Über das Gefühl zu Schweigen

Bei frühkindlichem Autismus, und das grenzt ihn von Asperger Autismus ab, ist die Sprachentwicklung verzögert. So kommt es, dass autistische Kinder häufig  erst sehr spät oder sehr selten überhaupt nicht anfangen zu sprechen. Es gibt auch viele Fälle, bei denen erste erlernte Sprache schlagartig  zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr aufhört. Die Kinder schweigen. Eine Belastung für viele Angehörige wenn man bedenkt, dass Sprache doch etwas sehr elementares und auch Normales in unserer Gesellschaft ist. Ich möchte sogar so weit gehen, dass Sprache in unserer Gesellschaft als DAS Mittel der Kommunikation gesehen wird. Alle anderen Formen der Kommunikation treten hierbei schnell in den Hintergrund. Vielleicht auch deswegen sind schweigende Kinder ein als schrecklich empfundenes und nicht erklärbares Mysterium. Es entsteht dadurch auch der Eindruck, dass Autisten in einer eigenen Welt leben. Einer Welt ohne Sprache und Kommunikation. Viele mit Mutismus diagnostizierte Kinder sprechen im Laufe des Lebens früher oder später doch irgendwann. Nur warum schweigen Sie? Ich kann dabei nur von mir selbst ausgehen und versuchen anhand einiger Beispiele aus meinem Leben zu erklären warum Schweigen manchmal unumgänglich sein kann.

Wenn Schweigen schützt

Es gibt Situationen im Leben da möchte ich einfach nicht mehr sprechen. Nicht etwa weil ich es mir verkneifen möchte weil mir etwas rausrutschen könnte was ich so nicht sagen will. Es ist auch keine Strafe für Menschen die mir in dem Moment gefühlsmäßig oder räumlich nahe stehen. Leider empfinden viele dies so. Wieder ein Anzeichen dafür, dass Schweigen bzw. fehlende verbale Kommunikation mit anderen Menschen nicht in die heutige Zeit passt. Aber zurück zu den Gründen. Wenn ich anfange zu schweigen, sind das oftmals Situationen die mich entweder extrem belasten oder überfordern. Sei es das in meinem Leben etwas massiv schief läuft und ich mir in dem Moment nicht zu helfen weiß. Oder emotional sehr belastende Situationen wenn Menschen in mein Leben eindringen und es von außen fremdbestimmen möchten. Ich brauchte sehr lange bis ich das verstanden habe, aber mein Körper und meine Seele schützen sich in diesem Moment selbst. Ich Kapsel mich von der Außenwelt, die mich in dem Moment so stark belastet, ab und falle, etwas überspitzt ausgedrückt, in eine Art Trauer. In dieser Trauer bin ich nicht in der Lage zu sprechen, ich verbleibe aber sehr wohl in der Umwelt und meiner Umgebung und bekomme auch alles mit. Ich nehme nur nicht mehr aktiv an dieser Umwelt teil. Ich brauche dieses Schweigen um die jeweilige Situation zu verarbeiten und für mich zu klären. Jedes Wort würde mich zu viel Energie kosten, Energie die ich in diesem Moment nicht habe. Auch wenn es vielleicht paradox klingen mag, selbst wenn ich etwas sagen wollte könnte ich es nicht. Das sind oftmals auch die Momente in denen ich nur tief durchatme. Menschen die mich gut kennen erkennen dann schon was mit mir los ist. Bedenkt man nun, dass Autisten mehr oder weniger oft unter sensorischen und emotionalen Überlastungszuständen leiden können, ist der Gedanke das Schweigen den Autisten schützt und ihm einen Rückzug ermöglicht sicher nicht ganz von der Hand zu weisen.

Schweigen ist wie beruhigendes Streicheln

Schweigen kann aber auch etwas unheimlich beruhigendes haben. Es gibt Momente in denen möchte ich einfach nicht sprechen. Momente in denen ich mir Ruhe wünsche. Das sind auch Momente in denen ich es genieße das Schweigen so manches Mal wie Balsam für meine Seele ist. Schweigen entschleunigt die Welt, reduziert die sensorischen Einwirkungen auf mich und macht das Leben so manches Mal zu etwas besonders Schönem. Es wird in der heutigen Zeit so viel gesprochen, möglichst schnell, möglichst knapp. Sprache an sich fungiert oftmals nur noch als Kommunikationsmedium das recht gering geschätzt wird. Wie schnell sagt man etwas, dass man so inhaltlich eigentlich gar nicht ausdrücken möchte? Man denke hier nur an Schmeicheleien und Small Talk. Sprache und Worte verkommen zu fast leeren Hülsen und werden zu einem Werkzeug der Kommunikation. Das mag nun alles sehr abstrakt klingen, aber jedes Mal wenn ich mehrere Stunden oder sogar Tage nicht gesprochen habe, fange ich an Worte zu schätzen. Ich gehe sehr viel bewusster und sparsamer mit Sprache um. Eigentlich ein tolles Gefühl. Eines das mich beruhigt, erdet und mir und meiner Seele auf sehr angenehme Art und Weise schmeichelt. Der sehr angenehme Nebeneffekt vom Schweigen ist folgender: Es trainiert die Menschen mit denen wir leben darauf, auch auf andere Arten der Kommunikation zu achten und sie wahrzunehmen. Denn: Wenn man Schweigt, bedeutet das nicht, dass man nichts zu sagen hat oder nichts sagt! Man eröffnet sich nur andere Wege der Kommunikation. Etwas das einer Partnerschaft sehr gut tun kann! Ich könnte auch sage: Man lernt sich blind zu verstehen!

Sensible Kommunikation

Letztendlich kann ich natürlich nur von mir sprechen und versuchen ein Gespür dafür zu vermitteln aus welchen Gründen Autisten und Mutisten nicht sprechen. Die eigentlichen Gründe sind in meinen Augen jedoch nur am Rande wichtig. Natürlich helfen sie zu verstehen warum jemand schweigt und was die momentane Ursache dafür sein könnte. Wichtiger ist mir jedoch folgendes:

Schweigen ist keine Strafe für andere Menschen. Natürlich kann man Menschen damit bestrafen, beim Mutismus dürfte das aber definitiv keine Rolle spielen. Gleiches gilt für die Annahme, dass Menschen die Schweigen in einer eigenen oder anderen Welt leben. Dass es keine, oftmals zusätzlich auch als sinnvoll bezeichnete, Kommunikation gibt. Das ist falsch. Wenn Sie einen mutistischen oder autistischen Menschen verstehen möchten: Aktivieren Sie ihre Sinne! Lösen sie sich aus der von der heutigen Lebensweise vorgegebenen Kommunikation und entwickeln sie eine sensible Antenne dafür was Kommunikation sein und bedeuten kann.

