Das traurige Märchen vom glücklichen Stinkstiefel

Es war einmal… ein kleiner junger Mann. Er lebte mit seiner Familie in einem Land das auf der Welt als Vorbildland bekannt ist. In Vorbildland scheint die Sonne, kleinen Menschen wird Bildung mitgegeben und eigentlich könnte man es an keinem anderen Ort besser haben. Und wenn jemand mal anders ist als alle anderen macht das nichts. In Vorbildland gibt es für Alles eine Lösung.

Aber zurück zu unserem kleinen Mann. Auch er ist anders, er ist Autist. Und hier beginnt das Problem des kleinen Mannes. Er sieht die Welt mit anderen Augen, kommuniziert auf die Weise die er kennt und bemerkt sicher Dinge um ihn herum die andere Menschen einfach nicht wahrnehmen. Kurz und knapp gesagt: der kleine Mann passt einfach nicht in die genormte Welt von Vorbildland. Und so kommt es das man ihn bald nur noch unter dem Namen Stinkstiefel kannte.

Stinkstiefel überfordert seine Eltern. Sie wissen nicht wie sie mit ihm umgehen sollen. Er ist eigen, sie akzeptieren ihn, aber sie haben Probleme ihn zu verstehen. Die Welt von Stinkstiefel ist sehr eigen, und viele Menschen in Vorbildland können diese Welt weder sehen noch verstehen.

Weil in diesem Land alle Kinder ein Recht auf Bildung haben geht auch Stinkstiefel in eine Schule. Eine ganz besondere Schule. Eine Schule in der man sich um kleine Stinkstiefel, Gummibälle und auch Sanduhren kümmert. All die Kinder mit diesen Namen finden hier einen Zugang zur Bildung. Aber weil es eben so viele unterschiedliche Kinder mit besonderen Namen gibt können auch die Lehrer nicht alles wissen. Sie machen das Beste aus der Situation. Und für unseren Stinkstiefel gibt es auch noch eine besondere Hilfe: Vorbildland hat so etwas wie „Stinkstiefelunterstützer“ und schickt ihm einen solchen. Solche Unterstützer sollen helfen, dass die Stinkstiefel dieses Landes sich besser zurecht finden und einen möglichst normalen Alltag leben können.

Nun wäre unser kleiner Mann kein Stinkstiefel wenn er nicht schon mindestens für jeden Finger seiner rechten Hand einen solchen Stinkstiefelunterstützer vergrault hätte. Was wohl auch daran lag, dass die Unterstützer eben nicht nur Stinkstiefeln helfen sondern auch den Sanduhren und Gummibällen. Und so kam es wie es kommen musste: Stinkstiefel fühlte sich nicht verstanden, die Unterstützer waren mit ihrem Wissen am Ende und gaben auf. Alle? Nein. Es gibt einen Unterstützer der sich nicht klein kriegen lässt. Er versucht unseren Stinkstiefel zu verstehen und mit ein bisschen Achtsamkeit gelingt es ihm auch aus dem Stinkstiefel ein Stinkschühchen zu machen. Unser kleiner Mann blüht auf, sucht Kontakt zu seinem Unterstützer und fühlt sich besser verstanden. Aber auch unser Unterstützer kann eben nicht zaubern. So kommt es eben doch dazu, dass aus dem Stinkeschühchen wieder ein Stinkstiefel wird und keiner ihn versteht. Das wiederum macht den kleinen Mann wütend. So wütend das er sich nicht so verhält wie man es in Vorbildland erwartet. Und das alles nur weil man ihn nicht versteht. Und verstanden werden wollen wir doch alle, oder?

So kommt es wie es kommen muss: In Vorbildland wird eine Lösung gesucht. Weil man den kleinen Mann nicht versteht und er für Vorbildlandverhältnisse zu anders ist muss er von der Schule gehen. Er macht seinen Lehrern und den anderen kleinen Menschen Angst. Sie sind überfordert. Eine Lösung für unseren kleinen Mann und Stinkstiefel ist gefunden: Man möchte ihn in ein Haus bringen wo man besonders auf kleine Stinkstiefel aufpasst. Er soll eine neue Heimat bekommen, ein neues zu Hause das es extra für die „besonders anderen“ in Vorbildland gibt. Ein Ort wo man ihn hoffentlich besser versteht und an dem er andere Menschen die sich um ihn kümmern sollen nicht überfordert. Nun ist in Vorbildland Zeit sehr kostbar. Da man im Gegenzug aber auch keinen Goldesel in diesen Häusern stehen hat ist die Lage sehr angespannt. Es gibt einfach zu wenige Menschen die sich um Stinkstiefel und andere kleine Menschen in Vorbildland kümmern können. Menschen gäbe es vielleicht sogar genug, aber da der Goldesel fehlt bekommen diese nur wenige Goldstücke am Ende des Monats ausbezahlt. Und schließlich ist auch nicht jeder dafür geboren sich um Stinkstiefel zu kümmern.

Was passiert aber nun mit unserem kleinen Mann wenn ihn solche Häuser nicht aufnehmen können? Oder ein Problem mit Stinkstiefeln haben? Oder schlicht und einfach unseren kleinen Mann nicht verstehen?

