Von einem der auszog etwas zu lernen….

…..und nicht das lernte was er wollte.

Als Referent der über Autismus weiterbildet ist es mir ein persönliches Anliegen, dass auch ich mich bei Themen auf die ich angesprochen werde immer auf dem aktuellen Stand bleibe. Sicher weiß ich als Autist schon sehr viel über Autismus, aber es gibt eben auch Teilbereiche in denen ich mehr wissen möchte. So auch im Bereich TEACCH.

Letzte Woche war es wieder einmal soweit: Ich habe ein zweitägiges Seminar zum Thema TEACCH besucht. Was habe ich gelernt? Eine ganze Menge die in meinen Seminaren nicht vorkommen wird. Es gab viele Punkte die man kritisieren konnte und die hier nicht hingehören. Eines möchte ich meinen Kunden aber auf jeden Fall versprechen:

Sollte sich ein Teilnehmer verspäten werde ich ihn definitiv nicht damit bloßstellen, dass er nun einen Kuchen zu backen hat. Das ist in meinen Augen unhöflich und auch nicht lustig.

Was soll ich zum Seminar sagen? Ich habe in 2 Tagen weniger gelernt als in einem vorhergehenden TEACCH Seminar das nur einen Tag dauerte und in dem es nur in der Hälfte der Zeit um TEACCH ging. Wenn ein Dozent TEACCH erklären möchte ist es nicht wirklich schön, wenn am Ende des Seminares wesentlich Kernteile fehlen und nur noch auf zwei Seiten im kopierten Skript stehen.

Bei TEACCH geht es um die Struktur und die Strukturierung im Leben von Autisten. Das -kurz gefasst- auf drei Ebenen: Räumlich, Zeitlich und Handlungsbezogen. Wie weit kamen wir in den zwei Tagen bzw. am zweiten Tag zur Mittagspause? Zur räumlichen Struktur. Zwei Tage sind, laut mehrfacher Aussage der Dozentin, eben sehr wenig Zeit für das Thema. Als Teilnehmer empfinde ich das als „Pech gehabt“.

Fachlich gesehen habe ich also wenig bis gar nichts gelernt. Menschlich jedoch viel. Und was soll ich sagen? Es schmerzt, es tut weh und ist kaum auszuhalten was über Autisten gedacht wird. Von Fachleuten wohlgemerkt. Und da mache es keinen Unterschied ob Dozentin, Kinder und Jugendpsychologinnen oder Menschen die mit Autisten arbeiten.

Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, in den zwei Tagen ist mir so viel passiert dass ich das jetzt noch kaum sortieren kann.

Die autistische Wahrnehmung wurde mit einem Filmausschnitt eines Films von Autismus München (nun Autismus Oberbayern) dargestellt. Der Film ist augenscheinlich sehr alte und hatte die Qualität und das Niveau der 80er Jahre. Das hier ein Autist gezeigt aber ein erwachsener Mann den Text aus Sicht des Autisten spricht ist noch das kleinste Problem. Unter anderem wurde, in Bezug auf die autistische Wahrnehmung und die Filterschwäche, das Wort „fehlerhaft“ verwendet. Ich frage mich schon beim ersten Seminar bei dieser Dozentin wieso die Wahrnehmung bei der weniger wegfällt weil weniger gefiltert wird fehlerhaft ist. Meine Kritik wurde aber damals schon nicht verstanden. Als Autist kann ich sagen: Es ist unerträglich wenn man versucht in Anwesenheit eines Autisten mit uraltem Material die autistische Wahrnehmung zu erklären.

Weiter ging es mit einer Reportage des WDR „Planet Schule“ zum Thema Autismus. Hier wurden Nicole S., Frederik und Julia (?) als Fälle vorgestellt. Ich bin offen: Ich bin genervt von der Sendung. Nicole S. die nach mehreren Büchern über Autismus ihre Diagnose zurückgegeben hat, Frederik im Dauer-Klugscheißer-Modus (ja auch Autisten kann das nerven) und eine Mutter die Ihre „schwer autistische“ Tochter nicht wirklich versteht. Auf Twitter würde ich sagen: Meh😦

Das erste Mal so richtig sauer wurde ich als es um das Thema Autismus und Geistige Behinderung ging. Die Psychologinnen behaupteten doch glatt: Kannerautisten sind kognitiv eingeschränkt. Ich protestierte und wies darauf hin, dass eine geistige Behinderung eine gesonderte und vom Autismus unabhängige Behinderung sei. Als Antwort kam: Das sind ja dann auch hochfunktionale Autisten. Falsch: Hochfunktional ist keine gesonderte Diagnose sondern eine funktionale Einteilung bei frühkindlichen Autisten. Man verwies mich dann auf den ICD 10 in dem steht, dass Aspergerautisten keine kognitiven Entwicklungsverzögerungen hätten. Alles klar im Hause Autismus?

Weiter ging es, nach einer Gruppenarbeit, mit der Besprechung selbiger. Was kam zu Wort? Die Frage ob Diäten bei Autisten sinnvoll sind. O-Ton Dozentin: Kasein und Glutenunverträglichkeiten kommen bei Autisten verstärkt vor. Ich wies auf eine neue Studie hin, geantwortet wurde mir mit der langjährigen Erfahrung in einer Elterngruppe. Auch hier: Kritik? Nein Danke!

Gruppenaufgabe war es eine Situation zu beschreiben in der man meint dass man Autisten durch eine neue räumliche Struktur helfen kann. Und wie diese Maßnahmen aussehen könnten.

Den Vogel schoss eine Gruppe ab:

Autistin, 9 Jahre, lebt mit den Eltern in einem Einfamilienhaus. Die Familie hat viele Tiere. Das

Ablauf am Morgen: Tochter steht wegen Schlafproblemen sehr früh auf ( vor 5), geht hinunter und versorgt eigenständig die Tiere.

Problem: Die Tochter bringt den Schulranzen nicht runter.

Frage 1 von den Psychologinnen: Sie kann in die Schule gehen? Sie versorgt die Tiere ordentlich? Dann WILL sie wohl einfach nicht den Ranzen nach unten bringen. Lösung wäre es eine Motivation zu schaffen. Ihr riecht es sicher schon? Jawohl: Belohnungssystem!

Mein Kommentar: Es sei bei Autisten ein großer Fehler von dem „Können“ einiger Dinge auf das „Können müssen“ anderer Dinge zu schließen.

Frage/Vorschlag 2: Da sie ja die Tiere so toll versorgt und das ihr Spaß macht: Das solle zum Motivator werden. Also: Sie darf die Tiere nur versorgen wenn sie vorher den ranzen runterbringt.

Ich wurde sauer: Das sei schließlich eine Bestrafung.

Antwort Dozentin: Ausbleibende Belohnungen sind eben eine Bestrafung. Das sei so, man müsse das positiv verkaufen.

Antwort Psychologin: So funktioniert Verhaltenstherapie eben.

Ich antwortete dann nur noch: Da ist es nicht mehr Weit zu ABA und Co.

Es ging eine Weile hin und her. Ich wurde innerlich immer wütender und platzte dann nochmal hervor: Wenn man das so machen würde, würde man der Autisten eine Routine nehmen. Etwas Alltägliches aber wichtiges zu einer „Belohnung“ machen die eine Bestrafung sei. Und ob sie denn meinten, dass das Wegnehmen dieser Routine hilfreich sei. Und das man eigentlich gelernt haben sollte, dass Routinen für Autisten wichtig sind und man ihnen diese STRUKTUR (worum es in TEACCH ja geht) nicht wegnehmen darf!

Gelernt haben sie nichts. Gar nichts. Belohnungssystem schlägt eben alles.

Es fielen vorher und nachher noch Stichworte wie „Fixierung“, „gerichtlicher Beschluss“ und solche Argumentationsketten wie: Spricht nicht => kommuniziert nicht (!) => kognitive Fähigkeiten nicht vorhanden.

Dazu passt eine von der Dozentin häufiger gemachte Aussage:

„Wir müssen überlegen wie wir Autisten dazu bringen das zu tun was sie sollen

Soviel zum Weltbild der Dozentin (Sonderschul-Pädagogin) und einiger Teilnehmer.

Auch kam die Frage ob daran geforscht wird, den Grund für die Reizüberflutung (also die Reizfilterschwäche) abstellen zu können. Setzen 6: Autismus nicht verstanden.

Das ist nur ein ganz kleiner Einblick in das was ich die zwei Tage erleben und ertragen musste. Auf einer Fachweiterbildung zum Thema TEACCH. Einer Weiterbildung in der sehr viele Menschen saßen die von sich behaupteten nicht viel über Autismus zu wissen. Oder doch sehr viel. Einer Fachweiterbildung bei der die Dozentin als Koryphäe gilt und deswegen Menschen zu ihr geschickt werden. Eine Dozentin die, nach eigener Aussage, sehr gerne ABA Seminare gegeben hat und gerne wieder geben würde und die sich als Mitglied des Institutes für Autismusforschung bezeichnet.

Teilnehmer die sehr gute Wertungsnoten gegeben haben….weil sie nicht wissen dass es auch Besser geht. Woher sollen sie es auch wissen? Gegen solche Dozenten mit 20 Jahren Berufserfahrung mit Autisten hat man als autistischer Dozent eben keine Chance.