Wenn Blicke Bände sprechen, man die An- oder Entspannung des Körpers bemerkt, auf Art und den Rhythmus des Atems achtet und sich über ein Lächeln unheimlich freut. Ja dann wird man merken das Sprache nur ein kleiner Teil dessen ist wie Menschen Gefühle ausdrücken. Sprache ist nur einer der vielen Wege der Kommunikation.

Dieser Beitrag wurde unter Autismus Quergedacht, Wahrnehmung abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

29 Antworten zu Über das Gefühl zu Schweigen

  1. Vi schreibt:

    ein wunderschöner text! ich kann nur bestätigen, alles, was ich von autisten lernen durfte, haben sie mir schweigend offenbart. wenn worte kamen, dann wie ein ’sahnehäupchen‘ immer erst zum schluss🙂 kommunikation mit autisten ist mehr wie ein ganzes orchester an kommunikationsmöglichleiten, dessen musikalische möglichkeiten ausgeschöpft werden. und alle instrumente in dieser kommunikation sind klarer und eindeutiger als es sprache je sein könnte. wahrzunehmen haben mich meine autistischen freunden gelehrt und damit mein leben für immer verändert. sie haben mein leben reicher gemacht und mich wissender. :))

    • S. Ricklefs schreibt:

      Danke für Deine Worte, die sensible Worte waren oder sind, keine leeren Hülsen und der Sprache ihren Ausdruck verliehen habe und wirklich kommunizieren – im Zusammenhang mit dem Beitrag von Quergedachtes will ich das gerne betonen, weil es sooooo gut paßt!
      In diesem Fall waren Deine Worte ein beruhigendes Streicheln – Danke !!

  2. lnmyschkin schreibt:

    Mir ist Schweigen auch wichtig. Danke für den Text.

  3. Sabine schreibt:

    Hallo Querdenker,
    danke für diesen schönen Text. „Schweigen ist wie beruhigendes Streicheln“ ja, dem stimme ich absolut zu.

  4. S. Ricklefs schreibt:

    Als ich Deinen Text las, Schweigen ist beruhigendes Streicheln, wurde mir ein weiterer Punkt deutlich, der im Grunde denselbsen Ursprung hat, wie alle anderen Verhaltensweisen von uns Autisten..
    Autisten sind u. a. sehr sensible, ehrliche Menschen und gehen mit allem ziemlich sensibel und achtsam um. Es ist ihre Natur.
    Schauen wir auf das Thema Unterhaltung, so wissen wir schon lange, daß uns genau deshalb die Smalltalks und Schmeicheleien, die leeren Hülsen, wie Du sagst, nicht liegen.
    Das Schweigen bekräftigt dieses nur, dachte ich so bei mir plötzlich. wir reden eben nicht einfach daher… Für uns ist die Sprache eine Art der Kommunikation, die angewandt wird, wenn sie wichtig ist, notwendig ist, etwas ausdrücken will, das wozu sie auch da ist!!
    Wie Du es sagst, wir gehen bewußter und achtsamer mit Worten um.
    Du hast wieder mal einen sehr guten, hilfreichen Text geschrieben – Ich danke Dir❤

  5. Sugus schreibt:

    Guten Tag Zusammen
    Diese Schweigen über Tage ja sogar Wochen ist für nicht Autisten sehr unerträglich. Wie soll man damit umgehen???

    • quergedachtes schreibt:

      Hallo,

      das ist pauschal sicher schwer zu beantworten. Letztendlich kann und muss man es akzeptieren auch wenn es einem selbst sehr unangenehm ist.
      Letztendlich kann man sich selbst diese Situation nur erträglicher gestalten wenn man weiß, dass dieses Schweigen keine Bestrafung sondern ein Bedürfnis des betreffenden Menschen ist.
      Nicht zu letzt mein Hinweis:

      Es gibt sehr viel weitere Möglichkeiten außerhalb der verbalen Kommunikation. Wenn man sich die Zeit nimmt und sich selbst für Kommunikation sensibilisiert wird man auch andere Wege finden den Autisten oder Mutisten zu erreichen.

      Etwas das einen Menschen auch außerhalb der Thematik Autismus bereichern kann.

      Grüße

      Aleksander

  6. Pivo schreibt:

    Es gibt ein tolles Buch über Schweigen und Kommunikation und Sprache für Kinder. Es nennt sich „die Wörterfabrik“. Ich mag die Idee sehr, dass man seine Wort wieder schätzen lernt und nicht unendlich viel „plappern“ kann. Ist mir beim lesen des Beitrages eingefallen.

    Beste Grüße
    Pivo

  7. Mikey schreibt:

    Ich kenne verschiedene Phasen und Formen des Mitteilens und In-Sich-Lebens:
    Formen:
    1. Direkte Kommunikation:
    1.1 Sprechen
    1.2 Schreiben
    1.3 Bewusster Einsatz von Gestik/Mimik
    2. Indirekte Kommunikation:
    2.1 Schweigen
    2.2 Unbewusste Gestik/Mimik
    2.3 Künstlerisch tätig sein (Musik, Zeichnen, etc.)
    2.4 Arbeiten (z.B. an einer Software)
    3. Keine Kommunikation:
    3.1 Absolutes Stillschweigen (Isolation)
    3.2 Wachträumen
    3.3 Informationsaufnahme (z.B. Lesen)

    Phasen:
    01: Überhaupt nicht sprechen, wenn andere bei einem sind. In Gedanken sein.
    02: Überhaupt nicht sprechen, wenn andere bei einem sind, aber dennoch zuhören/lauschen.
    03: Überhaupt nicht sprechen, aber mit Gestik/Mimik interagieren.
    04: Bis zu 99% nur zuhören/Informationen aufnehmen, dann erst einen präzisen/prägnanten Satz zum Thema einbringen.
    05: Zu 95% bis 100% alles einem anderen sagen, was man zu einer Sache weiß. (Monologe)
    06: Selbst mit realen Personen zu 100% nur schriftlich kommunizieren.
    07: Nebenbei mit wenigen Personen schriftlich kommunizieren, sonst anderes (stilles/schweigsames) tätigen.
    08: Weder schreiben, noch reden, noch gestikulieren, sondern nur an einer Arbeit/Obsession hängen (Musik, Kunst, Programmierung, etc.)
    09: Nichts tun, außer Informationen aufnehmen (z.B. Lesen)
    10: Nichts tun, außer in sich selbst über etwas (nach)denken.
    11: Nichts tun, außer Meditieren, Wachträumen, etc.
    12: Nichts tun.

