Der Autist in mir

Tag 1 nach der Bundestagung. Mir geht es schlecht. Deshalb ausnahmsweise mal ein Blogpost der wohl mehr Tagebucheintrag als Information über Autismus ist. Eigentlich sollte ich das hier gar nicht schreiben. Ich weiß das der eine oder andere von der Bundestagung das lesen könnte und ich bin mir auch im Klaren: Das hier passt nicht zum engagierten Autisten der freiberuflich Weiterbildungen über Autismus halten möchte. Aber das bin nun einmal ich. Ich kann es nicht ändern wenn mich deshalb der eine oder die andere nicht als Referent oder Dozent bucht.

Das vieles zu viel war merkte ich ja schon gestern und brach deshalb vorzeitig die Bundestagung für mich ab. Wie mies es mir wirklich ging merkte ich wohl erst im Zug. Jedes Geräusch um mich herum hämmerte auf mich ein und verursachte Schmerzen. Hinter mir saß eine Therapeutin die laut telefonierte und es war nicht zu überhören das sie auch von der Bundestagung kommt. Der Mann vor mir hatte einfach keinen Anstand. Wollte sich schon beim Einsteigen vordrängeln und warf mich fast um. Der Grund war erkennbar: Er hatte keine Platzreservierung und pflanzte sich erst einmal auf einen für schwerbehinderte Menschen reservierten Platz. Ich wünschte mir die ganze lange Zugfahrt nichts anderes als einfach nur nach Hause zu kommen. Zeitweise starrte ich schon leer auf die Digitalanzeige um zu sehen wie langsam die Minuten vorbeigingen und wie langsam dieser ICE doch fuhr. 120 km/h sind auf dieser Strecke viel. Da saß ich nun und hatte den zweiten heftigen Meltdown innerhalb weniger Wochen. Und ich litt, nach Frau Preißmann eher typisch für weibliche Autisten, still und leise vor mich hin. Reden konnte ich schon lange nicht mehr. Meltdown passt übrigens im übertragenen Sinne mehrfach auf meine jetzige Situation:

Der standhafte und positive Autist in mir ist in den letzten Tagen geschmolzen. Mit ihm Hoffnung und Perspektiven. Ich wollte mich vernetzen, etwas bewegen. Stattdessen komme ich völlig fertig und gelähmt zurück.

Den Anfang machte der philosophisch ausgerichtete Vortrag über Moral und Autismus. Ich fühlte mich abgewertet weil man hinterfragte ob Autisten moralfähig sind. Um das zu erklären: Alleine das man sich die Frage stellt hatte für mich die Außenwirkung als könnte es sein, dass Autisten wirklich unmoralisch sind bzw. keine Moral haben könnten. Das ist einfach verletzend. Ich bin aufgrund dieser Behinderung kein schlechterer Mensch und auch keiner bei dem man annehmen müsste er sei es evtl. Ich bin ich und möchte nicht anhand meiner Behinderung sondern meines Handelns bewertet werden. Hier hätte ich wohl die Notbremse ziehen müssen. Die Situation brachte mich zu einem inneren Kampf. Der Kampf gegen den Drang sich selbst zu verletzen. Mit dem Kopf an die nächste Wand zu schlagen. Die Vernunft siegte zu Glück. Was aber blieb: Das Bewusstsein an welche Grenze ich alleine durch so einen Vortrag gekommen bin. Und das Bewusstsein das ich es nicht schaffe auf die Aussteller zuzugehen und mich zu vernetzen.