Noch nie war ein Paradigmenwechsel so notwendig wie heute.

 

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49 Antworten zu Von einem der auszog etwas zu lernen….

  1. Atari-Frosch schreibt:

    Es schmerzt, es tut weh und ist kaum auszuhalten was über Autisten gedacht wird. Von Fachleuten wohlgemerkt.

    Fachleute? Nein, „Fachleute“ und „selbsternannte Experten“. Fachleute, ohne Anführungszeichen, trifft hier einfach nicht zu. Es sind keine Fachleute. Es sind schädliche Möchtegerns, die eigentlich keine Ahnung haben, nicht besser als MMS-Fetischisten.

    • quergedachtes schreibt:

      Ich bin ehrlich: Auf das Thema MMS habe ich bei der Diätdiskussion nur gewartet….Ich wäre aufgestanden, gegangen und hätte mein Geld zurückgefordert.
      Ich sehe es wie Du…nur sind diese Menschen in der Gesellschaft eben Fachleute in Bezug auf den Umgang mit Autisten😦

  2. sam Becker schreibt:

    ich selber tue mir auch jedesmal solche schulungen an, wenn sie in meiner nähe stattfinden und genau wie du mache ich die gleichen erfahrungen. Mein glück bisher waren es immer Elternkreise für die diese Schulungen oder Präsentationen abgehalten wurden. Leider musste ich auch dort oft eingreifen und sachen korregieren, die wenn sie sie genau so angewendet hätten dem autist enorm geschadet hätten. Bei einem Termin wurde mir Plötzlich mehr beachtung geschenkt wie den vorträgern selber und auf einmal waren die auch nicht mehr Interressant sondern die fragen der Mütter gingen nur noch an mich. Eine freundin schilderte das ihren freunden so: sam hat übernommen und rockt nun den Laden!😉. ich denke es sollten noch viel mehr autisten den mut aufbringen einfach zu solchen schulungen hin zu gehen und aus ihren erfahrungen zu berichten. Zeit wird es dafür auf jeden fall *weiter so*

    • quergedachtes schreibt:

      Solche Fortbildungen sind leider nicht ganz günstig. Mich hat der „Spaß“ inkl. Hotel für drei Nächte und Zug fast 1.000 Euro gekostet.
      Dazu kommt: Da ich selbst Dozent/Referent bin wäre es unangebracht so eine Veranstaltung zu „übernehmen“ (ich bekomme ja auch kein Geld dafür das auszubügeln). Aber dafür habe ich ja u.a. meine Gesprächsrunden🙂 Da brauche ich solche „Übernahmen“ nicht🙂

  3. sam Becker schreibt:

    da konnte ich leider nichts dafür, *achselzuck* habe es dann auch beendet und erklärt das das hier ja nicht meine veranstaltung sei, aber die Mütter ließen nicht ab, mir immer wieder fragen zu stellen. Aber ich musste wirklich bei ein paar dingen, die katastrophal waren, was sagen, sonst hätte mich das da aufgefressen. Und was die Mütter dann daraus gemacht haben, da konnte ich nichts für. Und dem ganzen einheit haben die vorzutragenden auch nicht geboten, sondern mich gewähren lassen bzw immer die fragen der eltern an mich durch gelassen. Besser war es auf jeden fall, denn grusel-shows braucht kein autist. Im übrigen wurde deren konzept aus einem einzigen buch geschrieben, was sie jemals von einem Autisten gelesen hatten, und das gaben die voller stolz zu.( Buch von birger sellin.) und die einführung war mal sehr….. wer eröffnet bitte eine autismus veranstaltung mit dem Pur lied: ich will kein in mich mehr sein ? einfach nur gruselig

    • quergedachtes schreibt:

      Birger Selin? Matzies war in dessen „Kompetenzteam“ und praktiziert(e) ABA. Und die wiederum hat Bücher mit Nicole S. veröffentlicht die sich nun nicht mehr als Autistin empfindet.
      Es wäre wichtig wenn Eltern solche Menschen nicht einladen sondern eben Autisten. Dann würden sie mehr über Autismus erfahren und die Autisten hätten dabei auch noch ein kleines „Auskommen“.

  4. sam Becker schreibt:

    kein witz die standen da und haben stolz erzählt, wie sie auf das Buch Birger Selin gestossen sind, sich das durchgelesen haben und an hand einzelner Passagen aus diesem Buch heraus dann ihr Behandlungskonzept erarbeitet hätten. Von ABA haben zum glück nichts gesagt, aber war schon heftig das sie das voller stolz bräsentierten und augenscheinlich auch noch das als einzigste referenz angaben. nur aus diesem Buch sei das Konzept entstanden …. dann ging das ganze auch schon los, autisten sind ja in sich gefangen und wollen aus ihrem kerker raus und wie könnte man das schaffen ? usw usw es wurde noch viel gruseliger aber das mag ich euch an der stelle gerne ersparen. Ich habe dort sehr gelitten unter den komischen ansichten dieser Vortragenden noch viel mehr tut es weh, wenn ich mir dann vorstelle das auch nur ein kleiner autist zu denen in die Therrapie geht

  5. Anita schreibt:

    Zitat: „Noch nie war ein Paradigmenwechsel so notwendig wie heute.“

    es bleibt einfach nichts anderes nötig, als weiterzumachen, uns weiter zu vernetzen und aufzuklären!

    Aleksander,

    Du hast meine volle Hochachtung, für Deinen Einsatz, Deinen Willen Dich über den „Teller-Rand“ hinaus zu informieren; und dafür dass Du nicht aufgibst!

    Diese Art „Fach“-Leute sind für mich Schubladenmenschen, deren Sortierwillen man nicht aberziehen kann *Sarkasmus off*
    Denen ist auch überhaupt gar nicht klar, wenn sie die selbstgeschaffene Struktur des autistischen Menschen zerstören, es dadurch geradezu unmöglich machen, eine künstlich erschaffene Struktur zu etablieren.

  6. Zarinka schreibt:

    „Dann WILL sie wohl einfach nicht den Ranzen nach unten bringen.“
    „Antwort Dozentin: Ausbleibende Belohnungen sind eben eine Bestrafung. Das sei so, man müsse das positiv verkaufen.“
    „Antwort Psychologin: So funktioniert Verhaltenstherapie eben.“

    Also irgendwie verstehe ich dieses ganze Gerede (was jetzt also solche Verhaltenstherapien angeht) nicht. Wie viele Verhaltenstherapieansätze (oder wie immer ich das jetzt nennen soll) gibt es denn so unter diesen Verhaltenstherapie-Anhängern nun eigentlich?

    Quelle: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LERNEN/Verhaltenstherapie.shtml
    © [werner stangl]s arbeitsblätter

    „Heute vertritt die Verhaltenstherapie ein ganzheitliches Bild des Menschen. Dabei ist von besonderer Bedeutung, dass der Klient als der Experte seiner Probleme gesehen wird.“

    Nun frage ich mich jedoch: wie sieht dieses ganzheitliche Bild des Menschen (was ja heute vertreten wird) denn nun bei Autisten aus? Wird da das ganzheitliche Bild jetzt anders bewertet? Und wenn ja, warum?

    Quelle: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LERNEN/Verhaltenstherapie.shtml
    © [werner stangl]s arbeitsblätter

    „Bei allen Veränderungstechniken, die auf mentalem Weg versuchen, menschliches Verhalten und Denken zu verändern, ist zu berücksichtigen, dass diese Veränderbarkeit ihre Grenzen hat. […]
    Die angeborenen und erlernten Steuerprogramme sind mächtig und bestimmen die Denkweise, die Emotionen und Verhaltensweisen, auch gegen den Willen und gegen unsere Interessen.
    ……
    Es ist sinnvoll, bei der Bestimmung und Realisierung von Zielen, bei der Lösung von Problemen die Grenzen der Veränderbarkeit zu berücksichtigen. Man sollte daher nicht versuchen, Eigenschaften zu verändern, die kaum oder nicht zu verändern sind bzw. Eigenschaften zu entwickeln, die kaum oder nicht zu entwickeln sind. Es ist günstiger, die grundlegenden Merkmale in das Leben mit einzubeziehen, anstatt gegen die „Natur“ anzukämpfen. Aus einem Introvertierten etwa, der eher selbstbezogen und reserviert ist, wird wohl nie ein Extrovertierter, der kontaktfreudig und gesellig ist, werden – und umgekehrt. Quelle: http://www.skripta.at/mentales-training-text.html (03-06-08)“

    Ist ja schön, wenn man es für sinnvoll erachtet Grenzen der Veränderbarkeit zu berücksichtigen…nur, warum wird es dann nicht auch so gemacht?

    Anscheinend eben alles nur schöne Worte…mehr wohl nicht.

    • Anita schreibt:

      Bei all den Psychologen und „Experten“ zur Verhaltenstherapie ist zu beachten

      wo
      bei wem
      und wann

      sie studiert haben.

      Auch diese Prägung ist nicht so einfach zu durchbrechen!

  7. butterblumenland schreibt:

    Gerade gestern das Thema auch gehabt. Es ist unfassbar schwer, eine vernünftige und seriöse Fortbildung zum Thema TEACCH zu finden, die nicht entweder total oberflächlich oder von falschen Annahmen durchsetzt ist. Außer Selbermachen ist mir allerdings bisher auch keine Lösung eingefallen. Und zum Selbermachen weiß ich einfach noch zu wenig.

