Ein Rückblick

In den letzten Wochen hat das Leben mit mir so einige Berg- und Talfahrten veranstaltet und ich muss mir das einfach mal von der Seele schreiben. Da ist mir die Außenwirkung für mich als Referent und Dozent erst einmal egal. Es geht um mich als Mensch.  Oder um eine liebe Person zu zitieren: Dein Blog, Deine Party!

Eine Warnung vorab: Dieser Blogpost ist nicht leicht zu verkraften und wer sich derzeit nicht stabil fühlt oder bei dem die Themen Tod , Suizid und Depressionen etwas triggern:  Bitte nicht weiterlesen.

Ich befinde mich nun seit fünf Wochen in einer medizinischen Reha die lange geplant war. Ich hatte feste Ziele und wusste was ich wollte. Zumindest bis zu dem Dienstag zwei Wochen vor der Reha. Ein Tag der alles veränderte und mich mit einer Situation konfrontierte vor der ich immer Angst hatte.

Ich hatte bei meiner Mutter um die Ecke einen Friseurtermin und so wollte ich natürlich auch bei ihr vorbeischauen. Am Tag vorher konnte ich sie nicht telefonisch erreichen. Was mich zwar nervös machte, aber es herrschte gutes Wetter und meine Mutter war immer mal wieder spontan unterwegs. Kurzum ging ich bei Ihr vorbei. Ich klingelte. Niemand reagierte. Ok, evtl war sie an diesem Morgen unterwegs. Also ab zum Friseur. Auf dem Rückweg wieder geklingelt. Keine Reaktion. Eine Nachbarin lies mich ins Haus, ich stand also vor der Wohnungstür und klingelte und klopfte dort. Vor der Tür lagen zwei Tageszeitungen. Ungewöhnlich. Der Nachbar der einen Schlüssel zu ihrer Wohnung hatte war nicht erreichbar und so saß ich da im Treppenhaus. In mir stieg Panik auf. Ich wollte nun in die Wohnung und sehen das alles ok ist.

Ich fasse mich kurz: Niemand wusste ob meine Mutter kurzfristig verreist war (was auch eher untypisch gewesen wäre), der Nachbar kam und so betrat ich die Wohnung. Ich rief nach ihr, keine Antwort. Am Mittag Licht im Schlafzimmer: Da stimmte was nicht. Innerhalb von wenigen Metern zerfraß mich die Panik. Ich fand dann meine Mutter, tot, im Bad liegend. Dieses Bild, es hat sich eingebrannt. Schlimmer noch: Wenn ich seitdem an schöne Situationen mit meiner Mutter dachte, versuchte beruhigende Bilder zu erinnern, immer dann fingen diese Bilder an zu flackern und wurden bzw werden immer noch  von dem Bild überdeckt was ich da sah. Das Elternteile sterben ist der Lauf des Lebens, das man sie tot auffindet ist eine andere Sache. Auf Sonderwünsche wie „friedlich im Bett liegend“ nimmt das Leben da keine Rücksicht.

Dieser Tag war dann geprägt von Notarzt, Polizei, Polizeiarzt und jeder Menge Dingen die erledigt werden mussten. Es folgten zwei Wochen die anders abliefen als ich geplant hatte, meine Vorbereitungen für die Reha fanden auf den letzten Drücker statt.

Kleiner Zeitsprung: Rehazeit. Da ich die Klinik hier kenne viel mir das erste Einleben recht leicht. Dachte ich zumindest. Ich war optimistisch. Zumindest solange bis ich auf den Psychologen hier traf. Sagte ich schon mal, dass ich schnell das Vertrauen verliere bzw schwer welches aufbauen kann? Das ich müde bin zu erklären was Autismus ist wenn ich selbst Hilfe brauche? Und das wohl so ziemlich alles in die Hose ging was da rein gehen konnte.

Der Diplom Psychologe setzte in der zweiten Stunde auf Provokation. Das war schon schlimm genug und hat viel dazu beigetragen was danach passierte. Was mich aber, zumindest im Rückblick, noch mehr ärgerte: Er hatte nichts verstanden. Wie schon so oft wurde aus einem „Ich habe Probleme durch den Autismus erzeugt von der Umwelt und den Mitmenschen“ ein „Ich habe ein Problem mit meinem Autismus“. NEIN. So dauerte es nicht lange bis der Herr Psychologe meinen Autismus in Frage stellte, mich fragte wie ich reagiere wenn er mir das abspricht Autist zu sein und vor allem was ich machen würde wenn die gesamte Welt mir das nicht glauben würde. Ich solle meinen Autismus akzeptieren. Ja, ich. Der Mensch der dafür bekannt ist, dass er in seinen Seminaren und Veranstaltungen sehr ausgeglichen und reflektiert wirkt. Jemand der, nach außen sichtbar, eben nicht mit dem Autismus kämpft sondern mit der Intoleranz der Umwelt. Nun denn, es folgten noch Fragen was ich eigentlich bei ihm wolle, was das Ziel des Termins für mich sei und überhaupt er sei für Klönschnack nicht da. Ich hätte ja keine Probleme und während ich in der Klinik jeden Tag dreimal üppiges Buffet hätte würden minütlich, wenn nicht gar sekündlich, Kinder auf der Welt verhungern. Hm ja.