Zum ABA Vortrag habe ich ja gebloggt. Ich bin zu empathisch. Videos von autistischen Kindern zu sehen die militärisch angeschrien werden, denen man Befehle immer wieder gibt und gleichzeitig abspricht Intelligent zu sein. Zeig Boden! Zeig Gardine! Wasser wo? Diese Kälte die man zum „Wohle“ des Kindes anwendet tut weh. Das Reduzieren auf Sätze die nach deutscher Grammatik nicht einmal vollständige Sätze sind. Und zeitgleich dann Therapeuten auf der Bühne die ABA als positiv bezeichnen und sich freuen welche „Erfolge“ sie damit erreichen können. Menschen die man liebt behandelt man nicht so. Und auch Tiere, die im Allgemeinen in unserer Gesellschaft ja als weniger Wert angesehen werden, haben das nicht verdient. Lebewesen werden mit so einem Verhalten zu willenlosen Gegenständen degradiert. Was fehlt ist eines: Liebe! Den letzten Rest gab mir dann der Prozess der Löschung. Nüchtern betrachtet ist es schon ein Unding das man menschliches Verhalten löschen möchte. Man greift damit in die Persönlichkeit des Menschen ein, man manipuliert ihn. Praktisch ist die Löschung unter ABA eine knallharte Strafe. Kälte die sogar den Eltern weh tut die sie aber trotzdem für das höhere Ziel durchziehen. Mich hat dieser Vortrag gebrochen. Der Applaus für das was da gezeigt wurde waren Pfeile in meine Seele. Ein ganzer Saal (mit ca 360 Sitzen) war fasziniert von dem was da gesagt wurde. Man lachte sogar über die Lovass Demonstration der Referenten. Ich fand sie einfach nur Menschenunwürdig. Meinen Glauben an das Gute im Menschen wurde nachhaltig beschädigt. Ich ging als anderer Mensch aus diesem Vortrag heraus. Vor allem war ich eines: einsam. Der Autist in mir weinte, krümmte sich zusammen und wünschte sich nur eines: Es sollte aufhören.

Es hörte nicht auf. Es hatte gerade erst begonnen. Man mag es für Irrsinn halten, aber mein Verstand fing an sich auf ABA ähnliche Gedanken zu reduzieren. Zimmer? Da! Such Bett! Frühstück wo?

Es kam Tag 3 und mit ihm der finale Schlag gegen den Autisten in mir. Wahrscheinlich muss ich mich schämen dass ich in einer Autismusfachambulanz einer Uniklinik meine Diagnose bekommen habe. Ich bin hochbegabt, habe 35 Jahre lang kompensiert und auch heute glaubt niemand auf den ersten Blick dass ich Autist bin. Das könnte einem ja egal sein, wenn man aber in einem Vortrag gesagt bekommt das man damit quasi eine sehr wahrscheinlich nicht valide Diagnose bekommen hat tut weh. Nicht weil ich an meinem Autismus Zweifel. Dafür ist er zu stark und wird gerade noch viel intensiver. Nein, es tut weh weil man indirekt daran schuld ist das zum einen die Anlaufstellen überlaufen sind und den Menschen die „wirklich“ Hilfe benötigen die Ressourcen wegnimmt. Frau Kamp-Becker hat in Ihrem Vortrag ausgeführt welche emotionalen Folgen eine falsch positive und auch falsch negative Diagnose haben kann. Was sie nicht bedacht hat: Welche emotionalen und psychischen Folgen ihr Vortrag bei Autisten (valide oder nicht)haben kann.

Der Autist in mir verstummt, will nicht reden und kann nicht klar denken. Er rollt sich zusammen und trauert. Er fühlt sich schuldig. Ich funktioniere nicht mehr. Und vor allem: Aus einem Menschen dem man rein äußerlich seinen Autismus kaum ansieht ist ein Mensch geworden der stärkste autistische Züge – sorry Frau Kamp-Becker sie mögen das Wort ja nicht-  zeigt. Mir geht es mies.

In drei Tagen soll ich wieder vor Menschen stehen und ganz selbstbewusst über die Vorteile der autistischen Wahrnehmung vortragen. Soll Perspektiven aufzeigen und aufklären. Nach außen. Eine Herzensangelegenheit für mich, sogar meine Berufung wie ich die letzten Monate glaubte. Aber Herzensangelegenheiten sind nicht leicht zu kommunizieren wenn das Herz am Boden liegt.

Der Autist in mir: Ist gebrochen. Ist verstummt. Ist nicht mehr der der er vor der Bundestagung in Dresden war.

