mit denen sie verbunden sind.
    Sehr viele Autisten engagieren sich in SHGen, Foren, Bürgerinis, Elternräten, Betriebsräten, Parteien…..all das ist nicht ausgeschlossen.
    Es kommt eben auch darauf an, wer die Definitionsmacht hat. Wer die Regeln aufstellt.
    Großverdiener lassen sich als sozial feiern, weil sie irgend ein Projekt sponsern. Gleichzeitig zahlen sie Niedriglöhne oder produzieren z.B. Klamotten in China zu Hungerlöhnen unter gefährlichen/schädlichen Arbeitsbedingungen.
    Als unsozial wird heute jeder betitelt, der sich nicht nahtlos (und klaglos) in die Ökonomisierung unseres ganzen Lebens -von der Sandkiste über Schule zum Arbeitsleben – einfügen kann oder will.

    • Anita schreibt:

      Zitat: „Schüler, von den Lehrern als höchst sozial kompetent eingestuft, sind oft genau die, welche unsere Kinder in der Pause dissen. Aber diese ” sozialen” Schüler wissen eben, wie man den Schein wahrt.“

      Da dieses unsoziale Verhalten aber gut versteckt wird, „können“ die Erwachsenen es „oft“ nicht wahrnehmen oder wahrhaben!

      Die Ehrlichkeit bei einem Ausspruch von einem Autisten, bzw. die Wahrhaftigkeit, dass sie eben unwissentlich einen Fehler gemacht haben. wird Autisten abgesprochen.

      Irrwitziger Weise aber den „sozialen“ Menschen wird es als Fehler zugestanden.:/

      Eine verdrehte Welt, wo Lügen als Fehler / Versehen

      und

      Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit als Fehler / Provokation gilt.

  3. Catha schreibt:

    „Oftmals fehlt sogar das eigentliche Interesse an den Gesprächsinhalten. Glauben Sie nicht? Dann überlegen Sie doch mal wie oft sie an einem normalen Tag gefragt werden wie es ihnen geht und wie viele Menschen es wirklich interessiert. Eigentlich möchte nämlich keiner der diese Frage stellt die Antwort „schlecht“ hören. In der Regel ist eine solche Antwort der Small Talk Killer schlechthin. Probieren Sie es mal aus wenn sie es sich trauen!“

    Ja, es ist ganz genau so.

    Ich bin nicht autistisch, jedoch leider so krank, dass es tiels erhebliche Einschränkungen in meinem Leben bedeutet und ich mag es gar nicht ständig gefragt zu werden wie es mir denn geht, denn die Wahrheit wollen wirklich nur die wenigsten wissen.

    Eine Weile hatte ich keine Lust mehr etwas vorzulügen, irgendwelche Standardfloskeln abzulassen. Mittlerweile mache ich das wohl immer wieder, denn die Leute erwarten GENAU… DAS…

    Was ich noch nicht wieder so gut drauf habe ist die Leute zu fragen wie es ihnen geht – ich vergesse es immer wieder. Ich habe genug damit zu tun mit meiner eigenen Erkrankung klar zu kommen – gerade wenn ich unterwegs bin.

    Aber auch sonst… Und manchmal fällt es mir dann hinterher ein und ich frage dann ggf. noch nach, wohl wissend, i.d.R. sowieso nicht die Wahrheit zu erfahren.

    Hinzu kommt: wenn man stets die Wahrheit über den eigenen Zustand erzählt und sich auch mal auskotzt, geht man vielen damit irgendwann auf die Nerven, denn die Wahrheit kann niemand ertragen und es triggert auch die Hilflosigkeit der Menschen und vielleicht auch die Angst, dass es einem selbst mal so oder ähnlich ergehen könnte (das Leben ist zerbrechlich, Leben ist Risiko). Das mag natürlich niemand… – sich hilflos fühlen.

    Im Grunde ist dieses „wie geht’s dir“-Höflichkeitsgetue meist nur verlogen… – so, wie vieles in unserer Gesellschaft verlogen ist.