  8. Frau Anders schreibt:

    Schrecklich! Mehr fällt mir dazu kaum ein. Vielleicht sollten wir wirklich noch lauter Werbung für die guten Sachen machen. Es läuft ja schon langsam minimal an wie ich finde. Es gibt so viele wirklich gute Dinge, Therapien, Ansichten, Helferlein etc. aber von denen hört man leider immer noch viel zu selten. Vielleicht sollten wir alle die da was tolles kennen lauter klappern und rasseln als die mit dem doofen Zeugs. Die, die dazu in der Lage sind sollten es an die Elterngruppen, Ärzte und Therapeuten tragen. Ich überlege auch selber schon eine ganze Weile wie ich meinen Teil dazu beitragen kann. Ich kann mir vorstellen das Thema was Autismus wirklich ist und was es für tolle verschiedene Möglichkeiten gibt den Alltag mit kleinen Dingen kreativ zu erleichtern selber beruflich als Therapeut für Patienten, Angehörige und vor allem andere Therapeuten irgendwie laut in die Welt zu tragen. Es arbeitet da schon in mir. Ich hab keine Lust mehr immer nur gegen etwas zu arbeiten. Für eine Sache arbeiten ist doch viel angenehmer. Packen wir es an!

  9. Pingback: Markierungen 09/14/2015 - Snippets

  10. Pivo schreibt:

    Hallo,

    ich muss hier erneut mal zum Thema Verhaltenstherapie etc. Stellung beziehen. Da wird etwas verteufelt, was, richtig eingesetzt, durchaus hilfreich ist und seinen Nutzen hat. So wie mit allen Dingen ist es doch bei der Verhaltenstherapie. Es geht darum, überlegt und strukturiert etwas zu verändern im Verhalten, dass einen MEnschen daran hindert, die Dinge zu erlangen, zu erreichen oder einfach nur zu tun, die er möchte. Sei es nun der Junge, der sich nicht traut, durch einen Tunnel zu kriechen, weil er Angst vor Spinnen hat. Natürlich kann man da sagen: Ist doch gesund, Angst vor Spinnen zu haben, ist genau richtig, nicht durch den Tunnel zu kriechen, lass den Jungen so, wie er ist. Aber der kleine Junge hat vielleicht den großen Wunsch danach, sich zu trauen. Und da kommt die Verhaltenstherapie mit ihren Mechanismus von Belohnung um die Ecke und ist in der Lage, diesem Jungen zu helfen. Kann das der Junge schon selber entscheiden, sollte er das selber entscheiden? Eine Frage, die man immer im Einzelfall mit Patient oder Eltern beantworten muss. Und das geht natürlich nur, wenn Informationen vermittelt werden. Also, niemand würde, glaube ich, behaupten, dass es für diesen kleinen jungen schädlich ist, seine Angst zu überwinden und Mut zu finden, durch den Tunnel zu kriechen. DAs gelingt, wennn der Junge sich selbst oder von anderen belohnt wird. Belohnung kann dabei total viel sein: Lächeln der Eltern am anderen Ende des Tunnels, die eigenen Erleichterung spüren, ein Gummibärchen, Sonnenstrahlen, die Obstwiese am anderen Ende des Tunnels, Anerkennung der Gleichaltrigen…

    Und so auch bei Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen auf dem Spektrum (so hat mir übrigens ein Mensch mit ASS erklärt, am liebsten genannt zu werden). Es gibt Verhaltensweisen, die in bestimmten Situationen total wichtig sind (Stimming), in anderen Situationen den beispielsweise Jugendlichen selbst total stören und er für solche Situationen gerne eine alternative Verhaltensweise erlernen möchte. Das geht am besten durch Verhaltenstherapie! Ist nunmal so.Und autismusspezifische Verhaltenstherapie versucht eben, die Besonderheiten der Informationsverarbeitung eines „autistischen Gehirn“ zu Berücksichtigen. Blickkontakt braucht ein Mensch mit ASS vielleicht nicht unbedingt. Aber hilfreich kann der schon mal sein, wenn man sich in der Welt bewegt. Also, was spricht dagegebn, Verhaltensweisen zu lernen, die einem weiterhelfen. Ich bin gespannt auf eine Antwort, wie nicht, so ist mein Gefühl zunehmend, wenn ich diesen Blog verfolge, „ideologisch“ eingefärbt ist, entschuldigt bitte dieses drastische Wort. Ich arbeite beruflich mit Kindern und Jugendlichen und deren Familien zusammen. Und da weiß ich aus entsprechenden Rückmeldungen, dass ABA geholfen hat (von den Betroffenen selbst). Ich freue mich auf eine lebhafte Diskussion!

    LG
    Pivo

    • quergedachtes schreibt:

      Hallo Pivo,

      ich denke Du vermischt hier mehrere Punkte.

      1) Wenn ich mich gegen ABA und andere an den Behaviorismus angelehnte „Therapien“ ausspreche bedeutet das nicht, dass ich Verhaltenstherapie generell nicht gut finde.
      2) Zu deinem Beispiel: In diesem Fall ist es der Wunsch des Jungen diese Angst zu überwinden. Bei ABA werden die Kinder nicht gefragt, es sind die Eltern die bestimmen was mit dem Kind passiert
      3) Was ich an ABA und anderen ähnlichen Methoden kritisiere:
      a) Es werden Kinder ab dem 2. Lebensjahr „therapiert“. Nach dem was die Eltern gerne hätten.
      b) Eltern therapieren und sollen einerseits interpretationsfrei das Verhalten bewerten aber andererseits „Unerwünschtes Verhalten“ abstellen. Wer definiert unerwünscht?
      c) 30 bis 40 Stunden Therapie und Kontrolle über das Verhalten des Kindes sind gegen die Menschenrechte der Kinder. Einige Therapien empfehlen die komplette Wachzeit des Kindes zu kontrollieren!
      d) Mal eine Löschung miterlebt? Wenn das was die Eltern verbockt haben wieder korrigiert werden muss?
      e) Es wird zu Hause therapiert. Dem Kind fallen also nicht nur die Eltern als sichere Rückzugsmöglichkeit weg sondern auch sein Zuhause inkl. dem Kinderzimmer.
      f) ABA verstößt gegen Menschenrechte und die Rechte behinderter Menschen nach der UN-BRK
      g) Das Menschenbild hinter ABA ist, in meinen Augen, grausam. Autisten sind „defekt“ und müssen -gegen ihren Willen- umerzogen werden. Sie sollen ihren Autismus verlernen.

      4) Ich sehe nicht, dass dieser Blog ideologisch ist. Er ist persönlich. Und ich beziehe als Person klar Position zu verschiedenen Punkten und Themen. Sowas nennt man Meinung. Ideologie ist was anderes.

      Grüße

      Aleksander

      • Pivo schreibt:

        Lieber Aleksander,

        danke für deine Antwort:

        Folgendes möchte ich dir gerne entgegnen, ebenso wie Anita: Er davon spricht, ein Kind zu brechen oder ähnliches Vokabular benutzt, hat in einer therapeutischen Einrichtung nichts zu suchen. Und wer einem Kind seinen sicheren Rückzugsorte nimmt, ebenso wenig. Da gebe ich euch völlig recht. Doch gibt es auch ABA Übersetzungen oder Anwendungen, die so einfach nicht ablaufen, Lehrbuch hin oder her. Wenn ich einen Jungen bei mir in der Therapie habe und dieser im Spiel mit mir Blickkontakt auf nimmt und ich dann kitzele oder anlächle oder sonst etwas tue, dann ist genau das ABA. Ich verstärke gezielte und strukturiert ein Verhalten, welches ein Kind noch nicht gelernt hat, welches es aber dazu in die Lage versetzt, zu lernen und sich besser in der nicht-autistischen Welt zurecht zu finden und in Kontakt zu kommen mit dieser Welt. Ist ABA! Ich persönlich sehe keinen Schaden und keinen Verstoß gegen Menschenrechte?

        Ich glaube, hier komme ich dem Punkt näher, der mich in der hier geführten Diskussion stört. ABA muss so aussehen, wie Lovaas es sich ausgedacht hat. Falsch. Es liegt immer daran, wie ein Therapeut dies umsetzt.

        Weiter:

        Ja, Löschung erlebe ich täglich! Kein Problem und für kein Kind schädlich. Wenn ein Kind etwas haben möchte (mit oder ohne Diagnose), und einen Laut von sich gibt, dann reagieren die meisten Eltern auf dieser Welt nicht auf ein „Ey“. Es wird nicht reagiert, das Verhalten wird „gelöscht“.

        40 Stunden Therapie: Geht garnicht, wer soll das durchhalten? Wie soll das auf Dauer gehen. In dieser Intensität völlig fehl am Platz, gebe ich jedem hier recht. Allerdings finde ich es wichtig, Eltern zu schulen, bestimmte Verhaltensweisen bei ihren Kindern wahrzunehmen, die Kontakt bedeuten. UNd diese zu verstärken. Ist auch ABA und bringt aus meiner Sicht keinen Schaden.

        Also, nicht ABA ist das zu verteufelnde Ding, sondern Therapeuten, die es scheuklappen mäßig ohne Sicht des Kindes anwenden.