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35 Antworten zu Der Autist in mir

  1. Anita schreibt:

    Lieber Aleksander,

    (ja Du autistischer Mensch bist mir ein liebgewordener Begleiter im Netz)

    Gute Besserung!

    Lass Dich nicht brechen!

    Nicht von ignoranten Menschen, die keine Ahnung haben!

    Versuche Kraft daraus zu ziehen, dass Du nicht alleine bist.

    tröstende Grüße
    Anita

    • Anita schreibt:

      PS Selbstverständlich glaube ich an Dich! An Deine Berufung! An Dein Buch!

      Genauso so sehr, wie ich nicht bereit bin, aufzugeben und mich den Behörden zu beugen!

  2. maedel schreibt:

    Ich weiß genau was du meinst.
    Auch ich hatte diesen Traum und irgendwie fällt es gerade schwer, daran festzuhalten.

  3. pinocino schreibt:

    Ich hab zwar wenig Ahnung von Autismus, aber ich würde dich jetzt einfach gern still in den Arm nehmen.

  4. Dorothee schreibt:

    Auch ich wünsche dir gute Besserung, die Ruhe ( Gedankenruhe) die du brauchst, um dich zu erholen.
    Viele deiner Worte treffen bis ins Mark, machen nachdenklich. Meinem Kind (16 Jahre, Mädchen) geht es ähnlich wie dir. Aufgrund der Verweigerung ihres direkten Umfeldes (Schule) bzw der Leute des JA den Autismus bei ihr so zu akzeptieren wie er nunmal ist, mit all seinen Stärken und Schwächen, wird sie durch permanentes Hinterfragen ihrer selbst, des Autismus durch die Hölle geschickt. Sie ist in den letzten Wochen autistischer geworden, verfällt wieder in altes Ritualverhalten, Stereotypen sind an der Tagesordnung. Sie wirkt sehr depressiv, zurückgezogen, kann kaum normal kommunizieren und das alles nur, weil das JA meint, sie müsse jetzt erwachsen werden und selbstständig. Sie könne ja schließlich nicht ihr Leben lang von Hilfssystemen abhängig sein.

    • Anita schreibt:

      Wenn Du magst, kann Querdenker gerne meine Email-Adresse an Dich weitergeben.
      Denn uns passiert gerade dasselbe mit unserem fast 18-jährigen.
      Verselbstständigung und Erwachsenwerden und raus aus der Familie. Am besten stationär in einer Tagesgruppe / betreute WG, über die Wünsche unseres Sohnes hinweg. Dies hat hier in der Familie, bei unserem Sohn, bei uns Eltern zu massiven Beeinträchtigungen und Depressionen geführt. Und wir sollen immer „springen“, wenn wer „pfeift“. Und wir sollen bitte nicht fragen warum, sondern höchsten wie hoch. Und beim nächsten Mal eben noch ein bisschen höher. (RW)

  5. filzflausch schreibt:

    Erst mal alles Gute und gute Erholung. Und dann bitte die Menschen in Deutschland darüber informieren, wie ABA wirklich ist und man seinen Kindern damit keinen Gefallen tut, sondern sie quält. Denn ich stimme zu – das ist ja unmenschlich, was da an Konditionierung statt finden soll.

  6. Maria schreibt:

    Wenn alle es besser wissen und die Diagnose als unnötig ansehen, weil der Autist doch schon so viel kompensiert hat und man es ihm gar nicht ansieht. Dann geht es Ihnen/Dir wie meinem Mann. Schöne Grüße soll ich von ihm bestellen

  7. unicorn1963 schreibt:

    Gute Besserung wünsche ich Dir, und ich hoffe das du zu Dir zurückfindest, das du das alles verarbeitet bekommst, das du das was da war nicht verinnerlichst, das du deine Stärken wiederfindest, das wünsche ich allen Anderen auch die sich so abgewertet/klein vorkommen
    ( das ist es was das Gefühl anrichten wird, wenn man es zulässt), es wird schwierig gegen ein solches Gefühl anzukämpfen, aber es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten, die eine ist Wir verinnerlichen das was die sagen machen, und geben auf, oder Wir kämpfen gegen diesen Wahnsinn den sie Streuen an. Ich selber kenne das Gefühl welches du Beschreibst sehr genau, und vor vielen vielen Jahren habe ich mich dafür entschieden, gegen solche Menschen die es mir einpflanzen wollten anzukämpfen. Ich hoffe das auch Ihr euch von solchen Menschen nicht nieder machen lasst, und weiter für euer Recht kämpft!

