Ein Gespräch über Autismus, die eigene Welt und Hoffnung

Zora: Über Autismus gibt es sehr viele Meinungen. Ich bin jetzt mal ein wenig provokant:

Lebst du in deiner eigenen Welt?

Aleksander: Leben wir nicht alle in einer eigenen Welt? Jeder nimmt seine Umwelt anders wahr und streng genommen sieht dann auch jeder die Realität mit anderen Augen. Ergo: Jeder lebt in seiner eigenen Welt.

Gerade die Wahrnehmung von Autisten ist ja ein ganz elementarer Punkt wenn man über Autismus redet. Sie ist vor allem der Schlüssel zum Verständnis von Autisten. Wenn ich aber davon ausgehe was wohl mit „anderer Welt“ gemeint ist: Nein. Autisten leben in der gleichen Welt wie alle anderen Menschen auch. Leider wird bei nicht-sprechenden Autisten schnell davon ausgegangen das sie keinen Zugang zu „dieser“ Welt hier haben weil sie nicht offenkundig mit der Außenwelt kommunizieren. Aber das ist Falsch. Es wird oft vergessen das Kommunikation immer etwas mit Senden und Empfangen zu tun hat. Und bloß weil ein Autist auf den ersten (!)Blick nicht sendet heisst das im Umkehrschluss nicht das er nicht empfängt.

Zora: Du hast mir einmal erzählt, dass du erst vor wenigen Jahren diagnostiziert wurdest. Wie kam es überhaupt dazu?

Aleksander: Ich war lange auf der Suche was mit mir nicht stimmt. Etwas war anders, das spürte ich. Was genau wusste ich aber nicht. Über das Thema Hochsensibilität bin ich dann auf Autismus gestossen. Ab da fing es an das mein Leben irgendwie passte und erklärbar wurde. Ich habe dann noch lange gebraucht bis ich mich dazu entschlossen habe eine Diagnostik zu machen. Für Erwachsene ist das, zumindest in Deutschland, auch nicht so leicht. Ein paar Emails, viele Fragebögen und 6 Monate Wartezeit auf einen Termin später hatte ich dann die Klarheit dass ich Autist bin.

Zora: Was hat sich dadurch für Dich verändert?

Aleksander: Sehr viel. So wie die Diagnose im ersten Moment erleichternd für mich wahr….so tief war der Fall danach. Ich hatte Angst vor der Zukunft. Finde ich einen Arbeitsplatz? Wird mir die Diagnose Wege verbauen usw. usw. usw. Letztendlich zwang mich aber genau dieses Tief dazu mich mit meinem Autismus auseinander zu setzen und ihn zu verstehen. Ein Prozess der lange gedauert hat und in dessen Rahmen auch mein Blog entstanden ist. Den je mehr ich über meinen Weg meinen Autismus zu verstehen schrieb umso mehr bekam ich das Feedback das eben genau dieser Weg und das was ich dabei erlebe für andere Menschen unheimlich wichtig und hilfreich sein kann.

Zora: Wie zeigt sich der Autismus für Dich?

Aleksander: Diagnostisch gesehen decke ich wohl, mit Ausnahme der Sprachverzögerung, die komplette Bandbreite der Kriterien ab. Zum einen bin ich, wie viele Autisten auch, sensorisch sehr empfindlich. Gerüche und Geräusche nehme ich verstärkt wahr. Das führt dann dazu, um mal ein Praxisbeispiel zu bringen, das es mir die Teilhabe am öffentlichen Leben schwer. Bei Kulturdingen wird sich oft eingeduftet, ich bekomme da Atemnot und Beklemmungen. Im öffentlichen Nah und Fernverkehr ist es ähnlich. Dazu kommen die Gespräche in meinem Umfeld. Das belastet sehr. Durch die Reizfilterschwäche die den Autismus ausmacht ist es für mich sehr schwer in die Öffentlichkeit zu gehen. Es belastet. Wenn es mir sowieso nicht gut geht lande ich dann schnell in einer Überlastungssituation. Aber auch wenn ich etwas unternehme was mir Spaß macht merke ich oftmals hinterher das ich sehr erschöpft bin. Ich kann dann z.B. nach einem 2tägigen Goldschmiedekurs eine ganze Woche außer Gefecht sein.