        Wie seht ihr das?`

        LG
        Pivo

        • quergedachtes schreibt:

          Hallo Pivo,

          „Er davon spricht, ein Kind zu brechen oder ähnliches Vokabular benutzt, hat in einer therapeutischen Einrichtung nichts zu suchen. Und wer einem Kind seinen sicheren Rückzugsorte nimmt, ebenso wenig.“

          Das ist aber genau eine der Gemeinsamkeiten der Anbeiter von ABA bzw „abgewandelter“ Methoden wie z.B. das BET. Hier wird, wie schon erwähnt empfohlen, dass die Kinder die komplette Wachphase kontrolliert werden. Das geht nur an einem „sicheren Rückzugsort“ der dem Kind damit automatisch entzogen wird.

          „Ich glaube, hier komme ich dem Punkt näher, der mich in der hier geführten Diskussion stört. ABA muss so aussehen, wie Lovaas es sich ausgedacht hat. Falsch. Es liegt immer daran, wie ein Therapeut dies umsetzt.“

          Wie oft müssen aktive Autisten genau das hören? Und wie oft wird sich trotzdem auf Lovaas berufen? Wie oft wird gegen die Rechte der Menschen mit Behinderung verstoßen? Und wie oft müssen kleine Kinder diesen Drill ertragen?
          Es geht hier nicht darum das man Erfolge belohnt. Wenn also ein autistisches Kind von sich aus, ohne Befehl und stundenlangen Drill, Blickkontakt aufnimmt und man das belohnen möchte: Bitte. Wenn man das allerdings durch ständige Aufforderung, Entzug von Dingen oder Rückzug erzwingt ist das nicht tragbar. Es geht um die Art und Weise wie diese „Erfolge“ erzwungen werden. Als Autist ist es für mich unerträglich zu sehen das kleine Kinder so extrem gedrillt werden. Zeitlich wie auch Inhaltlich. Das man ihnen Selbstregulationsmechanismen abgwöhnt weil man sie von außen als „Unerwünschtes Verhalten“ empfindet und definiert. Nicht der Name „ABA“ ist das Problem. Das Menschenbild dahinter und die Duchführung ist es. Behaviorismus sieht Menschen als Maschinen. Menschen sind programmierbar.

          Löschungen unter ABA sehen durchaus nicht so harmlos aus wie Du das beschreibst. Ja: Man ignoriert das Kind. Stundenlang. Egal was es macht. Es ist der „Löschtrotz“ den man ignoriert und bekämpft. Man lässt das Kind schreien und alleine. Und sowas wird dann noch filmisch festgealten und auf Vorträgen als „Erfolg“ verkauft. Ich habe es ansehen müssen.

          Löse Dich vom Begriff „ABA“. Es geht hier um die unmenschliche Behandlung von Autisten. Weil man Autisten das autistische Verhalten „verlernen“ möchte und ihnen „normatives Verhalten“ anerziehen. Es geht um das Weltbild der Menschen die solche Therapien propagieren, daran forschen und sie, mit Bezug auf Lovaas, als einzige wissenschaftlich bewiesen wirksame Therapie bei Autismus verkaufen. Es geht um Menschen die sogar erreichen wollen das BET und Co ausschliesslich in ATZ angewandt werden sollen. Es geht um Therapien die autistische Kinder kontrollieren, sie mit intensivstem Zeitaufwand auf Norm biegen und ihnen jede Rückzugsmöglichkeit nehmen. Es geht um Programme die sowas anstreben und mit sehr viel Geld gefördert werden. Wie die sich dann nennen ist zweitrangig. Hier wird Geld mit der Hoffnung der Eltern gemacht den Autismus des Kindes mildern/heilen zu können.

          ich lasse die Argumente: „Dann liegt das aber an den Therapeuten“ und „Das ist dann aber kein ABA“ nicht gelten. Damit wurde viel zu lange relativiert welches Leid mit oben beschriebenen Methoden angerichtet worden ist. Das ist hier auch keine Ideologie. Im Gegenteil: An den Reaktionen von ABA Anbietern wie Knospe sieht man wie ideologisch aggressiv sie selbst gegen Kritiker vorgehen.

          Letztendlich bleibt dann immer die Argumentation: Kritiker von ABA haben keine Ahnung und möchte bitte still sein. Und das werden wir eben nicht mehr.

          Grüße

          Aleksander

        • Anita schreibt:

          Hallo Pivo,

          Zitat: „40 Stunden Therapie: Geht garnicht, wer soll das durchhalten? Wie soll das auf Dauer gehen. In dieser Intensität völlig fehl am Platz, gebe ich jedem hier recht. “

          ich bitte Dich, die hier in Deutschland angebotenen Therapien und den Stundenaufwand zu ergoogeln.
          Ich bitte Dich, zur Kenntnis zu nehmen, dass es von Jugendämtern als „sinnig“ und zielführend angesehen wird, dass solche Therapien eingesetzt werden und nichts anderes mehr finanziert wird (werden soll).
          Ich bitte Dich zur Kenntnis zu nehmen, dass damit die Wahlmöglichkeit der Eltern und die Freiheit der Kinder massiv eingeschränkt wird.

          Und wenn man dann bedenkt, und bitte googel mal danach, mit welchen???? Informationen Eltern, deren Kinder frisch diagnostiziert wurden, in die „freie Wildbahn“ entlassen werden………….

          dann ist es hohe Zeit, dass die erwachsenen Autisten für die Kinder einstehen und aufklären und anprangern!

          Und das die Eltern autistischer Kinder sich anschließen, um an der Veränderung mitzuwirken!

          Heutige, frisch diagnostizierte Eltern, erhalten NICHTS

          KEINE Informationen
          wenige Anlaufstellen
          gehen zum Amt und möchten Hilfe und bekommen „BET, ABA nach Knospe, MIA“ und verwandte Angebote

          und möchten ihrem Kind helfen und kommen nicht weiter.

          Wenn Du mit den Sorgen beladen (dem Schulsystem was unerbittlich näher rückt im Nacken) nach 6 – 18 Monaten dann endlich einen Therapieplatz hast, es nicht passt, dass Kind zu zerbrechen droht, DANN

          wird Dir als Eltern noch mangelnde Mitarbeit vorgeworfen.

          Verstehst Du die Idiotie dieses Kreislaufes??

        • Anita schreibt:

          PS: Ich hatte Dir Fragen gestellt, magst Du diese beantworten?

        • Anita schreibt:

          Zitat Pivo: „Also, nicht ABA ist das zu verteufelnde Ding, sondern Therapeuten, die es scheuklappen mäßig ohne Sicht des Kindes anwenden.“

          und wer meinst Du bildet hier in der Hauptsache aus?

          Auch hierzu hätte ich gerne eine Antwort.

          Man bedenke, dass viele Schulbegleiter an ATZ’s Fortbildungen (oder wie dieses Teacch-Seminar) besuchen und dann damit auf Kinder und Jugendliche losgelassen werden.

          Oder gar im „Wissen“, dass sie „Fach“-Wissen erlangt habe, sich gar erdreisten, über die Korrektheit der Diagnose mit Ämtern zu „fachsimpeln“🙄

          ALLES schon erlebt, und immer zum Schaden des Kindes!

        • Dario schreibt:

          „Wenn ich einen Jungen bei mir in der Therapie habe und dieser im Spiel mit mir Blickkontakt auf nimmt und ich dann kitzele oder anlächle oder sonst etwas tue, dann ist genau das ABA. Ich verstärke gezielte und strukturiert ein Verhalten, welches ein Kind noch nicht gelernt hat, welches es aber dazu in die Lage versetzt, zu lernen und sich besser in der nicht-autistischen Welt zurecht zu finden und in Kontakt zu kommen mit dieser Welt. Ist ABA!“

          Hallo Pivo,

          was du da beschreibst, ist so banal wie nur irgendwas: Das Kind zeigt ein erwünschtes Verhalten, der Erwachsene zeigt sich erfreut und belohnt das Kind dafür. Das ist keine Therapie und auch keine „Wissenschaft“, das ist ein traditioneller Erziehungsmechanismus, der schon seit Jahrtausenden so praktiziert wird. Wenn das die Essenz von ABA sein soll, dass erwünschtes Verhalten belohnt wird, dann ist ABA trivialer und oberflächlicher, als ich dachte. Dann verstehe ich nicht, warum man daraus eine vermeintliche „Wissenschaft“ mit aufgeblähten Therapieprogrammen machen muss, wenn es am Ende auf Methoden hinausläuft, die schon meine Großeltern kannten und praktizierten. Was soll daran so besonders oder einzigartig sein?

    • Anita schreibt:

      Aleksanders sehr guten Standpunkten, die ich voll unterschreibe, habe ich eine Frage zuzufügen.

      Wie alt sind die Kinder / Betroffenen, die Dir Rückmeldung zu ABA gegeben haben?
      Wie viele Personen sind dies?

      Oder haben die Eltern die Rückmeldung gegeben?

      Und ideologisch? Ernsthaft??

      Ich bin Mutter von vier autistischen Kindern.
      Die Kinder benötigen ihren Rückzugsraum.
      Wenn ich in den ersten 5 Lebensjahren ausschließlich therapiert hätte, wie es ja die „Vorschrift“ all dieser Therapiemodelle ist, die auf ABA fußen;
      dann hätten meine Kinder niemals eine eigene Persönlichkeit entwickelt.
      Ich hätte sie gebrochen.