  8. ute lacher schreibt:

    Ich wünsche Dir,das Deine Innere Stärke es nicht zuläßt das solche Ignoranten,alles Besserwissende, nicht Betroffene Individuen,Dich massiv verletzen.
    Alles was ich hier so lese,macht mir Angst um die Zukunft meines Enkelsohnes.
    LG.Und viel Kraft

  9. ganzgans schreibt:

    Ich habe mal deinen Blog in meinem verlinkt, ich hoffe es ist in ordnung….ansonsten…meinem 16-jährigen aspie geht es wie den euren, anita und dorothee…und gerade sind wir nach vier jahren Therapie wieder am anfang von allen…schulfrust, schulunlust, schulverweigerung…..

    • Anita schreibt:

      Dann wäre es ja mal an der Zeit, unsere Schicksale zu sammeln. Es ist immer auch wichtig, dass Bundesland dazu zu wissen.
      Wir sind NRW. Und hier sowie in Niedersachsen ist es meines Wissens nach am schlimmsten. Denn „unser“ Landesverband, der sich etwas anders präsentiert als Autismus Deutschland e.V. hat Null Einfluss im Kultus. Seine ganzen, wirklich guten Empfehlungen haben im neuen Schulgesetz (gültig seit Sommer 2014) keinerlei Eingang gefunden. Von „losen“ Absichtserklärungen von seiten der Behörden mal abgesehen.

      • Anita schreibt:

        @ ganzgans

        gerne hätte ich bei Dir noch was kommentiert, komm aber nicht klar, wie soll ich mich registrieren, wenn ich nirgendwo nich angemeldet bin??
        LG Anita

  10. Susanne schreibt:

    Ich habe einen 12-jährigen Autisten und versuche mich so viel mit dem Thema Autismus zu beschäftigen wie es nur geht. Da von ärztlicher Seite und auch von den Behörden kaum Hilfe zu erwarten ist, lese ich sehr gerne diese Blogs. Der heutige hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Ich hoffe, daß Du Dich aufrappeln und den Kampf wieder aufnehmen kannst. Vielleicht solltest Du genau diesen Brief beim nächsten Vortrag vorlesen. Ich wünsche Dir viel Kraft und hoffe daß diese Zeilen mit dazu beitragen, Dich ein wenig zu trösten und Kraft zu spenden.

  11. Atari-Frosch schreibt:

    Nach diesem Artikel muß ich auch erstmal meinen Anteil Empathie (die wir ja nicht haben oder so) und Mitgefühl dalassen. Was Du da gesehen hast, kann man nur noch als Entzug der unveräußerlichen Menschenwürde einstufen, und das gleich mehrfach: Gegenüber den Kindern; gegenüber den Eltern, die zum Mitmachen genötigt werden; und schließlich gegenüber Autisten, denen sowas präsentiert wird, egal ob selbst ABA-gefoltert oder nicht. (Wie oft beschreibe ich das alles sehr technisch, weil mir für die menschliche Ebene gerade irgendwie die Worte fehlen.)

    Aber vielleicht wäre das ein Weg: Petition über das ePetitionssystem des Bundestages, unterstützt durch massive Bewerbung auf den Social-Media-Plattformen; erfolglos: Klage eines ABA-Gefolterten vor das BVerfG und/oder dem EuGH anleiern und unterstützen, ggf. per Crowdfunding oder ähnlichem. Ziel: ABA muß als entwürdigende Maßnahme/Therapie verboten werden. Wenn entwürdigende Behandlung und Strafe in der Erziehung ansonsten verboten ist, dann kann ABA vor dem Grundgesetz keinen Bestand haben. – Ein Zwischenschritt könnte noch sein, das den Krankenkassen klarzumachen, damit sie diese Folter-„Therapie“ nicht mehr bezahlen.