    All das habe ich selbst schon mehr oder weniger intensiv gemacht. Manches mache ich täglich, manches nur wöchentlich oder monatlich ein paar mal, und manches nur alle 1-2 Jahre, dafür aber über 3-10 Wochen hinweg sehr intensiv.
    Nichts alles davon kann ich wirklich bewusst steuern, vieles kommt sogar oft erst nur nach/durch diverse/n Situationen/Belastung auf. Vor allem die Stille suche ich in der letzten Zeit deutlich intensiver als vor 10 Jahren noch. Generell verlagerte sich auch meine Kommunikation von mündlich immer mehr in Richtung schriftlich, wobei aber davor ein Wandel von schriftlich zu mündlich stattgefunden hat.

    Alles wandelt sich, auch bei Autisten, wie ich sehr vermute.

    • Sugus schreibt:

      Ich Danke Euch für die Infos. Habe dies „schweigen“ immer als Strafe aufgenommen und sehr darunter gelitten. Jetzt sehe ich das anderst. Wie ist das bei Euch mit dem Essen und trinken in der „Schweigezeit“? Wird das einfach vergessen?

      • Sabine schreibt:

        Hallo Sugus,
        schweigen und Essen sind verschiedene Dinge. Ich esse ganz normal.
        Könnte aber sein, wenn ich nicht alleine wäre, dass ich dafür sorgen würde, alleine essen zu können. Wäre das problematisch, würde ich diesem Problem ausweichen und auch mal lieber nichts essen.
        Ich kann aber lediglich von mir schreiben, das ist also nicht allgemeingültig.
        Viele Grüße
        Sabine

      • S. Ricklefs schreibt:

        Hallo Sugus,
        da muß ich doch laut loslachen, aber vermutlich meinst Du es ernst?!
        Also ich esse und trinke auch in meiner Schweigezeit, aber wenn ich so darüber nachdenke – es kommt wohl darauf an, was gerade die Gründe der Schweigezeit sind.
        Wenn in dieser Phase Wichtiges in einem geschieht, dann mag man auch nicht essen und trinken, ist zu beschäftigt mit dem was man verarbeitet oder dem man nachgeht, gedanklich oder tatkräftig..
        Wieso, ist das nicht „normal“? Haben das Nicht-Autisten nicht?
        Wenn ich da weiter überlege, ok, andere unterbrechen ihre Tätigkeit um zu essen, ich esse erst, wenn ich nicht mehr eingebunden bin in meine Interessen, könnte also nicht der Norm entsprechen.
        Also, weiß nicht, wen Du da so um Dich hast, mit dem Du Deine Sorgen hast, mach‘ Dir keine!! Ein Autist lebt gut mit sich selber, ist glücklich und zufrieden und kriegt nur dann Probleme, wenn es um das Nichtverstehen anderer geht, wenn die Anderen einen drängen, zu etwas hin bewegen möchten, meinen…
        Ein Autist holt sich Essen und Trinken, wie alles andere, wenn er es braucht!
        Stelle Dir einfach einen Menschen vor, der Dir gar nicht so unähnlich ist, sondern nur alles anders handhabt.
        Wie soll man das erklären? Wir fühlen, wir lieben, wir lachen und trauern, wir reden, wir schweigen, wir … wie alle anderen auch, nur daß wir es differenziert sehen und deshalb nicht über alles lachen können oder weinen oder ständig Gefühle zeigen müssen oder dies oder das. Es ist einfach wie eine andere Einstellung zu haben über alles, als Nicht-Autisten. Und die Gefühle sind eben auch differenzierter.
        Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich auf alles antworte was man mich fragt und ebenso auch andere Autisten, die ich kenne.
        Mach Dir keinen Kopf, frage denjenigen einfach. Aber bring es wie bei anderen Menschen auch so rüber, daß man es nicht als Vorwurf empfindet, sondern als ernsthafte Frage, um verstehen zu können, damit man mit dem anderen umgehen kann, sich selbst auch anpassen möchte nämlich, das ist wichtig für den Autisten zu wissen, sonst weiß er doch gar nicht warum Du fragst, wei für ihn ja alles „normal“ ist und sich sonst nur in die Ecke gedrängt fühlt. Er versteht doch anders herum den Nicht-Autisten gar nicht, aber würde nie denken, daß der behindert ist, sondern merkt eben einfach nur, daß ein Nicht-Autist anders ist und er da nicht mitkommt. Fühlt sich von daher schon sehr unzulänglich…
        Keine „Du“-Botschaften, sondern, wie es Dir geht., was in Dir vor sich geht – eben Kommunikation, notwendige, auf die er sich bestimmt einlassen wird, wenn er die Notwendigkeit einsieht durch Deine Erklärung über Dich selbst. Meist weiß der Autist doch gar nicht, daß der Nicht-Autist ein Problem hat mit ihm.. Verstehst Du?
        Wenn der Autist dann schweigt, dann muß er erst selbst darüber nachdenken oder ist gerade nicht in der Lage, wenn er gerade etwas anderes unterbrechen muß, dann ist er überfordert und reagiert vielleicht entsprechend gestreßt, was leicht als Mißbilligung für Nicht-Autisten rüberkommen könnte, aber nicht so gemeint ist, sondern der momentanen Überforderung entspringt, die ein Nicht-Autist nicht nachempfinden kann. Das liegt nicht an Einschränkungen eines Autisten, sondern an seiner Sensibilität in allen Bereichen, deshalb soviel Reizüberflutung.
        Mit einem Autisten hast Du es nicht mit einem Außerirdischen zu tun oder Kranken, sondern mit einem hochgradig sensiblen Menschen, der alles sehr ernst nimmt und deshalb meist auch keine Ironien versteht und in Wirklichkeit gar nicht ins Fettnäpfchen tritt, sondern das passiert nur, weil es diese Offenheit bei Nicht-Autisten selten gibt.
        Ehrlich, loyal, wie ein Kind mit normaler bis überdurchschnittlicher Intelligenz. Ja, stelle Dir ein Kind vor im Herzen des Autisten, das ist sein Charakter, obwohl er erwachsen ist und nicht blöd! Eben noch ehrlich! Der Unterschied von einem Erwachsenen zu einem Kind ist ebenso gravierend und wir könnten von den Kindern alles zurück erlernen, was wir vergessen haben, als man uns zu kleinen Erwachsenen machte, die dann so geprägt, erwachsen wurden. Ja, so ist es auch mit Autisten, genauso, würde ich sagen.
        Wenn Du etwas wirklich Wichtiges hast, werfe es sowieso niemals in den Raum, suche immer Blickkontakt mit dem Autisten und spreche ihn direkt an. Wenn mir gesagt wird und ich habe die Erfahrung auch bei anderen Autisten gemacht, „Du, ich möchte mit Dir reden, es ist wichtig“, dann hören wir auch zu und lassen uns ablenken, von unseren Dingen, wenn es gerade möglich ist, sagen aber, daß wir ansonsten darauf zurückkommen später.
        Auch Veränderungen können erreicht werden, wenn man dem Autisten den Grund erklärt und der ihn einsieht. Ein Autist ist kompromißbereit, wenn er eine Notwendigkeit zu einem Kompromiß sieht und paßt sich dann an!
        Das alles heißt im Grunde genommen nur: Du wirst immer einen Weg finden, wenn Du nicht auf Mängel und Behinderungen schaust und den Autisten somit als Kranken siehst, sondern wenn Du ihn ernstnimmst als „nur anderen Menschen“. Das ist er nämlich und nichts anderes.
        Wenn Du ihn respekierst und nicht mehr als krank siehst, weil es für die Umwelt als krank erscheint, weil es nicht der Norm entspricht, wirst Du einen Freund auch für’s Leben gefunden haben, der Dich niemals im Stich lassen wird.
        Aber sagen wollte ich, daß automatisch dann eine ganz andere Kommunikation einsetzen wird, als vorher, weil es dann zu einer Beziehuung wurde, zu einem Miteinander in aller Verschiedenartigkeit, so wie es sein soll und nicht mehr ein Außenseitertum, was skeptisch betrachtet wird.
        Denn zuvor geht es immer über den Autisten hinweg und danach, wenn man ihn ernst nimmt, denn er ist nicht krank!! nur anders und er fühlt und erlebt doch die Demütigung des Nichternstgenommenwerdens, reagiert er natürlich auch anders auf den Nicht-Autisten.
        Ich habe mal eine traurige TV Sendung gesehen, aber lehrreich, über einen Autisten. Die Sendung hieß: Lernen von Seppis Mutter.
        Dieser Autist und andere waren sehr schlimm dran. Sie waren nach außen tatsächlich behindert in Art u. Weise. Diese typischen Behinderungen, wie von einem Fuß auf den anderen wackeln. Arme in der Luft bewegen, merkwürdige Laute von sich geben, durch die Gegend zu gucken, als sei derjenige wirklich nicht mal ansprechbar.
        Die Mutter fand heraus, daß er, wenn sie seinen Arm stützte, er die Schreibmaschine benutzen konnte.
        Er verfasste Texte, die glaubst Du gar nicht. Ein hochintelligenter Mensch, den man von außen her für geistig krank ansehen konnte.!!
        Zudem beschrieb er sich selbst und was in ihm vorging. Es war, als wenn Du und ich reden und kein geistigbehinderter Mensch.
        Er beschrieb darin, daß er gefangen ist im eigenen Ich. Sein Geist war fit, aber sein Körper machte nicht mit, worunter er sehr litt selbstverständlich. Nicht zu können, wie man will – grausam!
        Versuche einmal nachzuvollziehen, wie das für Dich wäre, dann verstehst Du…
        Auch verabredete er sich über Schreibmaschine also mit einem anderen Autisten, der genauso geistig behindert wirkte, zu einem Anglertreffen. Wenn du die beiden gesehen hättest, als würden die gar keine Notiz von einander nehmen, als wären sie einfach nur krank, waren so glücklich, dort Gemeinschaft gehabt zu haben am See…Sie verabschiedeten sich auch folglich nicht, wie denn.. wenn der Körper rumspinnt, aber in ihren Herzen und in ihrem Geist, waren sie enge Freunde!
        Weißt Du, es sieht Vieles anders aus, als es in Wahrheit ist. Auch bei Menschen.
        Frage Deinen von Autismus geprägten um Dich herum. Nimm ihn an, es werden Unterschiede sich einstellen…
        Ganz herzliche Grüße
        S. Ricklefs

        • quergedachtes schreibt:

          Hallo,

          ich muss hier bei zwei Punkten mal kurz korrigierend eingreifen:

          1) Du schreibst mehrfach „Ein Autist…..“. Damit könnte der Eindruck entstehen, dass alle Autisten so sind. Das ist aber nie der Fall.

          2) „Ein Autist holt sich Essen und Trinken, wie alles andere, wenn er es braucht!“
          Siehe 1) mit folgendem Zusatz: Ein Autist kann durchaus Essen und Trinken ob anderer Dinge vergessen. Das passiert, wenn ich mich so umhöre und an Gespräche mit anderen Autisten denke, sogar recht schnell und häufig.

          Grüße

          Aleksander

        • Sugus schreibt:

          Ja, Danke Aleksander, das meinte ich, das Autisten und vielleicht auch andere einfach das Essen und Trinken über mehrere Tage vergessen können.