      Das rächt sich über die Jahre!

      Ein Autist Jahrgang Anfang 1960, dessen Sohn diagnostiziert spät diagnostiziert wurde, sagte klar, dass er genauso war wie sein Sohn!
      Und ihm wurde der Autismus ausgeprügelt!
      Und das hat Schäden hinterlassen.
      Ohne Prügel zwar, aber doch massiv eingreifend wirkt ABA.

      Denn der Wunsch nach Lösung eines Problemes kann im Alter von 2 – 5 Jahren selten bis gar nicht vom Kind kommen!

      • Pivo schreibt:

        Hallo Anita,

        die sind in einem sehr unterschiedlichen Alter. Wie viele, kann ich dir nicht sagen, da ich darüber nicht Buch führe.
        Eine „Vorschrift“ in einem Manual für Therapie sollte einen Therapeuten nicht in erster Linie interessieren. In erster Linie, und so tue ich das, sollte man sich die Familie und das Kind interessieren und was diese möchten. Und glaube mir, ein Kind mit 3 oder auch 5 Jahren kann durchaus kommunizieren, was es möchte oder NICHT möchte. Deswegen habe ich viele verschiedenen Ausbildungen gemacht, um dies erkennen zu können. Und da ist nicht nur verbale Sprache ausschlaggebend.

        Du hast auch weiter oben oder unten geschrieben, dass Familien mit dieser Diagnose alleine gelassen werden. Da würde mich interessieren, wo das so ist. Da wo ich arbeite, werden Kinder und ihre Familien so lange betreut und beraten, so lange diese dies Wünschen. Und wenn diese Diagnose vergeben wurde, geht es doch erstmal darum, zu erklären, was diese Diagnose bedeutet, warum diese vergeben wurde und welche Möglichkeiten es gibt.
        Und ich selbst berate aktuell ungefähr 15 Familien in unterschiedlicher Intensität. Und da sind Familien dabei, die sich intensiv über ABA Methoden haben beraten lassen und diese strukturiert im Alltag einsetzen. Kein Problem, das Kind hat trotzdem genauso viel Freiraum und Rückzugsraum, wie andere und kann Dinge lernen, die es auf Grund seiner veränderten Wahrnehmung sonst vielleicht nicht lernen würde. Und da geht es eben um „banale“ (wie jemand schrieb) oder aber auch, so würde ich es bezeichnen „grundlegende“ Möglichkeiten zur Kommunikation mit Menschen, die keinen Autismus haben, mit denen aber trotzdem zusammengelebt wird.

        Ich kenne die Schwierigkeiten, die Ämter verursachen und versuche, an der Seite von betroffenen Familien zu stehen und diesen zu ihrem Recht zu verhelfen.

        In dem Raum, in dem ich arbeite, gibt es kaum ein Jugendamt, das derart intensive Therapiemaßnahmen finanziert. Und nach meinen Erfahrungen gibt es schon garnicht die Weisungsbefugnisses eines JA hinsichtlich der Therapieinhalte. Das entscheidet weiterhin der Therapeut, ebenso haben die Eltern das Wunsch- und Wahlrecht (und brauchen dafür eingehende Beratung).

        Ich bitte zur Kenntnis zu nehmen, dass ich über viele Jahre Erfahrung in diesem Bereich verfüge und hier nicht mitdiskutieren würde, wenn ich diese nicht hätte.

        Lieber Aleksander,

        es mag sein, dass es aggressives VErhalten von ABA verfechtern gibt (Ich selbst habe schon mit Menschen von KNOSPE zusammen gearbeitet, diese waren sehr kompetent und reflektiert und haben nich so gearbeitet, wie du es beschreibst). Aber wenn du Menschen kennst, die da anderer Erfahrungen gemacht haben oder machen, ist das natürlich nicht hinnehmbar. Und ich werde dies auch in meiner Beratung hier berücksichtigen.

        Wenn ich selbst mit einem Menschen mit Autismus arbeite, verfolge ich sicherlich nicht das Ziel, normatives Verhalten anzulernen. Es geht eher darum, einem Menschen die Möglichkeiten beizubringen, in verschiedenen Situationen so kommunizieren zu können und so interagieren zu können, dass es für ihn und den anderen gut verläuft. Und den Menschen, die ich kenne, die autismusspezifische Verhaltenstherapie anwenden, ein solches Menschenbild per se zu unterstellen halte ich für falsch und nicht fair. Ich jedenfalls bin nicht so ausgebildet worden.

        Ich wehre mich hier entschieden dagegen, mit Menschen, die sagen „Kritiker von ABA haben keine Ahnung und sollen ruhig sein“ in einen Topf geschmissen zu werden. Ich wehre mich entschieden dagegen, aggressiv ABA oder ähnliches zu verteidigen. Und ich wehre mich entschieden dagegen, dass alle Menschen, die nach den Methoden von ABA arbeiten, abgestempelt werden, dass sie ein menschenverachtendes Menschenbild hätten und nur Geld sehen wollten (denn dies kommt hier zwischen den Zeilen und manchmal auch direkt benannt vor).
        Auch wenn es viel Mühe kostet, macht es immer Sinn, genau hinzuschauen und zu differenzieren. In Alle Richtungen.

        LG
        Pivo

        • quergedachtes schreibt:

          Hallo Pivo,

          was Knospe betrifft: Da muss man nur dieses hier lesen um zu wissen wie der Chef des Ladens tickt:
          http://knospe-aba.com/cms/images/stories/pdf/Stellungn_Kritik_ABA_April15.pdf

          Ich denke wir drehen uns hier auch im Kreis. Ich habe objektive Kritikpunkte (Zeiteinsatz (bis zur kompletten Wachphase des Kindes), Eltern als Therapeuten, das für Autisten sichere Zuhause als Therapieort, das um- bzw wegerziehen von autistischen Verhaltensweisen und und und) an ABA und artverwandten Praktiken. Da dies alles Grundsätze von ABA (als eigenständige Methode) sind kann ich ABA und eben auch Menschen die dieses anwenden nicht gut heissen und werde mich weiterhin strikt gegen ABA einsetzen. Und eben auch gegen alle weiteren Methoden die zwar anders heissen aber ähnlich ticken.
          ABA beruht eben auf der Annahme, dass autistischen Kindern das autistische Verhalten verlernen und normatives erlernen sollen. Und das wird eben auch so praktiziert.
          Die Zeiten des Behaviorismus, oder noch schlimmer des radikalen Behaviorismus z.B. nach Skinner (Verbal Behavior das oft mit ABA zusammen angewandt wird) sind vorbei. Es gibt Besseres.

          Man sollte nie eines vergessen: Es wehren sich hier Autisten. Menschen für die diese Praktiken erfunden worden sind. Es sollte doch jeden Menschen nachdenklich machen wenn Autisten sich gegen Praktiken für Autisten wehren, oder? Anscheinend wiegt der „Gute Wille zu Helfen“ aber mehr als das Wort derjenigen denen damit vermeindlich geholfen werden soll.

          Grüße

          Aleksander

        • butterblumenland schreibt:

          In dem Moment, wo jemand kommt um ABA zu verteidigen und dabei Behaviorismus nicht von Verhaltenstherapie unterscheiden kann, ist schon jegliche Argumentation sinnlos. Und wer dann auch noch behauptet, nichts über den Umgang von Knospe mit Kritikern zu wissen, erspart mir die Mühe einer sachlichen Antwort komplett. Man muss schon extrem große Scheuklappen besitzen, um das alles nicht auseinander halten zu können bzw. nicht mitbekommen zu haben.

          Dann von Kritikern, die offensichtlich sehr wohl sehr umfassend informiert sind, sie mögen doch mal mehr differenzieren, ist schlicht lächerlich.

    • Inkshadows schreibt:

      Interessante Hinweise auf Introjekte.

  11. blutigerlaie schreibt:

    Glutenunverträglichkeit oh mei oh mei. Geballtes Unwissen + gut kaschierte Hilflosigkeit. VT über den Kopf hinweg funktoniert m.E. nirgendwo…

  12. blutigerlaie schreibt:

    Danke für deine Berichte!!!

  13. Dario schreibt:

    Besonders entlarvend finde ich das hier:

    „Ich wurde sauer: Das sei schließlich eine Bestrafung.
    Antwort Dozentin: Ausbleibende Belohnungen sind eben eine Bestrafung. Das sei so, man müsse das positiv verkaufen.
    Antwort Psychologin: So funktioniert Verhaltenstherapie eben.“

    Womit die oft gehörte Behauptung widelegt wäre, moderne Verhaltenstherapien kämen ohne Bestrafung aus. Meine Vermutung war schon immer, dass es sich dabei um einen gezielten Etikettenschwindel handelt. Strafe und Repression sind immer noch genauso präsent wie früher, sie kommen nur subtiler daher.