    Für Dich erstmal: Viel Flausch, ruh Dich aus, und wenn Du den Vortrag am Donnerstag nicht schaffst, dann schaffst Du ihn eben nicht. Vergiß nicht: Du bist nicht alleine. Wir sind Autismus!

    • quergedachtes schreibt:

      Da „ABA“ eine Wissenschaft ist die man in den USA auch studieren kann wird ein Verbot hier wohl schwer bis unmöglich. Meine Freundin hatte heute früh eine Idee. Wenn es mir bessergeht werde ich da mal drüber nachdenken. Sorry wenn ich gerade recht knapp bin😦

  12. Michael schreibt:

    Gute Besserung und Erholung für Dich.
    Ich glaube, nicht nur Du bist ein anderer nach der Bundestagung – es scheint da gerade etwas in Gang zu kommen: die Bewegung „Wir sind Autisten“. Dazu haben Deine Tweets maßgeblich beigetragen.
    Das ist ein großer Erfolg.
    Alles Gute
    Michael

  13. Joachim schreibt:

    Oh weh, das hört sich alles nicht so doll an. Ich würde Dich gerne „trösten“, doch ich schätze, so einfach ist das nicht. Etwas ist mir jedoch klar. Wenn Du Dich schuldig fühlst, wie steht es dann mit uns, den vielleicht mehr oder weniger NTs? Ich schäme mich dafür, was wir tun, wie wir diagnostizieren, disqualifizieren, katalogisieren statt zuzuhören. Wenn Du behindert bist, dann sind wir es wohl auch, die behindern. Diesen Gedanken mag ich gar nicht.

    Ich würde gerne an Deine Logik appellieren, daran, dass es ein Widerspruch wäre, Autist zu sein und nicht dem Zwang durch einen wirklich kategorischen Imperativ unterworfen zu sein. Demnach wären Autisten die Moral in weitgehender Perfektion (…). Doch so einfach ist es nicht. Was Du fühlst, das ist zutiefst menschlich. Wie Dein Artikel oben zeigt, ist Dir genau bekannt was Ursache und was Wirkung ist. Lies Dich selbst und denke wieder quer (logisch). Und ich weiß genau, dass man nicht gegen seine Gefühle, gegen sein eigens Sein an kann. In diesem Sinne bist Du vollkommen (verzeih das Schimpfwort) „normal“, „nur“ mit besonderer Empfindsamkeit ausgestattet. Diese Empfindsamkeit macht Dich aus und ermöglicht Dein Handeln. Sie zwingt Dich aber auch zur Ruhe.

    Autismus ist zu einem guten Teil die Suche nach einer Waage. Alles muss seine Ordnung haben. Unordnung, „falsch“ tut weh. Lass die Waage pendeln. Du hast sie nicht aus dem Gleichgewicht gestoßen. Sie beruhigt sich auch wieder.

    Du weißt, nach ein paar Tagen ohne den Stress wird es besser gehen.

    Slow down, you move to fast.

  14. Dario schreibt:

    Hallo Aleksander,

    es tut mir leid, dass dich der Besuch der Bundestagung so mitgenommen hat. Dass man sich bei Autismus Deutschland nicht gerade auf die Interessenvertretung erwachsener HFA-Autisten spezialisiert hat (um es vorsichtig auszudrücken), wusste ich zwar, aber dass es so krass kommen würde, hätte ich nicht gedacht.

    Zur Validität der Diagnosen: Diese Diskussion ist legitim und muss auch geführt werden, aber bitte nicht zu Lasten der Betroffenen! Wann eine Autismusdiagnose gerechtfertigt ist und in welchen Fällen nicht, das sollen die Fachleute unter sich ausmachen. Es kann nicht sein, dass man erwachsenen Autisten, die das Pech haten, erst sehr spat diagnostiziert zu werden, hinterher auuch noch das Gefühl vermittelt (so ganz subtil durch die Hintertür…) sie hätten ihre Diagnose zu Unrecht bekommen. Ich habe den Eindruck, da tragen Fachleute ihre eigenen „Flügelkämpfe“ auf dem Rücken von Betroffenen aus und machen sich gar nicht klar, was sie damit alles anrichten!