    • Sabine schreibt:

      Hallo Mikey,
      auch ich kommunizieren derzeit meist schriftlich, ich rede nur, wenn es unbedingt sein muss. Ich genieße diese Ruhe, wie Aleksander schrieb: „Schweigen ist wie beruhigendes Streicheln“. Das ist für mich Auszeit. Ich konnte einfach nicht mehr, sehnte mich nach Ruhe und deshalb beschloss ich, mir 2 Monate zu gönnen. Es ist wunderbar – ankommen in mir selbst.
      Viele Grüße
      Sabine

      • S. Ricklefs schreibt:

        Ich glaube, mit Deinem Text hilfst Du mir gerade:
        „Beschloss ich….“
        Das ist der Unterschied, ich muß es auch mal beschliessen und mich nicht immer wieder rausholen lassen um anschließend noch kaputter zu sein. Deshalb setzt der Körper mir wohl Grenzen, weil ich sie selbst nicht setzte.
        Bin durch gewisse Umstände z. Zt. dabei, das erlernen zu müssen und mußte folglich erstmal dahin kommen, das überhaupt zu erkennen…
        Danke
        P.S. Bist Du die Sabine aus dem anderen Beitrag, die wie ich zufällig Wochen später nochmal auf den Beitrag zurückkamen und wir uns dort trafen?
        Die Sabine, die mich über SVV aufklärte?
        LG

        • SabineP schreibt:

          Hallo S. Ricklefs,
          ja, genau die Sabine bin ich. Vielleicht sollte ich mir noch einen Zusatz einfallen lassen, damit man mich besser erkennt – z.B. SabineP.
          Ich bin freiwillig in dieser Ruhezeit seit ca. 5 Wochen, kann mir das aber momentan genehmigen, weil ich noch Rente beziehe und auch, weil ich alleine lebe und das niemanden stört.
          Ich habe 2 Minijobs, wo ich auch ganz in Ruhe arbeiten kann. Da ist niemand außer mir.
          Die Umstände pass(t)en also und so war es leicht, das zu beschließen.
          Aber denke nicht, dass ich besser bin als Du🙂 Auch ich wartete mal wieder so lange, bis eigentlich gar nichts mehr anderes ging.
          Viele Grüße und eine schöne, von Gott sehr gesegnete Auszeit…
          Sabine

  8. S. Ricklefs schreibt:

    Danke, oh ja, da hast Du vollkommen recht!
    Ich war beim Schreiben in Gedanken bei einigen die ich kenne und habe es verallgemeinert, obwohl ja, wie in anderen Bereichen auch, sich selbstverständlich ein Autist vom Anderen unterscheidet, wie Nicht-Autisten auch.
    Gut, daß Dir das gleich aufgefallen ist.
    Punkt 2 meinte ich auch so, wie Du es beschreibst..
    Grüße zurück an Dich

  9. S. Ricklefs schreibt:

    Hey, SabineP🙂
    schön, dich wieder“gefunden“ zu haben. Ich glaube auch nicht, daß es Zufall war, wir beide da Wochen später am selben Tag und ich wußte eigentlich nicht mal, warum ich da noch mal den älteren Beitrag aufrufen wollte, aber mir war so🙂
    Um auf Deinen Namenszusatz zu kommen:
    Ich habe ja auch keine eigene Website oder keinen Blog, aber ich habe festgestellt, wenn man unter dem Kommmentar, den man gerade verfaßt hat, die E-Mail Adresse und Namen einfügt und in die dritte Zeile dann meinetwegen die Kopie der URL vom google+ account oder Youtube account, dann erscheint der eigene Name im fertig moderierten Kommentar nicht schwarz, sondern blau und ist dann dementsprechend wie ein Link zum angegebenen account.
    Das habe ich nur durch Zufall festgestellt, find ich total praktisch, wenn man mit jemandem außerhalb des Blogs mal Kontakt haben möchte und dafür ist ein Link ja auch gedacht.
    Hast Du nicht auch irgendeinen account irgendwo, dann kann man Dich ja auch nicht mehr verwechseln, sobald man Deinen Namen hier anklicken würde und Dich dann auch dort kontaktieren.
    Oh ja, danke, gesegnet ist sie, aber ja immer anders, als wie wir uns Segnungen vorstellen, weil er ja weiter vorausschaut als wir und deshalb das Nicht so Schöne in dem Moment ja gar nicht als Segnung empfinden und noch eher meinen, er sei gerade gar nicht da, nicht?🙂
    Ich möchte hier aber nicht so sehr vom Thema Quergedachtes abkommen und mit Dir lieber dann woanders weiterschreiben, ist ja Aleksanders Blog, wo es sich um sein Thema eigentlich drehen sollte, verstehst Du?
    Habe neulich schon soweit ausgeholt als ich zwar zum Thema beitragen wollte, aber darüber bei Gott gelandet bin und Religionen..
    Für uns ist das ja normal und gehört überall hin, aber ja nicht für jeden, der hier auf Aleksanders Blog geht und hält es für Themenabweichung. In einem anderen Blog hatte ich mal ganz fürchterliche Angriffe deswegen, die hielten gar nicht auf, obwohl ich schon gar nicht mehr schrieb… und dann aber doch mich immer neu rechtfertigte und erklärte, bis ich den Blog verließ und auch vorzog, den Blog nicht mehr zu besuchen.
    Guck und schon ist man im privaten Austausch drin, wie jetzt, den ich vermeiden wollte und deshalb den Vorschlag machen wollte, mit der URL eines accounts.
    LG an Dich

    • Sabine Popp schreibt:

      Hallo S.Ricklefs,
      so müsste es gehen.
      Viele Grüße
      SabineP

      • S. Ricklefs schreibt:

        Hallo🙂
        bin seit ein paar Tagen offline, da akut krank geworden u. schecke gerade eigentlich nach wichtigen E-Mails.
        Für ein paar Minuten, Dir zu antworten, ist noch Kraft🙂
        Ja, so geht es, so kann ich Dich nicht mehr verwechseln, aber dennoch leider nicht korrespondieren – ich bin nicht auf facebok🙂
        LG, S. Ricklefs

        • quergedachtes schreibt:

          Wenn Ihr beide damit einverstanden seid: Ich kann da vermitteln und die hier angegebenen Emailadressen dem jeweilig anderen zuschicken. Das mache ich aber nur wenn BEIDE das ausdrücklich möchten.