  14. Angela Middlecamp-Sommer schreibt:

    Lieber Alexander,
    solange in einem wissenschaftlichen Beirat ein Herr Professor Dose ist, der in einer Fortbildungsveranstaltung an einem Bezirkskrankenhaus Kempten verlautbart:`Autismus ist nur dann echt, wenn er vor dem 3. Lebensjahr auftritt…`, werden die Leute mit einer erst später aufgestellten Diagnose gar nicht ernstgenommen. Ich saß dort unter lauter Fachleuten, war nur so am Rande durch die Selbsthilfe für Angehörige psychisch Kranker eingeladen und hatte große Mühe dort mich ruhig zu verhalten. Die Frage eines Teilnehmers zum Scluß war, ob denn Autisten Gefühle haben.brachte den Tenor dieser Fortbildung auf den Punkt.
    Das Autismus Kompetenzzentrum in Kempten war nicht zu dieser Fortbidlung eingeladen.
    Der Bezirk zahlt für das Bezirkskrankenhaus Psychiatrie und wohl auch für das Kompetenzzentrum Autismus. Die Qualität der Fortbildung war schlecht, so weit ist die Kunde ins Kompetenzzentrum bereits vorgedrungen.
    Ca. 80 Teilnehmer `schlecht` fortgebildet, d.h.potentiell 80 Teilnehmer (minus ich), also dann 79, die dann Multiplikatoren dieser Ansicht werden. Dann noch minus den Personen, die wohl auch von einer schlechten Qualität sprachen, sonst hätte man ja nicht im Kompetenzzentrum Bescheid gewußt.
    Zusammnenfassend bemerkte dann Herr Dr. Brieger, Chefarzt des Bezirkskrankenhauses Kempten: `Erwachsene Autisten können schon in seine Ambulanz kommen, wenn sie denn eine `gescheite` Diagnose haben.` Ich habe das so verstanden, daß in einer Psychiatrie `gescheite` Diagnosen Psychosen, Zwänge, Schizophrenie, Depressionen, Phobien, Borderline, bipolare Störungen usw. wären.
    Ich selbst war mit meinem Sohn dort vorstellig gewesen und hatte größte Mühe eine Schizophrenie Diagnose von meinem Sohn abzuwenden. Selbst wenn ich als `Laie` den Informationsflyer zu Schizophrenie aus dem Sprechzimmer dieser Ambulanz lese, kann ich in keinem einzigen Punkt, wirklich gar keinem, einen Ansatz von Schizophrenie erkennen.
    Als nächster `Hammer` kam dann die Hauptdiagnose im medizinischen Bericht für den Bezirk (Antrag auf eine stundenweise ambulante Unterstützung): frühkindlicher Autismus.
    Aus keinem einzigen ärztlichen Bericht ging dies, wohlgemerkt, hervor.
    Nach 3 Tagen war es mir möglich diese Diagnose telefonisch auch noch anzusprechen.
    `Ich habe mich wohl verschrieben`, es stand halt dann danach `Asperger`. Ich hatte den Eindruck: Jacke wie Hose diese blöde Diagnose, was soll`s.
    Auf der Suche nach einem Leistungserbringer, der die veranschlagten 3 Stunden in der Woche ambulant leisten möchte, erfuhr ich, daß es besser wäre, wenn da der frühkindliche Autismus stehengeblieben wäre, dann bekäme man Leistungen. `Für den Asperger gibt es Nichts`.

    Mir geht es um Sorgfalt der Diagnostik. Also lieber sitze ich da mit einer `Null-Leistung`, als daß ich anfange falsche Diagnosen vorzulegen, was ja im Prinzip nichts Anderes ist als Betrug (falscher Diagnoseschlüssel = wirtschaftliche Kriminalität).

    Übrigens hat der angefragte Leistungserbringer in Bezug auf meine Person gemeint: `Sie sind dominant, ihr Mann tut mir leid`.

    Ich würde mal vermuten, daß weitere Berührungspunkte mit diesen Stellen für mich nicht von Vorteil sind und mich eher in eine `seelisch bedrohte` Situation zu bringen drohen.

    Ratlosigkeit ist mein ständiger Begleiter in dieser Zeit, ich tröste mich mit Deinem blog…

  15. Zarinka schreibt:

    Zitat Pivo „Wie seht ihr das?“

    Irgendwie verstehe ich (selbst ebenfalls Autist) gerade nicht was dieses Beispiel (also mit der Spinne und durch den Tunnel kriechen) jetzt mit „Lernen“ zu tun hat. Dieses Kind lernt in solchen Augenblicken doch fast so gut wie gar nichts. Es sei denn ihm wird gleichzeitig dabei erklärt dass es unter Spinnen recht viele verschiedene Arten gibt, von denen einige auch sehr giftig sein können (wobei es in diesem Fall dann unter Umständen sehr wohl schädlich sein könnte, dennoch durch so einen Tunnel zu kriechen) jedoch viele andere Spinnen nicht. Durch genaueres Betrachten könnte man ihm z.B. zeigen wie sich eine Spinne fortbewegt, wie viele Beine sie so hat, wie sie vorgeht wenn sie ein Netz baut und vieles andere mehr noch. Auf diesem Weg kommt ein Kind doch dann auch in Kontakt mit der Welt.

    Ich finde es auf jeden Fall wichtig dass auch schon Kinder erfahren dürfen müssen, dass Angst ein völlig normales Verhalten in unserem Leben ist, und es völlig normal ist wenn man sich traut diese Angst auch zuzulassen…das erfordert oft so gar sehr viel Mut.

    Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass von diesen ganzen so genannten Fachleuten, Autisten im großen und ganzen anscheinend wohl nur als seelenlose Hüllen betrachtet werden…Hüllen die es gilt mit irgendwelchem „Material“ zu füllen…mit nur einem Ziel: Struktur in das Leben von Nichtautisten hineinzubringen, da ansonsten deren eigene Welt ins Wanken geraten würde.

    Ich persönlich glaube nicht dass die autismusspezifische Verhaltenstherapie etwas berücksichtigen kann worüber bis heute doch eigentlich (was das autistische Gehirn und dessen Informationsverarbeitung angeht) noch vieles völlig im Unklaren ist.

    So sehe ich persönlich das jetzt.

    • Pivo schreibt:

      Hallo Zarinka,

      vollkommen richtig, was du schreibst. Bei einer Angsttherapie geht es unter anderem, wie ich geschrieben habe, darum, sich dem angstauslösendem Stimulus auszusetzen. Natürlich ist es wichtig, vorher mit dem Kind über Angst zu sprechen und was das für ein Gefühl ist und warum es ein gutes Gefühl ist. Es geht auch darum, einen Stimulus zu erkennen, vor dem man ruhig Angst haben sollte und eben auch die Stimulis zu erkennen, vor denen Angst zu haben nicht angemessen ist. Den diese Angst ist nur groß geworden, weil Gedanken sie groß gemacht haben.

      Da ich selbst eine „sogenannte Fachperson“ bin, fühle ich mich durch die Diskussion hier herausgefordert, Perspektiven zu wechseln. Ich arbeite mit sehr vielen MEnschen mit einer Autismus Spektrum Störung zusammen und habe nicht einen davon als seelenlose Maschine gesehen. Sorry, ist einfach nicht so. Ich habe hier 5 Kolleginnen, die ebenso überwiegend mit Menschen mit ASS zusammenarbeiten und auch diese sehen in KEINEM Fall Menschen als seelenlose Maschinen.

      Und korrekt angewandte und ethisch vertretbare Verhaltenstherapie mit Menschen mit einer ASS berücksichtigt eben genau die anders gelagerte Informationsverarbeitung von diesen Menschen. Deswegen ist sie ja autismusspezifisch und nicht einfach nur Verhaltenstherapie.

      Ich will hier also niemanden sagen, was er tun soll oder ähnliches, ich lasse mich lediglich auf eine Diskussion ein.

      Beste Grüße
      Pivo

      • Zarinka schreibt:

        „[..]und habe nicht einen davon als seelenlose Maschine gesehen. Sorry, ist einfach nicht so.“

        Nun ja, ich habe ebenfalls nicht von seelenlosen Maschinen gesprochen…ich habe lediglich von meinem persönlichen Gefühl geschrieben: „Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass von diesen ganzen so genannten Fachleuten, Autisten im großen und ganzen anscheinend wohl nur als seelenlose Hüllen betrachtet werden“

        Ich bin zu einer Zeit groß geworden wo man Autismus noch bis weit in die 70er Jahre mit doch recht sonderbaren Methoden gegenübertrat…und im Prinzip hat sich bis heute nicht wirklich grundlegendes in dieser Hinsicht etwas geändert. So jetzt meine persönliche Meinung dazu.

        http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42891862.html

        Sorry, aber ich bin (gerade was die sogenannten Verhaltenstherapien im Kindesalter angehen) nicht wirklich davon angetan…ich betrachte dies weiterhin mit großer Skepsis.

        Auch ich will niemandem hier sagen was er tun soll…was jedoch mich betrifft, so bin ich heute in einem Alter wo ich mir (zum Glück) von keinem mehr sagen lassen muss was ich tun soll oder was ich tun muss…die Zeiten sind endgültig vorbei.

  16. anderssein2000 schreibt:

    Um Himmels willen….

    Zitat: “ “Wir müssen überlegen wie wir Autisten dazu bringen das zu tun was sie sollen“ “.

    Ich fühle mich gerade wie in einem ganz ganz schlechten Film. Das hört sich an, wie ein Satz, den die Lehrerin (Lehrerin an einer Förderschule) unseres Sohnes (Asperger) brachte: “.. er funktioniert nur mit absolutem Druck..“…. nun,.. mein Sohn hat aufgegeben .. und noch 2 qualvolle Schuljahre vor sich, MIT dieser Lehrerin, in seinem SI-Fach… ergo, auch das wird ihm nun verleidet, was bleibt ihm da noch?