Was folgte war schlimm. Ich brach nach dem Gespräch zusammen, saß weinend auf dem Zimmer und war einfach nur müde. Müde vom Leben, also Lebensmüde. Nicht das ich aktiv Suizid hätte begehen wollen oder können, aber es wäre mir egal gewesen wenn das Leben zu Ende gewesen wäre. Meine Frau rief sogar voller Sorge in der Klinik an. Hello Darkness my old Friend. Eine beschissene Zeit. Nichts fühlen, leer sei, alles egal. Mich warf dieser Termin um Welten zurück. Psychisch wie auch körperlich. Eine Fachkraft hat mich, innerhalb einer Stunde, in eine Lage gebracht die unerträglich war. Zumindest im Rückblick, damals war es mir egal. Wie gesagt: Mich hätte ein Auto überfahren können: Who cares? Blutzucker am Entgleisen weil ich Diabetiker bin? Shit on it. Tabletten genommen oder Insulin gespritzt? Ich konnte mich nicht erinnern, war auch egal. Hier wäre die Reha beinahe am Ende gewesen, die Akutklinik winkte schon zur Aufnahme. Wenn ich bisher durchaus rehafähig gewesen war, der Psychologe hat mich tatsächlich in einen Zustand geschossen in dem man wohl sagen würde: Reha ist sein letztes Problem. Das hatte ich davon einem Psychologen zu „vertrauen“ und ihm offen die wunden Stellen zu offenbaren die mich verletzlich machten. Er verletzte mich wie ne Axt im Walde.

Kurzer Zeitsprung: Ich schrieb eine Beschwerde über den Psychologen, redete 2 Tage kaum bis gar nicht und sorgte mit letzter Kraft dafür das ich diese Person nicht mehr sehen musste.

Die Nachfolgerin war besser, wir kamen aber auch irgendwann zum Schluss: Mir ist, in dieser Reha, nicht zu helfen. Also was meine Depressionen betrifft. Auch hier kam, kurz, wieder ein sehr bitteres Gefühl auf: Die Depression schien gewonnen zu haben. Ich hatte verloren. Hilfe war nicht möglich. Kombiniert mit dem Gefühl Lebensmüde zu sein eine Erfahrung die ich keinem wünsche. Müde vom Leben zu sein ist das Eine, sich dem quasi ergeben weil man aufgibt und keine Hoffnung mehr sieht die seit Jahrzehnten bestehenden Depressionen zu mildern…..ist das Andere.

Was soll ich sagen: Danach ging es mir irgendwann besser, schlechter ging ja auch kaum noch, oder? Die Reha wurde auf sieben Wochen verlängert und ich fing endlich an was für mich zu tun. Oder wie es eine Qi Gong Übung beschreibt: Das ist dein Weg, hier grenzt Du Dich ab von dem was Dir schadet, und jetzt ziehst Du das zu Dir was Dir gut tut. Drei Bewegungen die viel bewirkt haben.

 

Könnt Ihr mir noch folgen? Eigentlich ist genug passiert, die Reha steht aber auch aus einem anderen Grund nicht unter einem „guten Stern“. Ich muss sie selbst bezahlen. Meine Krankenkasse ist nämlich der Meinung dass eine stationäre Reha nicht medizinisch indiziert sei. Man müsse also auch nichts bezahlen. Hier waren sie wieder: Meine Probleme damit wie meine „Umwelt“ mit meinem Autismus umgeht. Und auch hier bin ich wieder sehr offen:

Der Leitsatz „Ambulant vor Stationär“ ist ja lobenswert und soll eigentlich auch den Patienten schonen. Wenn man, wie ich, aber durch Überlastung nicht in der Lage ist zum Arzt zu gehen wird das zu einer Falle. Von einer Therapie rede ich erst einmal gar nicht. Und ja das gibt es: Das man so überlastet ist und keine Arzttermine, geschweige denn regelmäßige Termine, wahrzunehmen obwohl man sehr genau weiß und auch merkt das einem das körperlich massiv schadet. In der idealen Welt des Medizinischen Dienstes der Krankenkasse (MDK) und bei meiner Krankenkasse ist das allerdings nicht vorgesehen. Du kannst nicht zum Arzt gehen? Dann kannst Du weder krank sein noch brauchst Du Hilfe. Eine Fachärztin für Allgemeinmedizin zählt nicht, ich habe gefälligst zu den „richtigen“ Fachärzten zu gehen. Hmmm, ja. Schlimmer noch. Der MDK schrieb in seinem Gutachten: Also wenn ich Depressionen hätte solle ich erst eine Psychotherapie machen. Dann könne man weiter reden. Und überhaupt: Wenn ich wegen meines Autismus in Reha will muss ich, nun haltet Euch fest, fachärztliche Berichte vorlegen, dass ich überhaupt rehafähig bin. Und weil ich nur zwei Wochen Zeit für die Erwiderung hatte bedeutete das: Drei Facharzttermine  und zugehörige Gutachten in eben zwei Wochen einzureichen. Für jemanden der, ich war da offen, eben nicht in der Lage ist Termine bei Ärzten verlässlich wahrzunehmen weil es mir nicht gut ging.  Ich hatte also die Wahl zwischen Depressionen oder Autismus als Rehagrund und musste vorab  meine Unschuld – sorry meine rehafähigkeit- beweisen. Man sprach sie mir seitens des MDK ja alleine wegen der Diagnose grundsätzlich ab. Schlimmer noch: Ich stand vor der Wahl nicht zum Arzt zu gehen weil ich es nicht kann und damit keine Chance mit dem Widerspruch zu haben oder den Arztmarathon irgendwie zu schaffen mit dem Risiko dann zu hören: Na so schlimm kann es ja nicht sein, sie konnten ja doch zum Arzt gehen. Wie man sich dabei fühlt? Beschissen!

Die Krankenkasse hat aber sowieso alles was ich erklärend angeben habe entweder überlesen oder gegen mich verwendet. Aktuell berufen sie sich darauf ich hätte ja selbst eingestanden nicht rehafähig zu sein. Begründung: Ich schrieb dass ich Probleme mit großen Therapiegruppen hätte und deshalb, weil es hier sehr kleine Gruppen gibt, gerne in diese Klinik hier möchte. Den Zusatz dass die letzte Rehamaßnahme hier erfolgreich war – belegbar durch den Entlassungsbericht von damals-  wurde unter den Tisch gekehrt! Was bleibt mir nun? Ich kann gegen den Bescheid des Widerspruchsausschusses klagen. Was bringt mir das? Einen Gerichtstermin in ein bis zwei Jahren. Ich brauche die Reha jetzt, nicht in ferner Zukunft. Deswegen bin ich ja auch hier und nicht Zuhause. Meine Reha ist medizinisch nicht indiziert? Warum verlängern die Fachärzte hier dann meinen Aufenthalt auf 7 Wochen? Ich bin nicht rehafähig? Sehen die Therapeuten hier anders.

Ihr lest immer noch hier mit? Danke.

Es schließt sich ein Kreis. Ich brauche Hilfe weil ich Probleme damit habe wie die Gesellschaft mit meinem Autismus umgeht und wie sie mich teilweise diskriminiert und behindert. Die Hilfe bekomme ich aber nicht weil ich als Autist eben pauschal erst beweisen muss dass ich mir diese Hilfe verdient habe und überhaupt rehafähig bin. Mir wird also erst einmal auferlegt etwas zu beweisen was mir einfach abgesprochen wird. Im Zweifel für den „Angeklagten“ und eine „Unschuldsvermutung“ gibt es nicht wenn Fachleute des MDK feststellen dass die Diagnose Autismus eine Rehafähigkeit ausschließt.

Was bleibt ist eine recht hohe Rechnung und die Erfahrung dass Fachärzte über einen bestimmen können wie sie es gerne hätten. Sie machen sich die Welt wiedewie sie ihnen gefällt. Menschenrechte und der Anspruch auf Hilfeleistungen, das Grundrecht aufgrund einer Behinderung nicht diskriminiert zu werden sind in dieser Welt egal. Und das Schlimmste ist: Der Umgang mit dem Menschen hinter der Aktenlage aufgrund derer man entscheidet. Menschlichkeit? Not available in this System!

P.S.: Mir geht es wieder besser und ich habe überhaupt erst jetzt die Kraft das alles mal zu schreiben. Und Kraft um weiter zu kämpfen 🙂

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