Zora: Du sprachst von Überlastungssituation. Was ist dabei gemeint? Wie sieht das aus?

Aleksander: Das kann ich vielleicht anhand zweier Bilder gut erklären. Zum einen existiert im Gehirn ein Reizfilter. Dieser lässt nur bestimmte Sinnesreize in das Bewusstsein des Menschen durch. Also Sinnesreize die wichtig oder bedrohlich sind. Man kann noch so vertieft in etwas sein, wenn hinter einem geschossen wird oder man einen Tiger brüllen hört ist die Aufmerksamkeit sofort dort. Ein singender Vogel hingegen wird den einen vielleicht erfreuen, der andere nimmt ihn nicht wahr weil er unwichtig ist.

Und genau dieser Reizfilter ist bei Autisten sehr viel durchlässiger. Es kommen in unserem Bewusstsein also wesentlich mehr Reize und Impulse an. Ein Autist muss dann, sehr einfach ausgedrückt, jeden Reiz bewusst einsortieren. Ist er eine Gefahr? Ist er harmlos? Ist es was interessantes? Und eben dieses Bewusste bearbeiten oder abarbeiten dieser Reize kostet viel Kraft.

Stellt man sich dann jeden Sinnesreiz als einen Wassertropfen und das Gehirn als einen Behälter vor wird klar: Irgendwann werden die Reize zuviel. Das geht übrigens jedem Menschen so. Also auch Nichtautisten können in solche Überlastungszustände kommen, das wird nur sehr viel seltener geschehen.

Wenn man jetzt an das erste Bild zurückdenkt: Gefahr spielt hier eine große Rolle. So kommt es, dass für das Bewusstsein diese Masse an ungefilterten Reizen eine Gefahr darstellt. Alleine schon weil man durch das Bewusste abarbeiten der Sinnesreize in Verzug kommt und es ja sein könnte das eine tatsächliche Bedrohung zu spät erkannt wird. Folge ist: Die Sinne laufen noch mehr auf Hochtouren, man nimmt noch mehr wahr. Der Streßpegel steigt erheblich. Auf die Spitze getrieben bedeutet das dann, dass man aus der Situation nur noch flüchten möchte. In jedem Fall sind solche Situationen auch lange im Nachhinein noch sehr belastend und erschöpfend.

Zora: Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Was machst du, damit du damit umgehen kannst? Wie gestaltest du also deinen Alltag?

Aleksander: Augen zu und durch? Spaß beiseite: Es ist schwer und hängt immer von meiner jeweiligen Tagesform ab. Wenn es mir gut geht kann ich recht gut kompensieren. Das bedeutet: Die Sinnesreize machen mir nicht so stark zu schaffen. Man könnte auch sagen: Mein Reizfilter funktioniert einfach ein kleines bisschen besser. Dementsprechend kann ich an solchen Tagen auch einiges erledigen. Wenn es mir nicht so gut geht sieht das dann so aus, dass Einkaufen gehen oder ein Telefonat führen schon sehr belastend und anstrengend sein können. Mehr als dreißig Jahre ohne Diagnose und das Wissen um meinen Autismus und ein nicht unerheblicher Anpassungsdruck von Außen haben schon dazu geführt das ich so manches Mal über meine Kräfte gehe und Situationen die ich eigentlich meiden würde durchstehe weil ich es muss. Letztendlich ist das aber kein Erfolg sondern ein Rückschlag da ich danach umso länger erschöpft bin. Kurz gesagt: Ich muss sehr gut mit meinen Kräften haushalten.