    Hinzu kommt, dass wirkliches man-selbst-SEIN immer weniger gefragt ist. Es geht immer mehr um die Selbstdarstellung EINER Persönlichkeit… – einer Persönlichkeit, die man für sich selbst erdacht hat oder die man als notwendig erachtet darzustellen – für andere oder um Anerkennung, Beachtung, vielleicht auch Liebe oder sonstwas zu bekommen.

    Die Menschen werden immer unechter.
    Oder: wie viele Menschen waren jemals wirklich echt und ich sehe es erst seit einer Weile, weil ich das ich-selbst-sein liebe, als befreiend und dagegen das Persönlichkeitsselbstdarstellertum als ungesund und einengend empfinde, wenn es zu einem gelebten Dauerzustand wird? Wie lange kann man sich selbst verleugnen, bis man daran zerbricht, austickt, um sich schlägt etc.?
    Oder: wechseln Menschen unbewusst vielleicht in die Persönlichkeitsselbstdarstellung, weil sie fürchten SONST zu zerbrechen, wenn sie es nicht täten?
    Oder tun sie es aus Furcht vor Nachteilen in unserer tollen Gesellschaft?

    Blöd ist nur, dass alles, was man verdrängt, wegschließt oder zu überdecken sucht, einen irgendwann wieder einholt und es beeinflusst einen stets, auch wenn man es nicht bewusst wahrnimmt.

    Einfach man selbst zu sein bedeutet natürlich auch immer wieder NICHT den Erwartungen der anderen zu entsprechen, ggf. aufzufallen und auch ggf. den Unwillen anderer zu erregen. Da reicht schon ein Kleidungsstil, der nicht der Norm entspricht. Und das nur, weil ich mich so – genau SO – wohl fühle.
    Auf der anderen Seite wird mir natürlich unterstellt auffallen zu wollen, weil das in den Augen der anderen ja nur so sein kann (stets von sich auf alle anderen schließen).

    Ja, man selbst zu sein bedeutet auch, dass sich hier und da mal Nachteile für einen einstellen können – auch, wenn man großherzig (jedoch nicht unfehlbar) und kein Egoist ist.
    Vielleicht haben Egoisten es da vielleicht sogar leichter?

    Na ja – ich bin jedenfalls für weitere Erkenntnisse offen und arbeite weiter an mir.

    • S. Ricklefs schreibt:

      Hallo Catha, da ich mich im Beitrag von Aleksander wieder mal spiegeln kann, als auch in Deinem, bewegt mich Dein langer, guter Kommentar dahin, Dir zu antworten, mit dem, was mein Leben total auf den Kopf gestellt hat, endlich ohne Probleme sein zu können, wer ich bin und auch alle Menschenfurcht komplett zu verlieren. Heut bin ich ich und mir macht es gar nichts mehr aus, wenn andere……(z. Bsp. das tun, was Aleksander beschreibt und ich in hohem Maße erlebt habe) Ich steh drüber und empfinde stattdessen Mitleid mit den anderen statt mich noch zu wundern oder zu ärgern.. und nutze stattdessen zusätzlich dieses Wissen um genau das was Du beschreibst, um denen das offensichtlich zu machen und sie möglichst auch dahin zu führen, daß sie ebenfalls sie selbst sein können.
      Denn ein Punkt ist da noch, den wir oft nicht betrachten: Neid!
      Viele Menschen sind unbewußt neidisch und sprechen Dir deshalb alles ab oder bemängeln Dich, denn sie können nicht sein, wie sie sind, zu sehr geprägt von der Umwelt und Erziehung.
      Also, was ich Dir gerne antworten wollte, um Dich zu bestätigen und zu bekräftigen:
      Schau mal auf Youtube von christianmediafund das Video „Weißt du, wer dich liebt?“
      Liebe Grüße und viel Erfolg weiterhin

      • Catha schreibt:

        @S. Ricklefs

        Hi…🙂

        Herzlichen Dank.