    Und ja, ich habe massiv interveniert. Und nein, es hat nichts gebracht. Und eine Alternative haben wir hier leider nicht. Man empfiehlt uns ein Internat, ausschließlich für Autisten, knapp 100km weit weg, das wäre doch ach so toll… Nur, wir sind uns sicher, und werden von seinem Therapeuten unterstützt, dass ihn dies brechen würde.

  17. autzeit schreibt:

    Ich sehe hier ein grundlegendes Problem: Laien, die in irgendeiner Form mit Menschen mit Autismus zu tun haben, bekommen ein therapeutisches (!) Instrument in die Hand gedrückt mit einem therapeutischen (!) Auftrag. Und da liegt meines Erachtens der häufige Fehler bei solchen Seminaren. Denn in Bezug auf diese Laien kann TEACCH allenfalls als pädagogisches Teil(!)-Konzept angewandt werden, um Menschen mit Autismus in bestimmten Situationen den Alltag zu erleichtern. Sei es Kindergarten, Schule oder ganz ordinär der Tagesablauf daheim mit Mama und Papa – oder eben alleine. Den Menschen wird aber häufig suggeriert, dass sie hier ein Instrument an der Hand haben, das dazu beiträgt, dass der Mensch mit Autismus sich grundlegend ändert. Und das ist schlicht und ergreifend falsch! Denn hier sind wir wieder ganz klar tief im therapeutischen Vorgehen und das gehört nun mal nicht in die Hand von Betreuern, Lehrern oder Mamis.
    Diese Unterscheidung: therapeutisches Vorgehen vs. pädagogisches Konzept wird m. E. kaum oder gar nicht gemacht. Und dann landen wir just in solchen Qual-Therapien – die übrigens auch für die betroffenen Eltern furchtbar sind.
    In den von dir beschriebenen Beispielen wurde dann ganz viel von hinten aufgezäumt. Wenn der Schulranzen nicht runtergebracht wird, die Tiere aber versorgt werden können, dann denke ich in erster Linie an ein zeitliches Problem: Den Schulranzen bringt man ja nur Montag bis Freitag runter, Samstag und Sonntag sowie an Feiertagen und in den Ferien aber nicht. Die Tiere jedoch müssen jeden Tag versorgt werden. Ersteres kann schon für Verwirrung sorgen, letzteres nicht. Den Schulranzen dann an das Füttern der Tiere zu koppeln, halte ich so oder so für Schwachsinn – denn das würde ja heißen, dass die Tiere am Wochenende nicht gefüttert werden „dürfen“. Mein Vorschlag hier wäre: Wenn abends die Schulaufgaben erledigt sind, wird der Ranzen zum Abendessen mit nach unten gebracht und an die Garderobe gestellt. Das wird als feste Struktur eingeführt. Dann steht er eben schon Freitag an der Garderobe und am Samstag und Sonntag auch. Das ist dann aber schlicht der „Ranzen-Platz“. Wenn das nicht funktioniert, muss man andere Wege suchen. Aber ich muss nicht anfangen, Tiere zu instrumentalisieren, damit der Mensch nach meinen Bedürfnissen hin funktioniert. *aufreg*

  18. Vincent's Mom schreibt:

    Danke für deinen Text!

    So „Fachleute“ trifft man wohl überall immer noch..
    Mein Sohn (4,5J., frühkindl. A.) hat in den letzten halben Jahr so extreme Fortschritte gemacht (Sprache gefunden, keine Autoaggressivität mehr, bessere Konzentration…) und soll plötzlich seit August kein Autist mehr sein.. Und vorher schon.. Also demnach „darf“ ein Autist sich scheinbar auch nie „weiterentwickeln“…😦 Ich frag mich immer mehr, woran man gute Fachleute erkennt..
    Lg Steffi

    • Darkwolf schreibt:

      Man erkennt sie daran, dass sie bereit sind von Autisten zu lernen, was es bedeutet
      Autist zu sein, Autismus akzeptieren und nicht an irgendwelchen Klischees festhalten
      oder nur versuchen ihre „Therapien“ zu verkaufen.
      Außerdem müssen gute Fachleute das Wohl des Autisten über den Konformitätszwang
      stellen.

  19. Elke schreibt:

    Hallo – das Problem mit den „Fachleuten“ habe ich auch gerade hinter mir. Mein Sohn war schon immer ein wenig „anders“. Da aber gleichzeitig auch hochintelligent, hat er sich eben angepasst. Bis es nicht mehr ging. Nach jahrelangem Mobbing in der Schule ist er eines Tages „ausgestiegen“ (da war er 14). Er hat einfach gesagt: „Das tue ich mir nicht mehr an.“ Und ich wusste in diesem Moment, dass das eine Entscheidung war, gegen die nichts und Niemand angehen kann. Die Diagnosen u. a. soziale Phobie bis zur mittelgradigen Depression kamen (nach Monaten) von einer Uni-Klinik und deren einziger !!! Behandlungsvorschlag war eine Einweisung in die Station. Keine Tagesklinik oder Sitzungen, weil er aus seinem Umfeld raus sollte, damit eine Verhaltensänderung erfolgen sollte. Mein Sohn hat sich geweigert, weil er eben n i c h t aus seinem Umfeld raus wollte – seinem einzigen sicheren Platz. Ich habe – gegen Mann und Jugendamt – hinter ihm gestanden und weitergeforscht, was mit ihm ist. Und schließlich die Asperger-Aspekte bei ihm erkannt. Von Jugendamt und Uni-Klinik verlacht und beschuldigt, dem Kind „Flausen“ in den Kopf gesetzt zu haben, ließ ich ihn in einer Praxis testen (weil er das auch wollte). Jetzt kennen wir also das „was“.
    Nur – das Wissen hilft ihm auch nicht wirklich weiter. Da er sich selber eben nicht als krank einstuft, will er auch keine Therapie.
    Als absoluter Computer-Crack ist er viel beschäftigt – leider auch nachts wegen der Zeitverschiebung – und macht sich bei einem Bekannten im Unternehmen mit seinem Wissen nützlich. Dort hat er auch keine „soziale Phobie“. Nur bei „Schülern“.
    Nach fast 2 Jahren Schulverweigerung habe ich es jetzt geschafft, ihn bei einer Online-Beschulung anzumelden – um der Umwelt irgendwann ein Zeugnis zeigen zu können, was meinem Mann soooo viel bedeutet. Das mag stimmen in unserer Gesellschaft – Firmen wie Auticon haben aber bereits gelernt, was sie an Menschen wie meinem Sohn haben. Ich werde weiterhin versuchen, ihm sein „so sein“ zu ermöglichen und ihn weitgehend aus dem „Schussfeld“ von Müssen und Sollen halten. Ich hoffe, dass er sich so positiv – nämlich selbstbewusst und eigenverantwortlich – weiterentwickelt.
    Es ist manchmal echt nicht einfach, zu verstehen und zu akzeptieren, was er als richtig empfindet und manchmal nutzt er das vielleicht auch ein wenig aus – aber ich ich liebe ihn und deshalb nehme ich ihn eben so, wie er ist. Und verzichte darauf, ihn zu zwingen, sich therapieren zu lassen. Wenn er irgendwann mal das Bedürfnis haben sollte, sein Verhalten zu verändern, wird er sicher selber darauf kommen. Und dann wird es auch richtig für ihn sein.
    Ich fände es wirklich sehr, sehr wichtig, dass es Fortbildungen und Informationen für Lehrer, Ärzte und Jugendämter gibt, die von den „Wissenden“ – weil selber betroffen – abgehalten bzw. erstellt werden. In meiner Frustration keinen adäquaten Ansprechpartner zu finden und meiner Angst, etwas falsch zu machen oder zu unterlassen, was nötig wäre, hätte ich mir „öffentliches Wissen“ gewünscht. Durch meinen „Alleingang“ habe ich mir „unwissende Fachleute“ zu „Feinden“ gemacht, da ich sie zwangsläufig bloßgestellt habe.
    Auch wenn wir beide an dieser Situation gewachsen sind: Ein einziger kompetenter Mensch am Anfang hätte meinem Sohn – und mir – 2 „lausige“ Jahre ersparen können.
    Dank an Alle, die oben gepostet haben.

  20. Pivo schreibt:

    Lieber Aleksander,

    was mich hier wirklich interessieren würde ist das folgende: Therapiemethoden oder auch Therapiehaltungen werden und wurden entwickelt aus dem Willen heraus, Menschen hilfreich zur Seite zu stehen, nicht, um ihnen zu schaden. Natürlich gab und gibt es da immer Fehlentwicklungen, aber grundsätzlich würde ich dies einmal annehmen. Du und auch andere hier haben von Schwierigkeiten beschrieben, die ich in meinem beruflichen Alltag durchaus auch erlebe und mit denen ich umgehen muss, gemeinsam mit den Kindern, Jugendlichen und Familien. Jetzt stellt sich für mich folgende Frage: Was würdest du oder auch andere hier im Blog einer Familie vorschlagen zu tun, die ein 4 jähriges Kind haben, dass bei jedlicher kleinen Veränderung schreiend auf dem Boden liegt und kaum noch erreichbar ist und sich erst nach stunden wieder beruhigt? Welche Methoden, Ansätze etc würdet ihr als „Besseres“ sehen (du schriebst davon, dass es inzwischen besseres gäbe)? Was ist aus Sicht einen Erwachsenen Menschen mit Autismus „das Beste“?