        • S. Ricklefs schreibt:

          🙂 Danke!! Quergedachtes
          Das ist eine gute Idee. Ich bin einverstanden, Du kannst SabineP meine e-mail Adresse geben, sollte sie Dir auch schreiben, daß sie einen Austausch möchte.
          Aber sie oder andere, können mich auch erreichen, wenn Bedarf besteht, wenn sie meinen Namen anklicken, dann landen sie auf Youtube, wäre also nicht unbedingt notwendig.
          Mit meiner Antwort an SabineP wollte ich ihr sagen, warum ich mich dort bei ihr nicht melde..
          Vielleicht hat sie es ja auch nur so gemacht, damit sie nicht mehr verwechselt werden kann.
          Aber das finde ich wirklich nett von Dir – toll!!
          LG

        • SabineP schreibt:

          Hallo S.Ricklefs,
          ich wünsche Dir gute Besserung. Gott segne Dich. Ich bete für Dich.
          Viele Grüße
          SabineP

  10. Mikey schreibt:

    Also was das Essen anbelangt, habe ich schon große Probleme. Mir wurde sogar Magersucht unterstellt, wobei ich das aber nicht habe.
    Das Problem beim Essen ist selten die „Schweigezeit“, sondern der Stress und die Hektik im Alltag. Wenn man 300% soviel wie Normalos leisten muss und am Ende völlig kaputt ist, kann man einfach nicht mehr essen.
    Hinzu kommt, dass eine große Mahlzeit noch träger und müder macht als man eh schon ohnehin durch die ganze Reizflut ist und bei mir zusätzlich noch das Reiz-Darm-Syndrom begünstigt.
    Deshalb kommt es oft vor, dass ich nur essen kann, wenn ich Ruhe und Zeit habe, z.B. in der Mittagspause. In der Früh esse ich nichts mehr, wegen dem Reiz-Darm-Syndrom und weil mir übel wird, wenn ich in Hektik bin und Essen muss.
    Mittags hingegen brauche ich oft ein Nickerchen, weshalb ich auch dann nicht immer was essen kann. Letztendlich bleibt nur noch der Abend, um mal richtig was zu essen.
    Hinzu kommen noch plötzliche Tagesstrukturänderungen, in welchen ich dann meine gewohnte Essstruktur nicht mehr einbauen kann.

    Es gibt also viele Faktoren, die das Essen behindern, aber das ist definitiv nicht die „Schweigezeit“. Folge des ganzen ist, dass ich heute z.B. nur einen HotDog und eine Wienerwurst zwischen durch aß.

    Allgemein denke ich, dass man als Autist auch beim Essen Strukturen braucht. Wenn diese wegfallen, kann eben auch das Essverhalten sehr gestört werden.

    Ich hatte z.B. immer eine 4-Stunden-Regel. Alle 4 Stunden brauchte ich etwas zum Essen. Aß ich früher, fühlte ich mich übersättigt und konnte den Rest des Tages gar nichts mehr essen. Aß ich später, verging oft der Hunger und ich aß nichts oder ich kann nicht mehr so viel wie nötig essen.

    Diese Regel ist und war für mich also sehr wichtig, aber ich konnte sie immer schlechter einhalten. Dazu trugen z.B. Essverbote im Unterricht bei, aber auch neue Lebenssituationen, in denen ich mich selbst ums Essen kümmern sollte.

    Ich bin nicht faul, sondern nur überfordert damit an einem Tag sich um alles zu kümmern. Wenn man um 17 Uhr völlig KO und überreizt nach Hause kommt, dann geht eben nichts mehr.

    Ich kämpfe zwar sehr dafür immer mehr zu schaffen, aber wenn ich es damit übertreibe, gerate ich nur in eine Depression oder Burnout und dann geht erst recht nichts mehr.

    Allgemein kann man bei mir zumindest sagen, wenn ich stark abnehme, kaum noch was esse und kaum noch Ordnung halten kann, was ich alles eigentlich sehr gut, teilweise sogar nahezu perfekt kann, dann ist das immer ein Zeichen dafür, überfordert mit der ganzen Welt und ihren Reizen zu sein. Dann brauche ich Ruhe und schweige eben auch deutlich mehr.

    Nur das versteht die Umwelt, die Mitmenschen kaum oder gar nicht. Dann kommen Argumente wie: „Du kannst doch problemlos die Sache A. Warum kannst du dann nicht die Sache B?“
    So bin ich z.B. extrem ordnungsbewusst und präzise bis pedantisch. Bei mir in meinem Zimmer ist alles an seinem Platz und nummeriert. Dafür wurde ich sogar bewundert. Aber wenn es darum geht, mein eigenes Leben in der Außenwelt zu organisieren, bin ich alles andere als recht gut. Warum kann ich als X, aber Y nicht, obwohl das im Prinzip das selbe ist?

    Pauschal gesagt, mein Kopf tickt einfach anders. Ich kann extrem viel und sehr schnell aufnehmen, aber nur, wenn es sich um eine Sache handelt. Wenn es viel parallele Dinge sind, brennt mein Prozessor im Kopf durch. Ich kann in einem begrenzten Rahmen perfekte Ordnung halten, aber sobald ich überall Ordnung halten muss, kann ich nirgendswo mehr Ordnung halten.

    Ich kann also nur den Fokus auf eine Sache über längere Zeit hinweg richten, alles andere drum herum muss automatisiert ablaufen, also ich darf darüber nicht nachdenken müssen. Das mit dem Fokus ist wohl auch ganz normal und menschlich, nur ist das bei mir extremer ausgebildet. Das so zu machen, wie andere, führt bei mir daher immer zu Überforderung.

    Aber ich muss vieles so machen, wie andere, sprich allein an einem Tag höchst flexible sein und zwischen sehr vielen Dingen hin und her switchen können. Zuerst also noch intensiv eine Rechenaufgabe lösen wollen, aber abrupt dann plötzlich sich mit Kulturwissenschaft beschäftigen müssen. Das macht aber mein Kopf nicht mit. Machte der noch nie.

    Ich vermute mal, die Konsequenz daraus war eben, dass ich meine penible Ordnung aufgab und viele Interessen und sogar Grundbedürfnisse wie das Essen. Sprich, entweder ich esse jetzt, oder ich arbeite non-stop durch, um alle Anforderungen und Erwartungen an mich noch erfüllen zu können.

    Aber das funktioniert so auch nicht. Ich kämpfe immer noch mit der selben Sache, wie vor über 10 Jahren schon.
    Das einzige was sich geändert hat, dass ich nur noch im Jetzt lebe, und nahezu spontan irgendwie versuche alles zu machen. Das funktioniert zwar noch, aber anstatt 300% Leistung erfordert das sicherlich 500% Leistung. Meine Energie geht also immer schneller in den Keller und erholt sich immer schlechter.

    Ich denke, dass ist auch die Ursache dafür, dass ich eben auch kaum noch spreche. Sprechen kostet auch Energie, also schweige ich lieber, um diese einzusparen. Sich um Essen kümmern, kostet auch Energie, also kümmere ich mich nur noch minimalst darum. Usw. eben. Alles, was nicht so wichtig erscheint, lasse ich sein, um mich nur noch auf das fokusieren zu können, was man von mir erwartet und verlangt.