Zora: Das klingt alles sehr logisch. Das heisst aber auch, dass du kein Eigenbrötler bist. Was hältst du davon, dass in der Schweiz Politiker andere Politiker als „politische Autisten“ bezeichnen?

Aleksander: Was ist ein Eigenbrötler eigentlich genau? Hab das nie so richtig verstanden😦

Wenn Autismus verbal zum Diskreditieren oder herabsetzen einer anderen Person genutzt wird ist das in meinen Augen ein Armutszeugnis. Geht man nach dem Duden ist die Verwendung sogar oftmals „sprachlich“ Korrekt. Betrachtet man aber die Realität von Autisten ist es ein Schlag ins Gesicht. Zum einen weil die Wortverwendung nichts mit Autismus zu tun hat, zum anderen weil man als Autist, durch das was implizit gemeint ist, selbst kriminalisiert, herabgewürdigt und beleidigt wird. Oftmals kommt Autismus ja als Begrifflichkeit für Engstirnigkeit oder gar Selbstsucht ins Spiel. Und das ist einfach für jeden Autisten verletzend.

Zora: Wenn man in der Schweiz Medienschaffende oder Politiker darauf anspricht, wie sie „Autist“ verwenden, kriegt man zu hören, der Sinn des Wortes drücke doch aus, dass jemand egoistisch oder selbstbezogen lebt und keine Rücksicht auf andere nimmt.
Was hältst du davon?

Aleksander: Kurz gesagt: Nichts. Zum einen weil es Autisten nicht gerecht wird. Zum anderen: Solche Wortbedeutungen beruhen auf falschen Rückschlüssen von Menschen. Sie sehen einen Autisten, der in sich gekehrt ist und vielleicht nicht verbal kommuniziert. Er lebt dann, quasi automatisch, in seiner eigenen Welt. Und wer in einer eigenen abgegrenzten Welt lebt schaut nicht über seinen Horizont hinaus. Damit ist er egoistisch und rücksichtslos. Wie man sieht: eine Kette von Annahmen die schneller gemacht werden als man das Gegenteil beweisen kann:/

Zora: Gibt es etwas, was du uns ans Herz legen möchtest?

Aleksander: Zum einen denke ich: Versuchen Sie die Welt mal mit den Augen eines Autisten zu sehen. Seien Sie achtsam für die Sinnesreize der Umgebung und öffnen sie ihr Bild von Kommunikation. Es gibt viele Wege auf denen Autisten kommunizieren können, Sprache ist nicht immer der goldene Weg.

Und ganz wichtig: Bleiben Sie neugierig und Fragen Sie. Es gibt soviel über Autismus zu lernen und zu erfahren.

Zora: Lieber Aleksander, vielen lieben Dank für dieses Gespräch!

Dieses Interview wurde am 28.11.2013 im Rahmen der Lernbörse der Stiftung Friedheim Weinfelden geführt.

Zora Debrunner ist Schweizerin und bloggt auf mehreren Seiten über Themen wie Fernsehen, Pflegethemen, Feminismus und Demenz.

Aleksander Knauerhase kommt aus Deutschland. Er bloggt auf der Seite „Quergedachtes“, studiert Informationswissenschaften, Schwerpunkt Bibliothekswesen  und hat 2012 die Auszeichnung „Goldener Blogger des Jahres 2012“ in der Sparte Newcomer erhalten –  und er ist Autist.

Mehr über die Veranstaltung gibt es demnächst in einem eigenen Blogpost.

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4 Antworten zu Ein Gespräch über Autismus, die eigene Welt und Hoffnung

  1. Anita schreibt:

    Danke!

  2. Vi schreibt:

    Super Interview!!!! Danke euch beiden🙂

  3. rutzel schreibt:

    Reblogged this on wortwurm.

  4. Pingback: Über Autismus, die eigene Welt und Hoffnung | Das Miteinander lernen

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