        Ach ja… – der Neid… – da hast du durchaus Recht.
        Ich selbst versuche Gefühle wie Hass und Neid gar nicht erst aufkommen zu lassen – insbesondere keinen Hass.
        Das Glück liegt – wie so oft – in den kleinen Dingen des Lebens. Ich horche oft in mich hinein und frage mich: BRAUCHE ich dieses und jenes wirklich für mein Glück?

        Im Grunde hat alles im Leben 2 Seiten und es liegt an einem selbst, ob man immer nur dem großen Glück hinterher jagen will und es vielleicht nie findet oder ob man sich besinnt und das Glück in den kleinen Dingen findet.

        Hinzu kommt: Glück ist ja leider so flüchtig…

        „Heut bin ich ich und mir macht es gar nichts mehr aus, wenn andere……(z. Bsp. das tun, was Aleksander beschreibt und ich in hohem Maße erlebt habe) Ich steh drüber und empfinde stattdessen Mitleid mit den anderen statt mich noch zu wundern oder zu ärgern.“

        Ja, mein Mitgefühl haben diese Menschen auch, denn sie sind ja in ihren Denk-/Verhaltensmustern gefangen und sich darüber oft nicht einmal bewusst.
        Ich schaffte es bisher noch nicht den Schmerz, die Selbstverleugnung, auch die Verzweiflung, das Uneins sein mit sich selbst, das ich leider immer wieder bei anderen sehr deutlich spüre, für mich konsequent unfühlbar werden zu lassen.
        Immer wieder ist es leider so intensiv, dass ich es nicht lange aushalten kann und sehen muss, dass ich weg komme, weil es unerträglich wird – insbesondere, wenn es zu viele Menschen auf einmal sind, bei denen ich es fühle.
        Es ist ja nicht nur so, dass diese Menschen das ausstrahlen, sondern sie schädigen sich oft dazu ja noch selbst – in vielfältigster Form.

        Es gibt Menschen, die vordergründig immer schön positiv denken (in der übertriebenen Form auch eine Variante nicht zu sehen was IST – ich bin dann natürlich die Negativ-Tante, weil ich nicht ausblenden will was IST), stets lächeln und doch kann man fühlen dass etwas nicht stimmt, denn es scheint, als ob sie ihren Körper systematisch zugrunde richten, weil sie keine Rücksicht auf ihn nehmen, ärztliche Behandlungen immer wieder schieben. Sicher passiert das auch aus Furcht und Verdrängung.
        Aber warum hört man dann sich zuliebe nicht wenigstens mit dem Rauchen auf oder mit anderen körperschädlichen Handlungen?
        Nur mal als Beispiel…

        Bei mir selbst bin ich auch noch nicht sicher, ob ich bereits alle selbstschädigenden Mechanismen überwunden habe. Bei mir kam einiges zusammen, dazu meine Erkrankung. Mir ist aber egal was da noch alles hochkommen könnte, denn nur was mir bewusst wird kann ich bearbeiten. EMDR (s. Wikipedia) war da bisher sehr hilfreich.

        „und nutze stattdessen zusätzlich dieses Wissen um genau das was Du beschreibst, um denen das offensichtlich zu machen und sie möglichst auch dahin zu führen, daß sie ebenfalls sie selbst sein können.“

        Ja, das mache ich hier und da auch. Um mich da intensiver reinzuhängen fehlt mir aber die Kraft.
        Hinzu kommt ja, dass Menschen, die sich in so einem Zustand befinden, komplett oder auch nur partiell mit Scheuklappen herumlaufen. Ich dränge mich dann sowieso nicht auf.