Dann bleibt in Vorbildland leider nur noch eine Lösung: Für solche kleinen und großen Menschen gibt es noch ganz besondere Häuser. Die Häuser für die „außergewöhnlich anderen“ die sonst keiner haben möchte. Hier kümmern sich dann weiß gekleidete Menschen um unsere Stinkstiefel. Und wer meint dass man hier besonders gut verstanden wird der irrt leider. In den Häusern für „außergewöhnlich andere“ hat man noch weniger Zeit. Und zum Glück gibt es in Vorbildland kleine Zaubertränke und ganz besondere Süßigkeiten. Die sind so lecker das aus einem kleinen Stinkstiefel im Nu ein glücklicher außergewöhnlich anderer Mensch wird. Damit er aber auch regelmäßig den Zaubertrank trinkt und glücklich bleibt muss unser kleiner Mann in diesem Haus wahrscheinlich nun den Rest seines Lebens bleiben. Denn nun ist er so außergewöhnlich anders, das Vorbildland unserem kleinen Mann wahrscheinlich wie ein anderer Planet vorkommt. Ein Planet für den es für jeden eine Lösung gibt, der aber nicht jeden auch versteht.

Was man in Vorbildland leider schnell übersieht: Es gibt oftmals nicht nur eine Lösung. Was wäre wenn es Menschen gäbe die Stinkstiefel verstehen? Und was wäre wenn diese Menschen den anderen zeigen könnten die ganzen kleinen Stinkstiefel, Gummibälle und Sanduhren besser zu verstehen? Verständnis ist der beste Zaubertrank fürs Glücklich sein. Das Schöne dabei ist: Dieser Zaubertrank macht auch Menschen glücklich die nicht „anders“ sind. Und das ganz oft auch ohne Häuser für „außergewöhnlich andere“ Menschen in Vorbildland.

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11 Antworten zu Das traurige Märchen vom glücklichen Stinkstiefel

  1. Dorena schreibt:

    Stinkstiefel verstehen ist sicher das eine und manchmal schwer genung,aber Stinkstiefel aushalten auf lange Dauer……….wer kann das ? Sinkstiefel wissen meistens, dass sie für andere in bestimmten Situationen schwer zu ertragen sind. Aber eine Lösung finden, fällt ihnen ebenso schwer wie den anderen und so ziehen sie,die Stinkstiefel, sich oft zurück und werden kontaktscheu,konfliktscheu…….und schliesslich einsam.

    Grüssele Dorena

  2. Marie Reuter schreibt:

    Hallo Aleksander,
    ich lese inzwischen alle deine geschriebenen Texte, und ich finde alle sehr interessant, doch dieser ist meiner Meinung nach noch interessanter und lässt die Leute wirklich mal nachdenken.Super!

    Liebe Grüße
    Marie🙂

    PS. Die Hausarbeit ist dank deiner Hilfe schonmal gut angekommen😉

  3. unicorn1963 schreibt:

    Eigentlich lese ich deine Texte immer gerne, Aber heute diesen Text habe ich noch viel leiber gelesen, finde ihn sehr gut!!🙂

    Gruß

    unicorn😉

  4. sabrinastolzenberg schreibt:

    Hallo Aleksander, ich lese Deine Texte immer sehr gerne, doch diesen Text finde ich besonder gut, da er auch zum nachdenken anregt, aber ich hoffe, dass das ein allgemeiner Text über kleine Stinkstiefel ist und nich tüber Euren, denn das wäre sehr traurig. Es sollte mehr Menschen geben, denen bewusst ist, dass der beste Zaubertrank aus Liebe, Verständnis und einer großen Portion Geduld besteht🙂. GLG Sabrina

  5. Charly Schwarzer schreibt:

    Wunderschöner Text und er kommt mir so nahe!
    Danke und liebe Gruß😀

  6. nimabe schreibt:

    Danke Aleksander.

  7. Es ist schön, wenn Stinkstiefel, Gummibälle , Sanduhren jemanden haben, der sie sie versteht und sogar gerne mit ihnen zusammenlebt.
    Leider werden diese Menschen in Vorbildland dann ganz schnell ebenfalls wie Stinkstiefel etc. behandelt, so dass sie ganz traurig werden und oft zur Salzsäule erstarren. In Vorbildland schafft es nämlich keiner, diese Menschen zu unterstützen. Das bräuchten sie aber, denn es ist nicht immer einfach, mit Stinkstiefeln, Gummibällen und Sanduhren zusammen zu leben. Salzsäulen werden nicht so ernst genommen und keiner hört ihnen zu, wenn sie versuchen zu erklären, was Stinkstiefel und Co. brauchen.
    Zum Glück gibt es einige Stinkstiefel, die sich auf den Weg gemacht haben, Vorbildland klar zu machen, dass nicht sie es sind, die stinken.

  8. Anita schreibt:

    Es ist nun amtlich, ich habe vier verschiedene Stinkstiefel und -stiefelinen hier zu Hause.

    Und es geht!

    Auch das Aushalten, was Dorena beschreibt, geht!

    Und ich wäre sehr froh, wenn wir aus Vorbildland ein Verständnisland schaffen könnten!

    Wir brauchen selten die einfachen „besonderen Häuser“ und noch seltener die „ganz besonderen Häuser“.

    Denn dort herrscht leider oft genug nur Normierung, Zeitmangel und ganz wenig Verständnis. Und durch eine künstliche Realität, die dort geschaffen wird, ist ein gutes Lernen leider nicht möglich.

    Aleksander,

    danke für den Text!

    Liebe Grüße
    Anita
    (die sich aufgemacht hat, an den Schulen für Verständnis zu werben und nicht aufgeben WILL!)

  9. TJ schreibt:

    Eine zauberhafte und berührende Geschichte! Danke!

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