    Aber so funktioniert das auch nicht ewig. Also bleibt mir die Wahl, entweder sich auf das zu fokusieren, was von einem erwartet wird und hoffen, dass mit den ganzen Erfolgen in der Berufs- und Ausbilungswelt alles leichter und besser werden würde, oder ich gebe es endgültig auf noch in dieser Welt zurechtkommen zu wollen/müssen und lebe von Hartz IV.

    Die Krux an der Sache ist, dass ich multi-begabt bin, also ein wahres Multitalent. Ich kann alles. Ich muss mich nur dafür interessieren, es studieren und einüben. Das geht bei mir aber recht fix, wenn ich mich nur auf diese eine Sache konzentrieren muss. Oft denke ich mir einfach nur, „Gebt mir 8 Wochen Zeit und Ruhe und ich kann diese Sache X so wie es ausreichend ist.“

    Aber so tickt die Welt eben nicht. In der Schule hat man auf ein Jahr gerechnet jede Woche an die 10 Fächer oder gar mehr noch, die man erlernen muss, im Studium scheint das wohl jetzt weniger zu sein mit etwa 4-5 Fächern, die aber alle viel näher zusammen liegen als in der Schule noch.

    Zusammengefasst heißt es letztendlich nur, dass mein Kopf projekt- und lösungsorientiert tickt. Wenn ich ein Problem habe, dann nehme ich mir solange Zeit dafür bis es gelöst ist. erst danach gehe ich ein neues Projekt – also ein anderes Problem oder Aufgabe – an.

    Jetzt hoffe ich nur, dass mich das Studium etwas entlasten wird, und ich nebenbei eben noch all das, was ich nun schon 5 Jahre aufschieben musste, endlich abschließen können werde.

    Ich vermute aber, dass es darauf hinausläuft, dass ich erstmal meine Hilfsbereitschaft aufgeben muss, sprich keinem mehr helfe, der mich um Hilfe fragt, da ich eben auch sehr viel kann. Des weiteren muss ich wohl auch die Kommunikation aufgeben, denn diese kostet zuviel Zeit. Allgemein habe ich so und so schon aufgegeben, alles nochmal Korrektur zu lesen, weil ich Fehler hasse. Aber ich versuche damit zu leben.

    Letztendlich ist für mich das Leben wie ein nie endender Marathonlauf. Ich weiß, ich darf nie zum Stillstand kommen, sonst habe ich verloren. Daher lege ich alle Energie auf die Beine, die mich vorantragen, und vergesse den Rest meines Körpers. Nur so gelingt und gelang es mir wohl über einige Umwege und Stolperer zu den gesellschaftlich erwarteten Zielen zu kommen. Glücklich bin ich aber nicht und gut ist das auch nicht, weil das nichts anderes ist, als seinen Körper auszubeuten.

    Woran erkennt man Ausbeutung am Besten? Eben, am Gewicht. Wenn der Kopf fast immer 50% und mehr des gesamten Energiebedarfs des Körpers braucht, zeitgleich aber kaum noch Energie zugeführt wird, zeigt sich das eben auch am Körpergewicht.

    Ich kann alles, ich bin hochintelligent, scheitere aber als erstes an den banalsten Dingen und nachfolgend kann ich überhaupt nichts mehr. Hatte also schon viele Depressionen und Komplettzusammenbrüche (sind wohl diese „Meltdowns“). Aber meine größte Stärke ist es, nie aufzugeben.

    Eine Asperger-Autistin sagte mir mal, dass ich viel besser und weiter als viele andere Autisten sei. Vielen geht es also deutlich schlechter als mir im Leben. Damit hat sie auch recht.
    Ich denke, dass liegt aber nur daran, dass ich einerseits hoch intelligent bin UND einen starken Willen und eine starke Ausdauer habe. Wie gesagt, ich gebe nie auf, auch wenn ich tief falle. Zusätzlich habe ich die Grundeinstellung, alles einfach zu machen, auch wenn ich zuvor noch nie was von einer Sache gehört habe. Ich mache es einfach. Ich vertraue darauf, dass mein Kopf schon eine logische und analytisch bedachte Lösung für eine völlig neue Sache finden wird.

    Also einfach machen, motiviert bleiben, auch wenn man nicht mehr kann.

    Dieses WE werde ich jemanden hypnotisieren, auch wenn ich das noch nie gemacht habe, und zzudem nun auch mal als Automechaniker tätig werden, was ich auch nie gemacht habe. Was kann dabei schon passieren? Entweder ich scheitere und/oder gerate in einen „Overload“ oder „Meltdown“ oder ich lerne wieder etwas neues und bestätige erneut, dass ich alles kann, wenn ich es nur will und nicht aufgebe.

    Aber ich muss da noch anmerken, dass ich wohl jeder Norm nicht entspreche, aber auch der Sachen, dass man als Autist stereotyp sei und Spezialinteressen habe. Ich bin stereotyp und habe oder hatte Spezialinteressen, ich bin sehr obsessiv, aber ich durchbreche immer wieder das ganze und mache einfach alles, was man von mir erwartet oder mich interessiert. Ich denke, das ist der große Unterschied bei mir. Ich sage nie, „Ich kann das nicht“, sondern ich sage stets, „Ich versuche es einfach mal“. Woher soll man ja auch wissen, ob man etwas kann oder nicht, wenn man es nie versucht hatte?

    Ich mach’s einfach. Das ist meine innere Einstellung, meine kindliche Neugier.

    Damit verschwinden zwar meine autistischen Wesenszüge/Eigenschaften nicht, aber ich erweitere meine Möglichkeiten und Fähigkeiten.

    Früher war es für mich z.B. die Hölle Referate zu tragen, vor 3 Jahren beschloss ich aber, dass ich mich davor nicht mehr verstecken/drücken will, sondern mich der Sache stelle. 3 Jahre lang hielt ich in nahezu jedem Schulfach 2 mal pro Jahr ein Referat. Also ca. 20 Referate pro Jahr.
    Zuvor im Gymnasium hatte ich oft nur Noten zwischen 6-4, das letzte Referat an der FOS absolvierte ich mit einer 1+, also 15 Punkten. Besser geht es nicht.