        Gewisse Dinge wahrzunehmen wie sie sind würde zu viel Schmerz bedeuten, vielleicht besteht sogar die Furcht, dass Tatsachen und Fakten, die verzweifelt auszublenden versucht werden, sie in den Abgrund reißen könnten.
        Daher wehren diese Menschen sich dann mit Händen und Füßen gegen jeglichen Input von Außen, der die selbst erstellte „Lebensblase“ ins Wanken bringen oder gar zerstören könnte.

        Jeder Mensch hat ja auch das Recht seine eigenen Fehler zu machen und vielleicht MUSS ein Mensch ja auch seine Fehler machen, weil er es anders nicht schafft einen speziellen Lernprozess zu aktivieren.
        Manche Menschen beGREIFEN erst, wenn es für sie GREIFbar wird, nachdem sie den Fehler machten.
        Im Grunde hoffe ich dann nur, dass diesen Menschen vorher bewusst wird, auf was sie sich da zubewegen und sie den oder die Fehler nicht machen müssen, die Konsequenzen nicht zu hart werden oder sie den fatalen Weg nicht bis zu Ende gehen müssen, um beGREIFEN zu können.

        Ja, es ist schon hart, wenn Illusionen zerplatzen und ich bin sicher nicht frei von Illusionen. Aber ich hoffe sie bei mir alle zu entdecken und aufzulösen – eine nach der anderen. Parallel arbeite ich daran die Gelassenheit und Ruhe zu haben, um aushalten zu können was IST, arbeite daran stets im Hier und Jetzt zu sein.

        Leider greifen ja viele zu Drogen, Alkohol, Medikamenten oder begeben sich immer wieder in digitale Illusionen (second life) um überhaupt aushalten zu können was IST bzw., weil sie das was IST nicht aushalten können.
        Ich bin jedoch nicht der Mensch dafür, Zeit genug Spiele zu spielen hätte ich, ich mag aber nicht… – gar nicht. Dazu kein Alk, keine Drogen etc.
        Zudem gibt es genug Beispiele die Zeigen, dass sowas i.d.R. früher oder später in den Abgrund führt. Nein, danke.
        Alkohol und Drogen sind wohl nur sinnvoll, wenn man Suizid auf Raten will. Eine unschöne Variante aus dem Leben zu gehen… – wie die meisten Varianten.

        Mir bleibt letztlich nur, das alles ganz bewusst auszuhalten und das ist durchaus nicht mal so eben, denn man sieht nicht nur den eigenen Mist, sondern auch den ganzen Mist der anderen und den Mist dieser Welt.
        Nur machen kann ich nicht viel, um an Veränderungen mitzuwirken (dauerhaft Schmerzen + Erschöpfung).

        Zum Glück bin ich ja nicht die einzige, die Sehend wurde/ist. Das ist ein gewisser Trost – wenn es wohl auch nicht soo viele sind – und so hoffe ich auf das Wirken der anderen Sehenden da draußen.

        An mir selbst kann aber nur ich alleine arbeiten und ich hoffe, dass ich immer offen genug für Input von außen bin.

        Liebe Grüße

        Catha

        • S. Ricklefs schreibt:

          Catha – ich brauche eigentlich kein einziges Wort hinzufügen und könnte andererseits Tausende noch machen.
          Hier haben sich zwei gefunden!! Die Länge des Textes, die Art und Weise, Inhalt…. könnte alles von mir sein. (Dauerhaft Schmerzen u. Erschöpfung, bei mir Fibromyalgie🙂
          Habe aber den Sinn dahinter erkannt und arbeite dran – im Grunde was Du da beschreibst – bis man beGREIFT..
          Kann hier nicht alles so wiedergeben, würde genauso lang wie Dein Kommentar, aber es ist ja Aleksanders Blog, mit eigentlich seinem Thema, wo wir privat von abkommen würden.
          Auf alle Fälle weiß ich schon seit dem ersten Kommentar, warum ich Dir das Vid vorschlug, jetzt finde ich es umso mehr bestätigt, Dir den Tipp gegeben zu haben..
          Ja, sei mal offen für den Input von außen.🙂
          Du ähnelst mir sehr, mit allem was Du so schreibst. Sehr, sehr , sehr!!
          Wen Du willst, können wir privat weiterschreiben/chatten.
          Du findest mich auf Youtube oder Google+ als S. Ricklefs (Profilbild ein Fisch im Sand), auch wenn Du hier im Blog bei meiner Antwort auf meinen Namen klickst.