    • gedankenkarrussel schreibt:

      Ob sie es sich nicht klarmachen oder ob es ihnen egal ist…? Oder ob sie es sogar wollen? Schließlich wird so den ganzen gar-nicht-wirklich-Autisten endlich mal gesagt, „was Sache ist“ *ironie*
      Vielleicht denke ich ja zu böse von ihnen.
      Aber dass da „Flügelkämpfe“ dahinter stecken, denke ich auch.

      • Anita schreibt:

        Diese Flügelkämpfe sind durchaus offensichtlich.
        Denn Herr Vogeley vertritt eine durchaus differenzierte Auffassung. Was an seinem Vortrag in Bonn sehr klar wurde. Sonst hätte ich die Tagung (wo er erster Redner war) bestimmt nicht durchgestanden!

    • Joachim schreibt:

      Dario, und Forum: „Zur Validität der Diagnosen“.

      Ich möchte ja niemanden verunsichern und es wäre auch nicht fair, die Fachleute zu diskreditieren. Doch es gibt Fakten.

      – Das Autismusbild in der Wissenschaft war niemals konsistent (kein Wunder, weil es *den* Autismus nicht gibt). Das Bild hat sich immer gewandelt und das wird es weiter tun. Man darf keinesfalls zu viel darauf geben.

      – Diagnose führt zur Therapie, so das wissenschaftliche Bild. Was aber als Therapie verkauft wird, das ist wenigstens zu einem guten Teil unbegründet – ganz vorsichtig gesagt. Und manchmal (meist?) scheitert Therapie schon alleine an Kosten und mangelhaften Ressourcen, manchmal an fehlender Kompetenz. Sie scheitert an falschen Zielvorstellungen, sogar an der Not der Eltern und an unserem eigenen Verhalten gegenüber Autisten.

      – Tatsache ist, niemand kennt Ursachen für Autismus. Man kennt nur (statistische) Korrelationen. Es ist klar, dass Korrelationen gar nichts beweisen. Geht es nach der Korrelation, dann wäre jeder Autist, so man nur lange genug sucht.

      – Die Diagnosekriterien dürfen nicht als Negativnorm verstanden werden. „Kein Augenkontakt“ z.B. darf nicht dazu führen, dass Augenkontakt ein „Behandlungsziel“ ist. Symptome zu bekämpfen ist hier widersinnig. Ein Konditionierungsprozess ist so eine widersinnige „Therapie“.

      – Ebenso widersinnig ist der Versuch, jemanden „Leistungsfähig“ zu machen, ohne die Ursachen zu berücksichtigen. Es geht nicht um Leistung. Es geht um Menschen.

      – Diagnose ist immer nur ein Versuch zu testen und nicht die „Krankheit“ selbst. Autismus wird nicht durch Diagnosekriterien definiert sondern im besten Fall damit „erkannt“, eben diagnostiziert. Nicht mehr und nicht weniger.

      – was geschehen muss ist „mentale Stärkung“. Selbstsicherheit und die Möglichkeit sich selbst „vernünftig“ (was immer das ist) einzuordnen, in einer schon mal nachweisbar feindseligen und widersprüchlichen Welt. Man muss immer von der individuellen Lebenswirklichkeit ausgehen … Das ist das, was Autisten korrekt als „Innenwelt“ bezeichnen. Ich kann nicht mit meiner Norm Andere definieren und schon gar nicht „therapieren“.

      Fachleute wissen das – theoretisch…


      In eigener Sache: Aleksander, ich hoffe sehr, dass mein erster Post nicht überheblich klang. Deine Beschreibung war nachvollziehbar, mutig und sinnvoll. Ich wollte aber auch … na ja, ihr wisst schon. Das mag nicht gelungen sein. Wie könnte es denn auch?