    Ich stellte mich dem Problem und mit viel Übung habe ich etwas erreicht, was vor 10 Jahren noch unmöglich für mich war. Ich sagte mir selbst einfach nur, dass ich das jetzt machen und können will und gab mir viel Mühe dafür. Das hat sich nun gelohnt. Vorträge vor einer Masse machen mir nun keine Probleme mehr, im Gegenteil, ich kann selbst die Prüfer so gut überzeugen, dass es für die Bestnote ausreichte. Daran will ich aber noch feilen, damit ich noch besser werde. Daher beschäftige ich mich auch immer wieder mit Psychologie. Die nächsten Vorträge von mir werden also auch noch die Psychologie der Menschen berücksichtigen. Sprich extrem gute Einleitung (für den ersten Eindruck) und extrem gutes Ende (für das, was bei den Zuhörern hängen bleiben soll).

    Sicherlich ticke ich auch bei solchen Referaten noch ganz anders im Kopf, habe auch noch dieses „vom Band sprechen“ in mir, aber durch viel Übung und Motivation (Wille) unterscheidet sich meine Art das zu machen im Ergebnis nicht mehr von dem, wie es andere machen. Ich gehe sogar soweit, Witze einzubauen, obwohl ich selbst kaum Witze verstehen kann und selbst kaum witzig bin. Ich setze Gelerntes um. Ich lernte über viele Jahre, was bei anderen zum Lachen führt, und setze das mehr und mehr bewusst um.

    Andere Sache ist, dass ich nie gerne telefonierte. Mag ich heute auch noch nicht wirklich. Aber mit Hilfe eines guten Freundes schaffte ich es, dass ich am Tag teilweise bis zu 4 Stunden oder gar länger noch am Stück telefonieren kann. Früher undenkbar, heute für mich schon fast Alltag.

    Einzige Bedingung dafür ist letztendlich nur der Wille. Wer etwas will, wird zwar nie alles schaffen können, aber deutlich mehr schaffen als wenn er es gar nicht will.

    Den Autismus wird man zwar nie damit los, aber die Lebensqualität und -freude steigt, wenn man nun Dinge kann, die man zuvor nicht konnte. Meine Kopflastigkeit im Denken werde ich wohl nie los, genauso wie ich wohl nie mit viel thema-unterschiedlichen Input klar kommen werde, aber vieles von allem ist erlernbar; man muss sich nur trauen und es auch wollen.

    Motivation ist der Schlüssel zu sehr vielem. Daher: „Einfach machen“.

    • S. Ricklefs schreibt:

      Hallo Mikey,
      wenn ich Deinen letzten langen Beitrag, bzw. Kommentar lese, sorge ich mich wirklich, weil Dein langer Text mir persönlich Deine Not zeigt und Du in ihm bewußt oder unbewußt nach Hilfe rufst, auch wenn so manch ein Autist es eben gewohnt ist, seine eigenen Lösungen zu suchen, wie Du es darin auch beschreibst; meines Erachtens nach aber weil man keine andere sieht oder weiß! Und ich deshalb wieder einmal gaaaaaaaaaaaanz viel zu sagen hättte dazu, mit meinem Helfersyndrom, wobei ích aber immer nur das erzähle, was ich selbst erlebt habe und durchgekommen bin und eben wie und wordurch. Das aber gehört vielleicht nicht so auf diesen Blog zum Beitrag von Aleksander, wie ich bereits schon in einer anderen Antwort erwähnte.
      Würde es Dir aber gerne vermitteln, weil ich weiß, wovon Du schreibst und ich weiß, was mir geholfen hat.
      Im Falle, daß Du es wissen möchtest, gehe mal zurück in den September-Beitrag von Aleksander „Wenn Druck hilflos macht“.
      Dort habe ich zwei ebenso laaaange Texte wie Du und ich weiß, es ist DIE Hilfe für jedes Problem u. jeden Bereich.
      Ich wünsche Dir alles Liebe,
      S. Ricklefs

  11. Pingback: Über das Gefühl zu Schweigen - Neurofeedback Netzwerk

  12. sabrinastolzenberg schreibt:

    Hallo Aleksander, danke für Deinen Blog. Ich habe in vielem meinen Sohn wiedererkannt und kann manches jetzt nochmal besser nachvollziehen🙂

  13. Sasunne schreibt:

    Hallo an alle,
    ich bin sehr froh, diesen Blog gefunden zu haben und auch sehr dankbar, für alle Kommentare hier. Meine kleine Schwester ist frühkindliche Autistin und spricht seit ihren 3. Lebensjahr kaum mehr. Für meine Familie waren viele Jahre eine unglaubliche Zerreisprobe (die mich persönlich als Jugendliche in die Magersucht getrieben hat, da ich mit gewissen „Thearpien“ die meine Schwester bekam überhaupt nicht zurecht gekommen bin). Als meine Schwester im frühen Jugendalter war, kam sie in ein spezielles Heim für (frühkindlich) autistische Kinder und Jugendliche und ist dort regelrecht aufgeblüht, weil sie dort so sein konnte wie sie ist. Gesprochen hat sie auch dort nicht mehr, aber sie wirkte fast immer sehr glücklich und zufrieden. Aus diesem Grund war es auch nie so wirklich schlimm für uns Außenstehende, dass sie recht stumm geblieben ist.
    Nun musste das Heim aus Platzgründen Anfang dieses Jahres umziehen, da alle Bewohner nun erwachsen sind und es auch immer mehr geworden sind. Etwa vier Monate nach diesem Umzug ging es meiner Schwester deutlich schlechter und es verschlechtert sich nur weiterhin. Sie isst und trinkt kaum mehr und „läuft nur rum“ , ist massiv unruhig, sitzt kaum mehr und schläft sehr wenig. Sie ist deswegen schon ein paar mal zusammengebrochen / umgekippt. Wie wissen alle absolut nicht mehr weiter. Was das mit dem „nicht essen“ auf sich hat, kann ich nun ein klein wenig verstehen, aber ob es bei meiner Schwester ähnliche Gründe hat kann natürlich keiner wissen. Und woher dieser Bewegungsdrang kommt, ist uns Außenstehenden ein absolutes Rätsel. Jetzt, in dieser Zeit ist es unglaublich schwer, dass sie nicht redet. Irgendetwas stimmt nicht, irgendetwas macht sie unglücklich. Aber niemand weiß was es ist. Und wir sind schon alle Möglichkeiten durchgegangen. Ich wünsche mir sehr, sie würde uns sagen, was los ist.

    Es tut mir ein wenig leid, dass ich hier jetzt einen so langen Text geschrieben habe. Aber ich hoffe, dass ich hierdurch meine Schwester vielleicht ein klein wenig besser verstehen lernen kann.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s