          Herzliche Grüße

  4. dassiliel schreibt:

    Axel Brauns schrieb mal (sinngemäß), Autisten seien Meister darin, in jedes Fettnäpfchen zu treten, das ihnen vom Leben vorgesetzt wird.
    Was soll ich sagen? Es stimmt. Ich habe desöfteren das Gefühl, dass ich, gerade was soziale Regeln betrifft, nur gesagt bekomme, was ich falsch mache und mir daraus schließen soll, wie es richtig geht. Das Problem ist, dass sehr viele Menschen hier das „Nicht können“ mit dem „Nicht wollen“ verwechseln.

  5. Dorena schreibt:

    Das kenne ich nur zu gut. Danke.

  6. Dorena schreibt:

    Nun stellt sich mir eine neue Frage : Wie weit verwechsle ich selber nicht – wollen und nicht – Können ? Auch bedenkenswert…Gruss Dorena

    • S. Ricklefs schreibt:

      Ich glaube hier überschneiden sich „Nicht Können und Nicht Wollen“ aufgrund unserer Ehrichkeit, welches doch die Ursache für unsere Fettnäpfchen sind.
      So denke ich.
      Grüße auch von mir

  7. Mikey schreibt:

    Guter Artikel.
    Jedoch ein Einwand: Da „sozial“ vom Lateinischen abstammt, muss es korrekter Weise auch immer „asozial“ heißen, wenn man das Gegenteil davon meint, da das Präfix „a“ im Lateinischen i.d.R. „weg“ oder „entfernt von einer Sache“ bedeutet. Das Präfix „un“ ist hingegen rein germanischen Ursprungs und bedeutet letztendlich nur, dass man das Gegenteil von einer Sache meint.
    Diese willkürliche Vermischung dieser Präfixa empfinde ich persönlich für sehr verwirrend und unlogisch.
    Es gibt aber viele Worte im Deutschen, die das z.T: sogar noch auf die Spitze treiben. Öfters wird ein germanisches Präfix vor einem lateinischen Präfix gesetzt, wie bei „unkonventionell“.
    Dabei bedeutet „con“ soviel wie „zusammen“ und „ventionell“ soviel wie „gehend“. Demnach „konventionell“ also „zusammen gehend“. Dieses daran angehängte „un“ impliziert dann folgendes: „nicht zusammen gehend“. An sich ist das ja korrekt, aber es wäre logischer, das Präfix „con“ durch ein anderes lateinische Präfix zu ersetzen, anstatt noch ein weiteres germanisches Präfix voran zu setzen, um das auszusagen, was man aussagen will. Das Gegenteil von „konventionell“ wäre demnach „deventionell“, ähnlich wie man eben auch von „soziativ“ und „dissoziativ“ oder „real“ und „disreal“ oder „Sonanz“ und „Dissonanz“ oder „Harmonie“ und „Disharmonie“ spricht.
    Man sagt ja auch „konstruktiv“, wenn man eine Sache (Struktur) auf einander auf- und zusammenbaut, aber „destruktiv“, wenn man eine Sache (Struktur) auseinander nimmt.
    Genau genommen müsste man auch von „dissozial“ sprechen, wenn man das Gegenteil von „sozial“ meint, da „asozial“ nur vermittelt, dass man vom „Gemeinsamen“ sich entfernt, also davon weg geht, aber sich nicht zwangsläufig nicht gemeinschaftlich verhält. Dissoziales Verhalten wäre demnach jedes Verhalten, dass direkt das Gegenteil von sozialem Verhalten ist.
    Auch „Asoziale“ verhalten sich sozial, in dem sich sie als Gruppe zusammenfinden bzw. einen Zustand gemeinsam haben. Sie gehen also vom gegenwärtigen Sozialen (Gemeinschaft der Masse) weg, um letztendlich eine neue Gemeinschaft zu bilden. Somit sind sie nicht dissozial bzw. nicht unsozial.