    Vielen Dank für Antworten und das Diskutieren

    LG
    Pivo

    • quergedachtes schreibt:

      Hallo,

      ich werde mich hüten hier ohne Therapeutenausbildung irgendwelche Maßnahmen vorzuschlagen. Das wäre auch so nicht seriös da solche Situationen multifakturell bestimmt sind und man das ganzheitliche Bild betrachten muss.
      Generell gilt: Nichts geht schnell, Nichts ist einfach und alles dauert seine Zeit.
      Ich kann Dir nicht sagen was andere Autisten erwarten bzw als das „Beste“ bezeichnen. Ich ziehe den Autisten unterstützende und multidimensional strukturierende Maßnahmen, die auf den Autisten und seine Bedürfnisse eingehen, vor.

      Aleksander

    • semilocon schreibt:

      Wie wird denn die Veränderung eingeführt? Wird 10 Minuten vorher mal kurz angemerkt „ach ja, das läuft jetzt anders“ oder wird das ordentlich gemacht mit „In einem Monat …. in drei Wochen …. in zwei Wochen … bald wird …“? Das Kind weit im Voraus auf die Veränderung vorbereiten und dies natürlich in einer reizarmen Umgebung und auch Platz für Fragen lassen.

      Ich habe aber auch keine therapeutische Ausbildung, disclaimer. Das ist das, was ich als Elternteil tun würde, wenn ich autistische Kinder hätte.

    • Anita schreibt:

      Ohne therapeutische Qualifikation, aber mit dem Wissen von nun mehr 19 Jahren mit meinen 4 autistischen Kindern.

      Aus rein elterlicher Sicht:

      Eltern müssen sich auf die Ebene des Kindes begeben.
      Auslösende Faktoren herausfinden und entweder abstellen bzw. gut erklären.
      Überschaubarkeit in der Situation bieten und die Tage begreifbar machen.
      Ausreichend Rückzugsmöglichkeiten anbieten.
      Nicht zu viele Aktionen für einen Tag planen.
      Nicht zu viele Anforderungen / Therapieziele zur gleichen Zeit versuchen umzusetzen!

      Eltern müssen sich auf das Kind einlassen!

      Und, es gibt niemals ein Schema F, was auf jeden Autisten passt. Es muss für jeden Autisten einzeln geschaut werden, was dieser eine Autist benötigt.

      Zitat Aleksander 06.10.15 :
      „Generell gilt: Nichts geht schnell, Nichts ist einfach und alles dauert seine Zeit.“

      Das unterschreibe ich sofort.

      Jeder, der in Kontakt mit Autisten ist, muss sehr, sehr viel Geduld haben und gerade Eltern müssen versuchen über Selbstreflektion herauszufinden, wie viel sie zu Überforderungssituationen beigetragen haben.

      Darin sehe ich übrigens einen Großteil der Arbeit von Therapeuten:

      Nicht die Ziele der Eltern / Umgebung ungefiltert auf das autistische Kind / Jugendlichen zu übertragen; sondern ihnen Verständnis für Autismus zu vermitteln und sie darin zu stärken, den Autisten immer „im Auge“ (RW) zu haben und dessen Bedürfnisse zu berücksichtigen!

      Grüße Anita

      • Pivo schreibt:

        Liebe Leute,

        vielen Dank für die Antworten. Alle Antworten kann ich voll unterschreiben und sehe ich ebenso als absolute Basis für die Arbeit mit Familien und ihren Kindern mit einer ASS. Ich denke ebenos wie ihr, dass man Zeit braucht und Geduld. Ich arbeite in einer Spezialambulanz für Autismus Spektrum Störungen. Unsere Arbeit besteht darin, vernünftige und tiefgehende Diagnostiken durchzuführen. Auch dabei gilt: Nicht geht schnell und zeitnah. Auch dabei nehme ich mir sehr viel Zeit, die Kinder und die Familien und andere Systeme kennen zu lernen.
        Und im zweiten Schritt, wenn eine Diagnsoe vergeben wird, nehme ich mir sehr viel Zeit dafür, diese zu erklären und Fragen zu beantworten und ein realistisches Bild mit Eltern zu erarbeiten. Und ich nehme mir dafür so lange Zeit, bis alles deutlich ist. Falls das 1 Jahr dauert, dann dauert es halt so lange. Und falls Eltern Diagnosen anzweifeln, bitte, gerne, alles gut. Ich werde mich sehr davor hüten, die Lebenswirklichkeit von anderen Menschen in Frage zu stellen.
        Und hinsichtlich einer Therapie nehme ich mir auch die notwendige Zeit, um Dinge zu besprechen und zu erklären, was aus meiner Sicht hilfreich ist, was andere als hilfreich erlebt haben…

        Allerdings erlebe ich es auch und kann das auch gut verstehen, dass Eltern (und auch betroffene Kinder oder Jugendliche) wissen möchten, wie sie ihren Schwierigkeiten begegnen können und was sie vielleicht auch aktiv tun können. Beispielsweise arbeite ich in einer Gruppe für Jugendliche mit, bei der es darum geht, zu lernen, Emotionen von anderen zu Erkennen oder auch die eigenen wahrzunehmen und zu erkennen und zu äußern. Das können einige gut, andere nicht so gut. Und auch da wird autismusspezifische Verhaltenstherapie angewandt. Das ist kein Drill, sondern es geht darum, ein Verhalten zu erlernen, welches vielleicht hilfreich sein kann (beispielsweise, um Freunde zu finden). Und es wird keiner gezwungen oder drangsaliert. Aber Verhaltenstherapie funktioniert nunmal so: Ich beschreibe genau, welches Verhalten ich erlernen möchte, ich überlege, wie die Situation so gestaltet werden kann, dass die möglich ist und ich überlege, welche Konsequenzen mich verstärken könnten. Autismusspezifische ist sicherlich dann die Gestaltung der Umgebung, die Aufbereitung der Materialien.

        Ich muss die Therapie passend für jeden einzelnen Patienten gestalten. Ich muss nicht den Patienten passend gestalten für die Therapie. Klingt einfach, wird sicherlich so nicht immer gemacht, unterscheidet jedoch gute von weniger guten Therapeuten.

        Übrigens, was du, Anita schreibst, gilt für jegliche Art therapeutischer Begleitung: Es muss immer so sein, die Bedürfnisse eines Betroffenen im Auge zu behalten. Nur dann kann Therapie etwas bringen.

        Da ihr ja Kontakt zu vielen Menschen mit einer ASS habt, würde ich mich freuen, wenn ihr mir berichten könntet, was diese sich wünschen, wie diese sich eine Therapie vorstellen, welche geholfen haben etc. Denn das wäre auch für Therapeuten genauso wichtig zu erfahren. Nicht nur, was geschadet hat oder nicht geholfen hat, sondern auch darüber zu schreiben, was geholfen hat. Vielleicht kann das ja auch klappen. Also eher darüber zu schreiben und darüber zu berichten, was hilft. Oder liege ich damit falsch?

        Danke für dir Offenheit,

        Beste Grüße
        Pivo

        • quergedachtes schreibt:

          Hallo,

          wenn es kein Drill ist, nicht in vielen Stunden der Woche stattfindet und auf den Wünschen der Autisten beruht: Warum nennst Du es dann ABA bzw beziehst Dich in vorhergehenden Kommentaren drauf? Das verstehe ich ehrlich nicht.
          Es ist ein erheblicher Unterschied zwischen ABA als System und Verhaltenstherapie auf der anderen Seite.

          Ich mache Dir bzw den Mitarbeitern der Spezialambulanz in der Du arbeitest ein Angebot:

          Bucht mich doch einmal z.B. für eine Gesprächsrunde (für die Mitarbeiter, gerne auch gesondert für Autisten/Familien/Interessierte Menschen). Ich denke man kann in einem persönlichen Gespräch viel mehr ereichen und austauschen als über Kommentare in einem Onlinemedium. Und dann merkt Ihr sicher auch das ich weder beisse noch grundlos gegen intensive Frühförderungsansätze bin. Ich bin ja immer für einen offenen Austausch.

          Grüße

          Aleksander

        • Anita schreibt:

          Zitat Pivo: „Übrigens, was du, Anita schreibst, gilt für jegliche Art therapeutischer Begleitung: Es muss immer so sein, die Bedürfnisse eines Betroffenen im Auge zu behalten. Nur dann kann Therapie etwas bringen. “

          leider habe ich dann bisher grundsätzlich die A-Karte gezogen………. in all den Jahren ist mir eine einzige Person untergekommen, die dies auch zu 100% so gesehen und so gearbeitet hat.

          Diese Therapie wurde von einer Kunsttherapeutin gemacht. Denn, über „etwas mit den Händen“ bearbeiten, war der Focus nie beim Gegenüber und somit waren Gespräche jedweder Form wesentlich einfacher und vor allem einprägsamer!

          Das ist generell etwas, was ich bei meinen Kindern beobachtet habe. Arbeiten sie mit den Händen, ist der Kopf freier und gestalten sich Gespräche einfacher.

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