      Sieh‘ das als fehlgeschlagenen Versuch einer Solidaritätsbekundung. „Wir sind Autismus“ kann ich nicht unbedingt sagen. Keine Ahnung, brauche ich dazu eine Diagnose?

      Auf dem „wir“ zu bestehen ist jedoch möglich.

  15. gedankenkarrussel schreibt:

    Ich hoffe, es geht dir bald wieder besser.
    Ich bewundere dich, dass du überhaupt so lange durchgehalten hast, ich dachte schon beim Lesen deines erstens Beitrags zur Tagung „ich wäre wohl direkt wieder heimgefahren“.
    Wenn man irgendwas gegen ABA und dergleichen machen kann, wäre ich sofort dabei. Meines Wissens haben Kinder in Deutschland ein Recht auf eine Erziehung, die frei von (auch psychischer) Gewalt ist… aber wohl leider nur theoretisch😦. ABA dürfte wesentlich größere Schäden anrichten als manches an physischer Gewalt😦.

    • Anita schreibt:

      Es gibt in der Erziehung von Kindern den Grundsatz, von anderen Personen als Eltern wohlgemerkt, dass man sein Tun nur pädagogisch begründen muss, um eine „andere“ Art der Erziehung vorzunehmen.

      Und dazu muss man nur in die Kindergärten schauen, wo Kinder mit einem halben oder einem Jahr von den Eltern entwöhnt werden, um den Ganztag in der Kiga zu schaffen.

      Auch hier werden alle Kinder „über einen Kamm geschoren“ (RW). Und wer hier nicht ins System passt, seien es Kinder oder Eltern, wird schon ab diesem Zeitpunkt aussortiert.

  16. Pingback: Markierungen 10/28/2014 - Snippets

  17. Krissell schreibt:

    Finde nicht die richtigen Worte, jedoch waren nicht alle Personen im besagten Saal fasziniert und haben gelacht. Als Beobachter war ich dort, der die Manipulationen kennt und diesbezüglich nichts anderes erwartet hat. Konnte mir beweisen, dass solche Typen mir nichts (mehr) anhaben können – und das war gut. Hat sechs Jahre erfordert, mich einer solchen Konfrontation zu stellen und dachte „jetzt oder nie“.

    Nicht von Lachnummern kaputt machen lassen.

  18. Anita schreibt:

    Ich habe gerade heute ein sehr informatives Gespräch mit einer Lehrerin von einer Schule für geistig behinderte Menschen gesprochen.

    Das dortige Kollegium hat an einer Fortbildung für ABA teilgenommen.
    Die Lehrerin ist bereits über 50 Jahre alt und schon lange im Geschäft.

    O-Ton: „Ich lehne ABA ab. Absolut. Ich kenne kein einziges Kind aus meiner langjährigen Praxis, dem ich diese Therapie jemals hätte angedeien lassen. Diese Therapieform ist NICHT gut“

    Ich bin so dankbar, dies heute (im Rahmen eines sonst unangenehmen Gespräches) so von ihr gehört zu haben!!! Wirklich dankbar.

    Denn es beweist, dass es noch Menschen außerhalb des Spektrums gibt, die es ebenso kritisch sehen wie wir.

    Dies gibt mir Hoffnung.

  19. ich finde, Auties sind HOCHmoralisch, uU HOCHempathisch. kompensiere selbst sehr viel, aber dank neuem GdB keine Chance auf Hilfe. Ich kann ja alles… Kopf hoch!