    Mich irritiert das also sehr, dass moderne Sprache so chaotisch und willkürlich aus verschiedenen alten Sprachen zusammengesetzt wird.

    Dazu werde ich aber bei Zeiten in meinem Blog, welcher sich allgemein mit Unlogik und seltsamem Verhalten der Menschen befasst, einen neuen Artikel verfassen.

    • quergedachtes schreibt:

      Hallo,

      danke für Deinen Hinweis und Einwand. Ich habe hier bewusst „unsozial“ anstelle von „asozial“ gewählt.
      Unsozial zeigt im allgemeinen Sprachgebrauch das etwas nicht sozial ist. „Asozial“ hingegen wird als angreifend und abwertend empfunden. Und genau diesen Unterton wollte ich in diesem Blogpost nicht provozieren. Auch nicht unbewusst.

      Es ist daher dem allgemeinen Sprachverständnis geschuldet, dass ich hier – zurecht von Dir kritisiert- sprachlich unsauber gearbeitet habe.

      Grüße

      Aleksander

  8. renée schreibt:

    Hallo,

    ich lese seit einiger Zeit die für mich sehr informativen und interessanten Artikel – und Kommentare natürlich – welche mir einen Einblick in das Thema „Leben als Autist“ gegeben haben.
    Einige Sachen kenne ich von mir selber, ob Autismus auf mich jedoch zutrifft ist fraglich.

    Zum Thema Sozialverhalten oder welches Verhalten als sozial oder unsozial zu gelten hat, habe ich wohl eine dem „Mainstream“ ziemlich entgegengesetzte Meinung. Als Beispiel: ich arbeite in einer Reha-Werkstatt, und 2 meiner Kollegen sind ziemlich „typische“ Autisten. Ich empfinde ihr Verhalten als ausgesprochen sozial – also ICH empfinde es so. Es ist so toll, sie fragen mich nicht, was ich am Wochenende gemacht habe, sie versuchen keine Intrigenspielchen, sie quatschen mich nicht permanent mit irgendwelchem Blödsinn an, sie suchen keinen Streit, sie versuchen nicht ständig Aufmerksamkeit zu erregen etc.

    All die Probleme, die man mit den ach so „sozialen“ NTs hat, fallen hier weg. Und ich muss nicht lange erraten, was sie mir „zwischen den Zeilen durch die Blume“ erzählen wollen, da sie entweder ziemlich genau sagen, was sie sagen wollen, oder eben gar nichts sagen. Da ich einen sprichwörtlichen „Wink mit dem Zaunpfahl“ immer erst mitbekomme, wenn man ihn mir quasi auf den Kopf haut, ist die eindeutige Kommunikation mit diesen beiden Kollegen für mich sehr entspannt.

    Nun ja, nach längerer Übung „kann“ ich zwar „small talk“, bei manchen Themen macht es sogar Spass, aber insgesamt könnte ich auch drauf verzichten, da mir die Notwendigkeit dafür fehlt. Ich finde es unsozial, wenn man diejenigen als unsozial abstempelt, welche sich in dieser „Gruppenzwangsjacke“ nicht wohlfühlen und an diesen ganzen Spielchen nicht teilnehmen wollen oder können.

    Auf jeden Fall finde ich diese Webseite klasse, vielleicht sollte ich sie mal weiterempfehlen.

    cu
    renée

    • Sabine Ricklefs schreibt:

      Du mußt ein Autist sein🙂
      Scherz beiseite, danke für die Blumen – wurde mal Zeit auch so etwas zu hören und Dir sei gesagt, daß Du da schon auch eine besonder Einstellung hast.
      Mach was draus, ja, empfehle die Autisten ruhig weiter – können wir gut gebrauchen.. ich denke da ganz besonders an die Kinder, damit Anderssein nicht mehr als Behinderung nur dargestellt wird, wo „Pädagogen“ den Überblick haben.
      Ich habe erlebt, daß ein autistisches Kind, welches jahrelang motorische Einschränkungen hatte, endlich beim Vogelschiessen in der Schule sogar den 1. Platz bekam und König wurde, um dann auf dem Schulhof vor versammelter Mannschaft aller Lehrer und Eltern offiziell gesagt zu bekommen, daß er die Geschenke nicht bekäme, wenn er weiterhin die Krone nicht aufsetzen wolle – selbst als I-Kind nachsitzen mußte und nicht Zuhause ankam, ich es aus der Stunde einfach rausgeholt habe mit großem Entsetzen des Lehrers, nur weil es mit seinem Radiergummi gespielt hat, wo Autisten ständig was zwischen den Fingern brauchen und zudem es die ersten Schuljahre sind, wo alle Kinder noch klein sind und….- trotz Wissens um die Probleme mit Buntstiften, weil sie das Kratzen nicht ertrugen, trotzdem keine Filzstifte nehmen durften und trotz Planes zwei Jahre darum gekämpft werden mußte!! – negative Äusserungen dem Kind gegenüber gebracht wurden, wenn es zu lange überlegte, dabei war es nur genau in Details, ob es nicht wisse wieviele oder welche Lampen man Zuhause hätte, in sehr!! negativer Haltung und vieles mehr habe ich erlebt! Ein einziger Kampf!
      In Schule und in der Gesellschaft!
      Das aber schon spricht für sich, wir werden in Normen hineingepresst als Kinder, sonst….!!!
      Dann müssen wir dem ewigen Druck standhalten so zu sein, wie man erwartet und wissen nicht mal wie, weil wir anders denken und die „Normalität“ nicht verstehen..
      Mach bitte Werbung für Autisten und ja auch für diesen Block, ich selbst bin schon dabei. Es ergibt sich einfach von selbst, wenn man etwas gut findet, spricht man darüber, nicht wahr?
      Ja, dieser Blog ist anders als andere Blogs über Autismus, das ist wohl wahr.

      LG

  9. artur schreibt:

    „Ich denke man kann eines schon ganz gut erkennen: Soziales Verhalten ist einerseits extrem komplex und nicht immer klar definiert. Zum anderen betrifft die Problematik, da auch mal rauszufallen, jeden Menschen. __Autismus macht da keinen Unterschied, er macht es uns Autisten nur manchmal noch etwas schwerer.__“

    Hallo Aleksander,
    könntest du bitte einmal näher erläutern wieso es Autisten aus deiner Sicht schwerer haben sich erwartetes soziales Verhalten anzueignen und wiederzugeben?
    Ich will nicht die Tatsache bestreiten dass es so ist, aber du lieferst in deinem Artikel keine Begründung, nur die Aussage dass es so ist und wie die Auswirkungen sind, nicht die Ursachen.
    Vielen Dank

    • quergedachtes schreibt:

      Hallo Artur,

      die Ursachen sind recht komplex. Genauer gesagt: So komplex wie die Gesellschaft ansich ist. Es spielen viele Faktoren eine Rolle warum Autisten beim sozialen Verhalten Probleme haben.
      Ein Beispiel ist das wörtliche Verstehen. In der heutigen Gesellschaft ist es üblich das ständig mit Redewendungen gespielt wird. Dinge die man, wenn man sie wörtlich versteht, eben nicht so versteht wie sie gemeint sind. Oder Ironie als weiteres Beispiel. Es fällt vielen Autisten schwer eben diese zu erkennen.
      Stolperfallen gibt es viele. Über die stolpern natürlich auch Nichtautisten, aber Autisten eben noch ein wenig häufiger.

      Grüße

      Aleksander

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