  20. Birgit schreibt:

    Nach sieben Jahren Zusammenleben mit meinem autistischen Sohn kann ich dazu nur sagen: DIE tun das alles nur um viel Geld zu sparen. Verunsicherte Betroffene und Eltern stellen keine Anträge, wehren sich nicht, melden sich immer weniger zu Wort. Sie sind dann kompatibler für unsere Gesellschaft, Ziel erreicht! Deshalb: gib bitte nie auf, wir müssen dies auch immer wieder unserem Sohn und uns sagen, uns selbst Mut machen, alleine kämpfen, durchhalten. Manchmal raubt es alle Kraft, die man dachte zur Verfügung zu haben, doch man findet immer wieder noch Reserven, den besten Menschen zuliebe. Wir sollten „Bedienungsanleitungen“ für uns bzw. „unsere Autisten“ verfassen und darlegen, wie unendlich viel Liebe, Zuneigung, Vertrauen und positive Bestärkung sogar dringend notwendig sind! Die meisten Heimtiere in unserem Land werden besser behandelt als die meisten kleinen und großen Autisten! Diagnose hin oder her!

  21. Pingback: Froschs Blog: » Im Netz aufgefischt #185

  22. Tabea schreibt:

    Danke für diese Worte zu ABA. Ich bin eine dieser „Fachleute“ und „Diagnostiziere“ auch Autismus. Und versuche dann diesen Menschen weiter zu helfen. Übersetzungshilfe zu sein. Versuche, bilingual zu sprechen. Auch ich lerne immer weiter mit jeder Begegnung. Und nur weil ich NT bin heißt das nicht das ich etwas besser weiss. Ich kann mich vielleicht nur besser bzw. einfacher in der auf NT Bedürfnisse ausgerichteten Welt bewegen. Und ich sehe es als meinen Auftrag hier so weit es geht einen Weg zu bereiten und zu zeigen wie es für einen Autisten geht. Ganz individuell. Nicht mehr und nicht weniger. Und da hilft mir so ein Blog wie dieser hier wieder weiter. Danke dafür!!!!!

    • quergedachtes schreibt:

      Vielen Dank für den Kommentar.
      Ja darum sollte es gehen: Zu übersetzen, zu vermitteln, zu erklären und Wege aufzuzeigen und dabei helfen das Autisten sie auch gehen können.
      Man kann aus einem Baum keinen Vogel machen. Umgekehrt auch nicht. Aber man kann eine Welt schaffen in der beide gut zusammenleben können🙂

  23. Petra schreibt:

    Es macht sehr betroffen, was du schreibst – und ist deshalb so wichtig, dass du es weiter tust! Die Kompetenz eines Betroffenen ist nicht zu vergleichen mit der eines Wissenschaftlers oder Therapeuten.

  24. Monika schreibt:

    vielen vielen Dank umso mehr, dass Du geschrieben hast, wo es Dir so schlecht geht!!

    Ich hoffe und wünsche es Dir sehr, dass Du DIch erholt hast und bin dankbar und sehr betroffen von Deinen Berichten vom Kongress- ich wollte hingehen,war aber zu fertig dazu…
    Hätte DIch sehr gerne persönlich kennengelernt, kann nachvollziehen, was Du beschrieben hast..

    Ich freu mich riesig auf Dein Buch und will Dich ermutigen, nicht aufzugeben!!
    Würde DIch sehr gerne persönlich kennenlernen- wo erfahre ich, wo Du Vorträge hälst??

    Ja, unbedingt: „eine Welt schaffen, in der beide gut zusammenleben können“- Genau dabei will ich mithelfen!!

    Viele liebe GRüße von Monika

    • quergedachtes schreibt:

      Hallo Monika,

      öffentlich zugängliche Vorträge und Gesprächsrunden kündige ich rechtzeitig hier an.

      Im März findet eine geschlossene Gesprächsrunde in Mannheim statt. Hier sind aber, je nach Nachfrage, auch öffentliche geplant.
      Ziemlich sicher, aber noch ohne konkreten Termin, sind Gesprächsrunden in Hamburg, Berlin und am Bodensee. Auch in der Schweiz werde ich wahrscheinlich wieder aktiv werden.
      Hier in Wiesbaden versuche ich auch etwas zu organisieren, ansonsten können Vorschläge für Veranstaltungsorte gerne bei mir (z.B. per Email)eingereicht werden.

      600km sollte also keiner fahren müssen. Das ist ja auch ziemlich stressig.

      Viele Grüße

      Aleksander

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